Landeskunde Baden-Württemberg

 

Ravensburg im Dritten Reich

Ravensburg im Dritten Reich, 1997

Eine späte Folge der 68-er Jahre: Generation der Kinder drängte nach Aufarbeitung.

Stefan Jehle

Die Aufarbeitung der zwölfjährigen Zeit des Nationalsozialismus erfolgte in Deutschland in mehreren Wellen. Lange Zeit lag vor allem die Forschung auf lokaler Ebene brach: als eine der Folgen der 68-er Jahre drängten ehemals Verfolgte, jedoch auch die Kinder von Menschen, welche NS-Zeit und 2.Weltkrieg erlebt hatten, auf die Analyse des Nationalsozialismus auch im lokalen Umfeld.

Einige Städte im Südwesten spielten hier schon in den 1990-er Jahren eine Vorreiterrolle, etwa Ravensburg. Als vorbildhaft gelten auch Sammlungen mit Geschichtsbildern zu den kontrovers diskutierten Jahren in Tübingen, Stuttgart, Mannheim, Mühlacker, Tuttlingen, Ettlingen, später auch Reutlingen und Heilbronn. Dieser Beitrag schildert die Aufarbeitung am Fallbeispiel der damals etwa 20.000 Einwohner zählenden Stadt Ravensburg – die heute mehr als doppelt so groß ist.

Aufarbeitung von zwölf dunklen Jahren nach dem Krieg: zeitgeschichtlicher Kontext

„Das Geheimnis der Versöhnung heißt Erinnerung“. Dieser Satz des früheren Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker – ausgesprochen im Deutschen Bundestag, aus Anlass der 40-jährigen Wiederkehr des Kriegsendes am 8.Mai 1985 – sorgte einst für Aufruhr. Und war gleichzeitig prägend für jüngere Menschen aus geburtenstarken Nachkriegsjahrgängen. Es war so etwas wie „das letzte Gefecht“.

In der Zeit des Wirtschaftswunders schaute man gerne erst mal weg, wenn es um die Gräuel der Nazi-Zeit ging. Mutige und engagierte Menschen sorgten jedoch in den 1960-er Jahren dafür, dass beispielsweise wichtige KZ-Aufseher in den „Auschwitzprozessen“ vor Gericht erscheinen mussten. Neue Initiativen in den 1970-er und 1980-er Jahren forderten Aufklärung über NS-Täter auch auf lokaler Ebene. Die Geschichtsschreibung erhielt beispielsweise einen neuen – und vielleicht mutmaßlich letzten – Schub auch durch eine emotional aufwühlende mehrteilige US-Fernsehfilmserie. Einprägsam im Titel, nur aus einem Wort bestehend: „Holocaust“.

Dabei hatten die einstigen Besatzer, die Engländer, Amerikaner, Franzosen durchaus hehre Ansätze, die Nazi-Zeit aufzuarbeiten, Schuldige zu bestrafen: Entnazifizierung – und Spruchkammerverfahren – der unmittelbaren Nachkriegsjahre zeigten jedoch die Problematik auf, wenn es um die konkrete (Mit-) Täterschaft – und Mitläufer – vor Ort ging: durch die Nähe der Menschen zueinander, die bestehenden Netzwerke untereinander. Schon mit Gründung der Bundesrepublik 1949 wollten viele nichts mehr hören von dem „An-den-Pranger-stellen“. Man fürchtete Unruhe, gerade in kleinen Kommunen – wollte die Geschichte „auf sich beruhen lassen“.

Doch ein totalitär durchstrukturierter Unrechtsstaat, wie das nationalsozialistische Deutschland konnte nur wirklich „funktionieren“, wenn auch die lokale Bevölkerung mitmachte: es waren eben nicht nur die prominent bekannten NS-Täter vom Schlage eines Joseph Goebbels, eines Heinrich Himmler oder eines Josef Mengele. Die Nürnberger Prozesse 1946, die zu rund einem Dutzende Todesurteile führten, waren beileibe nicht ausreichend um den Deutschen die Demokratie zu lehren.

