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Vielfalt politischer Kulturen

Dr. Reinhold Weber

Jedes der größeren und kleineren Ausgangsgebiete des heutigen Landes weist seine eigenen politischen und kulturellen Traditionen auf, die aus den jeweiligen historischen Erfahrungen herrühren. Die Konfession übte dabei eine besondere Prägekraft aus. Die kulturelle Vielfalt und die ausgeprägte Individualität der Gebiete haben die Mentalität der Menschen geformt und sich zu spezifischen regionalen politischen Kulturen verdichtet. Sie waren das „Produkt geopolitischer Gegebenheiten, ökonomischer Bedingungen, vergangener Erlebnisse, obrigkeitlicher Erziehungsmaßnahmen und historischer Traditionen“ (Hans-Georg Wehling) und sind für das Verständnis des Landes aufschlussreich. Nur bedingt wurden diese Strukturen kleiner Kultur durch das Vereinheitlichungsstreben der beiden neuen Mittelstaaten „von Napoleons Gnaden“ – Baden und Württemberg – überformt.

Die Unterschiede beider Länder sind deutlich. In Baden fand 1848/49 die einzige erfolgreiche Revolution auf deutschem Boden statt, die nur durch fremde – preußische – Truppen niedergeschlagen werden konnte. In Württemberg gab es statt einer Revolution in der Hauptsache einen parlamentarischen Mehrheits- und Regierungswechsel mit liberalen Reformen – Frucht einer jahrhundertealten ununterbrochenen Partizipationskultur in Altwürttemberg.

Während des Kulturkampfes, der in Baden früher schon als in Preußen einsetzte, erlebte das Land seit den 1850er Jahren einen besonders heftigen Konflikt zwischen der katholischen Kirche einerseits und dem Staat mit protestantischem Herrscherhaus und protestantischer, überwiegend liberaler Verwaltungselite andererseits. Württemberg galt demgegenüber während des Kulturkampfes als „Oase des Friedens“, wenngleich der katholisch- protestantische Gegensatz auch hier die Katholiken zusammenschweißte und Gesellschaft und Politik prägte.


Entstehen gesellschaftlicher Mileus


Am Ende des 19. Jahrhunderts, als sich die Fundamentalpolitisierung der Gesellschaft durchsetzte, entstanden durch die kulturelle Überformung sozioökonomischer und konfessioneller Interessenlagen deutlich voneinander abgegrenzte gesellschaftliche Milieus: ein (national-) liberales, „modernes“, weil am säkularen Staat orientiertes Milieu in den meist städtisch- protestantischen Gebieten mit starker Handwerkerschaft und starkem Wirtschaftsbürgertum; ein überwiegend protestantisches Arbeitermilieu in den Industriestandorten, schließlich ein „ultramontanes“ – weil „jenseits der Berge“ an Rom orientiertes – katholisches Milieu, das konfessionsintegrierend alle Volksschichten umfasste.

Speziell für Württemberg kam ein ländlich-agrarisches und protestantisch-konservatives Milieu hinzu. Jede dieser gesellschaftlichen Großgruppen – geprägt von den Faktoren Region, Konfession, Schichtzugehörigkeit und kulturelle Orientierung, getragen von einem ausdifferenzierten Vereins- und Verbandswesen – unterstützte seine jeweils spezifische parteipolitische Interessenvertretung: die protestantischen national- und linksliberalen Parteien, die Sozialdemokratie, das Zentrum als Partei des politischen Katholizismus und den protestantisch-konservativen Bauernbund in Württemberg.

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Bildergalerie:

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Politik & Unterricht: Regionen in Baden-Württemberg

 
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Regionale Identität im Alltag
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Großregionen in Baden-Württemberg
Wege zur Landesindentität
Heft 1/2001 PDF (2 MB) 

 
 
 
 

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