Foto: Haus der Stadtgeschichte, RavensburgRavensburg, Marienplatz     Foto: Haus der Stadtgeschichte Ravensburg

Der Anstoss zur Recherche:
Ein Gedenktag zur Reichskristallnacht 1938

Doch es bedurfte eines Anstosses, die Aufarbeitung auch in einer kleineren Stadt anzugehen, Hintergründe zu ergründen, wie es zu diesem kulturellen Desaster kommen konnte – wie am Beispiel des gerne Oberschwabens Metropole genannten Ravensburg. Das „schwarze“ Ravensburg wird „braun“ – Die NSDAP in Ravensburg – Die Gleichschaltung der Ravensburger Lokalpresse – Antisemitismus und Schicksal der Juden – und schließlich: Politische Säuberung in Ravensburg 1945-1952. So lauteten einige der Artikel, die in den 1990-er Jahren, mehr als 50 Jahre nach Kriegsende entstanden. Daraus lässt sich in heutiger Zeit ablesen, wer, wann, wie und in welchem Umfang – in einer Kleinstadt – am NS-Regime beteiligt war.

482 Seiten sollte am Schluss das Hauptwerk zur Aufarbeitung der Ravensburger Geschichte im Nationalsozialismus umfassen, das 1991 bis 1996 erarbeitet worden, und 1997 in der lokal verorteten Oberschwäbischen Verlagsanstalt erschienen war, und dabei nun schon seit Jahren – nach der 2. Auflage – vergriffen ist. Das Interesse unter den Nachgeborenen war groß, die Rezeption aber durchaus geteilt.

Dass es überhaupt so lange dauerte, sich der eigenen lokalen Geschichte zu nähern, hatte mehrere Gründe: Akten über die Entnazifizierung waren in der einst französischen Besatzungszone erst seit 1993 frei zugänglich. Erst damit war es möglich, einen wissenschaftlich fundierten Blick auf Täter und Mitläufer zu werfen.

Die Autoren, die sich der einzelnen Themen annahmen, waren fast allesamt noch Kinder – teilweise noch gar nicht einmal geboren – als der 2.Weltkrieg zu Ende ging. Sie kamen also nicht als Täter in Betracht, waren für die Aufarbeitung weitgehend neutral und unbeteiligt. Dazu kam: nur wenige stammten aus der oberschwäbischen Stadt selbst, überwiegend waren diese neu zugezogen. Nur ihnen war es vielleicht möglich, einen möglichst unverstellten Blick auf das Geschehene einzunehmen.

Peter Eitel, einst Stadtarchivar der oberschwäbischen Stadt in den Jahr 1973 bis 1998, und als Pensionär noch aktiv in Sachen Stadtgeschichte, war maßgeblicher Motor zur Aufarbeitung der NS-Täterschaften in der Mitte Oberschwabens. Der Impuls, eine Idee konkret in die Tat umzusetzen, kam ihm – so sagt er Jahre später – anlässlich des 50. Jahrestages der Reichspogromnacht, dem Gedenken an jenen 9.November, bei dem 1938 die Juden in Deutschland endgültig ihrer eigenen Rechte und menschlichen Würde beraubt wurden.

Ravensburg war keine Hochburg der Juden, sieben Familien waren hier verzeichnet – aber doch gab es einige prominente jüdische Mitbürger, die ausgesiedelt, oder ermordet worden waren. In Ravensburg hatte es zudem einige wichtige jüdische Geschäfte gegeben, etwa das Haus Wohlwert (später Warenhandelsgesellschaft „Staufia“), das nach dem Krieg zur „Woolworth“-Kette gehören sollte. Bekannt war auch der Obstbauer Dr. Ludwig Erlanger. Peter Eitel hatte sich bei der Suche nach Mitstreitern zur Aufarbeitung „auch einige Körbe geholt“. Nicht jeder wollte da sofort mitmachen. Am Beispiel eines prominent im späteren Sammelband platzierten Fotos schildert Eitel auch, welche inhaltlichen Auseinandersetzungen es gegeben hat.

Marienplatz, NS-Funktionäre 1938 vor RathaustürMarienplatz, NS-Funktionäre 1938 vor Rathaustür    Foto: Haus der Stadtgeschichte Ravensburg

Ein Foto löste Emotionen aus: Kinder einstiger NS-Täter sahen sich gebrandmarkt

Auf Seite 60 des dicken Werkes zur Aufarbeitung waren auf einem Bild aus dem Jahr 1938 vor der Rathaustreppe alle politischen Leiter der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei (NSDAP), Amtsträger und Ortsgruppenleiter abgelichtet: damit die politische Führungsschicht des Kreises Ravensburg. Das Foto war 1997 vorab schon in der heutigen „Schwäbischen Zeitung“ erschienen. Es waren rund 45 Personen abgebildet, die sich um Kreisleiter Carl Rudorf gruppierten. „Ältere Ravensburger haben in dem Gruppenbild der Parteibonzen ein öffentliche Anprangerung gesehen. Kein Foto hat soviel Ärger und Emotionen ausgelöst“, sagt Eitel. Es waren dies in einigen Fällen die Stimmen der Kinder und Anverwandten einstiger Funktionäre, die – wohl vorrangig – um den Klang des eigenen Namens fürchteten. Zweitrangig war diesen dabei offenbar, welche Täterschaft jeweils hinter den Einzelporträts auf dem Bild steckt. Man sollte einfach nicht „für Gerede“ sorgen.

Wolf-Ulrich Strittmatter, ebenfalls inzwischen pensioniert, hatte als langjähriger Deutsch- und Geschichtslehrer an örtlichen Gymnasien das wichtige, rund 60 Seiten umfassende Kapitel zur Entnazifizierung nach dem Krieg – und auch den Beitrag zu Organisation der örtlichen NSDAP – verfasst. Ihm hatte noch zuvor die Leitung seiner damaligen Schule, immerhin 50 Jahre nach dem Krieg, eher wohlwollend nahegelegt gehabt, er „solle die Finger davon lassen. Das könne nur Ärger geben“. Derartige Versuche zur Beeinflussung der Autoren waren es nicht wenige.

Peter Eitel, als Herausgeber, hatte dabei die volle Rückendeckung der Ravensburger Stadtverwaltung. Jedoch bekam auch er „den Widerstand ganz normaler Bürger der Stadt“ zu spüren, da überhaupt mitzumachen. Ein Faktum, das heute – weitere 20 Jahre später – so vermutlich nicht mehr zu erleben wäre, ganz einfach weil viele Zeitzeugen zu den zwölf dunklen Jahren inzwischen nicht mehr lebten, diese damit weitaus nüchterner betrachtet zu werden scheinen. 1997 sah das noch anders aus.

„Zweiundfünfzig Jahre nach dem Ende der nationalsozialistischen Herrschaft wird hier nun auch für Ravensburg ein Buch vorgelegt, das die Stadtgeschichte während der zwölf Jahre des Dritten Reiches zum Thema hat. Zu früh oder zu spät?“, schrieb zu dieser Zeit als Herausgeber des Buches noch in seinem Vorwort. Der Abstand von mehr als einem halben Jahrhundert verschaffe immerhin eine Distanz, der einer unaufgeregten, um Objektivität bemühten Betrachtungsweise förderlich sei, ließ Eitel wissen. Der Zeitpunkt der 1990-er Jahre war jedoch auch die letzte Chance, noch Zeitzeugen befragen zu können. Die mündlichen Aussagen – die „oral history“ – waren zumindest wichtig, um die Aktenfunde einordnen zu können, und umgekehrt.

Foto: Haus der Stadtgeschichte Ravensburg

Akten aus zwölf Jahren NS-Geschichte wurden kurz vor Kriegsende vernichtet

Große Teile bedeutsamer Akten waren jedoch schon im April 1945 verschwunden. Wie andernorts auch, hatte der einstige Kreisleiter der NSDAP, Carl Rudorf, der als oberster Funktionär der Partei – ähnlich den Parteichefs im Sowjet-System – noch über den Bürgermeistern und Stadtverordneten stand, wichtige NS-Akten vernichten lassen. Nicht weniges an Überlieferungen zu den Ereignissen während der zwölf Jahre musste deshalb in mühevoller Kleinarbeit neu zusammen getragen werden.

Wolf-Ulrich Strittmatter hat nach eigenen Angaben rund 200 Entnazifierungsakten der französischen Militärbehörden eingesehen, die seit 1993 wieder frei zugänglich waren: teilweise im Staatsarchiv Sigmaringen – in Zuordnung nach dem ehemaligen Teil-Bundesland Südwürttemberg-Hohenzollern, aber auch im Staatsarchiv Freiburg und darüber hinaus Personalakten der Parteimitglieder aus dem Dritten Reich im Bundesarchiv in Berlin. Die Kladden zu Einzelpersonen umfassten dabei von einigen wenigen Blättern bis zu 150 Seiten. Entschieden werden musste bei der Umsetzung im Buch, im Einzelfall, ob Leute „aus der 1.Reihe“ mit vollem Namen, oder aber bloße Mitläufer – nur mit Funktion, oder Namenskürzel – benannt wurden.

Carl Rudorf, der NS-Kreisleiter im einstigen Oberamt Ravensburg – teilweise identisch mit dem heutigen westlichen Landkreis Ravensburg – taucht dabei in dem Band mehrmals auf: einmal in einem ausführlichen Porträt, auf rund zwölf Seiten. Schließlich als ranghöchster Funktionär im Rahmen der Entnazifizierung, als Beispiel eines Parteifunktionärs „zwischen Opportunismus und Fanatismus“. Rudorf war, an seinem Fall beispielhaft aufgezeigt, zunächst einige Monate im Militärgefängnis der Stadt untergebracht, ehe er von Juni 1946 bis August 1948 im Internierungslager der Franzosen auf der Schwäbischen Alb bei Balingen eingesperrt war.

Manches von dem, was studierte – und die ehrenamtlich verpflichteten – Historiker in Ravensburg zu Tage förderten, war in Umrissen durchaus älteren Mitbürgern geläufig, vieles wurde aber auch nun wissenschaftlich fundiert „gerade gerückt“. Bemerkenswert ist die Äußerung des Herausgebers Peter Eitel in einem 2007 veröffentlichten Manuskript, dass „bis weit in die 1970-er Jahre das Thema Drittes Reich in der Landes- und Ortsgeschichte weitgehend tabu war. Mein Vorgänger im Amt des Stadtarchivars war selbst zeitweilig ein überzeugter Nationalsozialist...“

Ravensburgs „berühmter Sohn“: Kammersänger Karl Erb war ab 1933 in der Partei

Der in den 1920-er und 1930-er Jahren weit über den deutschen Sprachraum hinaus bekannte und berühmte Kammersänger Karl Erb, der unter anderem jahrelang feste Engagements an der Bayerischen Staatsoper hatte, wurde „als der berühmte Sohn der Stadt“ nach dem Krieg weiterhin verehrt: aber erst mit dem von Peter Eitel herausgegebenen Buch bekam die breite Öffentlichkeit zur Kenntnis, dass Karl Erb bereits seit 1933 NSDAP-Mitglied und auch förderndes Mitglied der SS war. „Frei und unpolitisch“ habe er sein „Dienen und (...) Singen dem Deutschen Volk erwiesen“, ließ Erb 1946 – laut Aktenvermerken – im Entnazifierungsverfahren wissen, er, der 1938 noch von Adolf Hitler persönlich den Titel „Professor“ verliehen bekommen hatte. Der Interpret von Mozart, Schubert oder Bach tauchte auch in einem Roman von Thomas Mann – und bei Schriftsteller Martin Walser – wieder auf.

 
SS-Mitgliedsbuch von Karl Erb    Foto: Haus der Stadtgeschichte Ravensburg


NSDAP-Kreisleiter Carl Rudorf – der sich: nachdem zunächst sechs Jahre Arbeitslager gefordert waren, seit November 1948 wieder auf freiem Fuß befand – war laut Entnazifierungsakten und Spruchkammerverfahren vorgeworfen worden, sich „durch Ausübung von Gewalt, durch Drohungen und Brutalität eine Herrschaft der Unterdrückung und Ungerechtigkeit aufgerichtet zu haben“. Er sei auch durch „Verfolgung aus persönlichem Hass aufgefallen, sowie als ausgeprägter Antisemit.

Dieser Carl Rudorf taucht viele Jahre später in einem Band des langjährigen CDU-Politikers Heiner Geißler im Jahr 2009 („Ou Topos. Suche nach dem Ort, den es geben müsste“) wieder auf, als derjenige, unter dem schon Geißler Senior, der Vater des CDU-Politikers, zu leiden hatte. Der einstige Zentrumspolitiker, von Beruf Vermessungsingenieur aus Oberndorf am Neckar, war ins oberschwäbische Ravensburg versetzt worden. Und kam auch in Ravensburg, beim Aufenthalt etwa zwischen den Jahren 1935 und 1938, bald wieder in Konflikt mit der NS-Partei.

Das von Peter Eitel herausgegebene Buch schildert im Beitrag eines langjährigen Leiters der Einrichtung auch eindrücklich, wie sich Ärzte des Psychiatrischen Landeskrankenhauses in Weissenau in der damals noch selbstständigen Gemeinde Eschach – zu einem Teil wenigstens – den Anforderungen des NS-Regimes zur Euthanasie und Zwangs-Sterilisation der Insassen zu widersetzen versuchten. Diese konnten aber nicht verhindern, dass 691 Patienten der Aktion „T4“ zum Opfer fielen.

Auch die Ravensburger Sinti und Roma werden in dem Band gewürdigt, die schon lange vor der Zeit des Dritten Reiches ausgegrenzt wurden: schon 1894 beschloss der Rat der Stadt, der Bevölkerungsgruppe „außerhalb der Stadt einen geeigneten Platz zuzuweisen“. Sie wurden konzentriert an bestimmten Orten, noch heute sind Sinti und Roma, soweit sie noch in Ravensburg wohnen, vorwiegend im Stadtteil Ummenwinkel zu Hause – wohin sie ab 1937 umgesiedelt wurden. Heute ist bekannt, dass von den rund 100 Bewohnern derer 29 in Auschwitz ermordet wurden.

Auch dazu gibt es übrigens im Buch von Heiner Geißler eine kleine Episode, der zufolge der damals rund achtjährige Geißler plötzlich seinen gleichaltrigen Spielkameraden Kajetan R. vermisste, weil dieser verschleppt worden war. Geißler schildert zudem, dass er den Jungen von einst 1988 in Speyer wieder treffen konnte.

Vieles blieb in dem Band der Ravensburger Autoren unerwähnt, konnte nicht aufgearbeitet werden – wie Peter Eitel einräumt. Etwa warum „die Zigeunersiedlung“ auch nach dem Krieg im Stadtteil Ummenwinkel verblieben war. Grundsätzlich ist es eher positiv zu vermerken, dass in den Beiträgen zu dem Band der Stadtgeschichte überwiegend die Täter – und die Opfer – beschrieben wurden. Formen des Widerstands gab es wenige, diese wurden; angesichts des Leids anderer, in passender Weise auch nur sehr kurz abgehandelt – und nicht unnötig überhöht.

Manche kleinere Episoden liegen scheinbar am Wegesrand, wie konzentrische Kreise deutscher Geschichte, die mitten in Oberschwaben zusammentreffen: Etwa wenn ein gewisser Franz von Papen, einst Zentrumspolitiker, seit 1932 parteilos, „berühmt“ geworden als kurzzeitiger Kanzler einer rechtsnationalen Reichsregierung, der Anfang 1933 Adolf Hitler endgültig zur Macht verholfen hatte, nach dem Krieg – wohl eher zufällig – im Raum Ravensburg wieder parteipolitische Betätigung suchte.

Von Papen lebte zwischen 1949 und 1952 im kleinen Schloss Benzenhofen oberhalb des Schussentals bei Ravensburg. Er hatte versucht, in Oberschwabens CDU Fuß zu fassen – das blieb vergebens, weil das nach wie vor katholische Parteivolk ihm die Machtergreifung der Nationalsozialisten nicht verziehen hatte.

Foto: Haus der Stadtgeschichte Ravensburg

Eine Ohrfeige im Jahr 1968: Symbol der Aufklärungsphase unter Nachkriegsgeneration

Die Welt ist manchmal auch wirklich überschaubar klein, wie nicht nur das Beispiel des Heiner Geißler zeigt: der in Ebingen/Schwäbische Alb geborene frühere – dritte – deutsche Bundeskanzler, Kurt-Georg Kiesinger (CDU), der fast zeitlebens in Tübingen wohnhaft war, hatte zwischen 1949 und Ende 1958 den Wahlkreis Ravensburg im Deutschen Bundestag vertreten – Kiesinger, der im Dezember 1958 zum Ministerpräsident des Landes Baden-Württemberg gewählt wurde, und 1966 ins Amt des Bundeskanzlers einer großen Koalition wechselte, geriet 1968 in internationale Schlagzeilen, aufgrund seiner frühen Mitgliedschaft in der NSDAP.

Die deutsch-französische Nazi-Jägerin Beate Klarsfeld hatte ihm 1968 auf einem CDU-Bundesparteitag deswegen auf offener Bühne eine Ohrfeige verpasst – Kiesinger war bereits 1933 in die Partei eingetreten und hatte ab 1940 Karriere gemacht im NS-Außenministerium. Die Ohrfeige von Klarsfeld war eines der wirkungsmächtigsten Symbole der Aufklärungsphase der 1968-er Jahre... ausgeübt „an einem Quasi-Ravensburger.“ Vielleicht war das schon im Vorgriff geschehen auf das 1997 erschienene Werk von Peter Eitel und seiner Mitstreiter.


Links:

Literatur zum Themenkomplex Nationalsozialismus, Widerstand und Verfolgung im Kreis Ravensburg (Auswahl)

Stadtgeschichte Ravensburg


Literatur:

Ravensburg im Dritten Reich
Hg. von P. Eitel. Mit Beiträgen von W. Heinz, J. Koppmann, W-U. Strittmatter, u.v.a., Ravensburg, OVR 1998, 483 S., zahlr. Abb.

 

Kommunen und NS-Verfolgungspolitik

 

“Die Kommunen wirkten an der Verfolgungspolitik stärker mit als bisher angenommen. Dabei führten die Rathäuser nicht nur Weisungen aus, sondern gingen immer wieder über zentrale Vorgaben hinaus“

Dossier der Bundeszentrale für politische Bildung zur NS-Geschichte:

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Literaturhinweis

 

Abmayr, Hermann G.: Stuttgarter NS-Täter. Vom Mitläufer bis zum Massenmörder. Verlag Hermann Abmayr und Schmetterling-verlag, Stuttgart 2009. 384 Seiten. ISBN 978-3-89657-136-6. EUR 19,80.


Mehr Literatur finden Sie hier.

 
 
 
 
 

Geschichte der Landesministerien während der Nazizeit

 

Das Portal dokumentiert aktuell die Zwischenergebnisse des Forschungsprojekts “Geschichte der Landesministerien in Baden und Württemberg in der Zeit des Nationalsozialismus“. Die dafür eingesetzte Historikerkommission hat sich zum Ziel gesetzt, eine umfassende kulturgeschichtliche Aufarbeitung des Selbstverständnisses und der Handlungsprinzipien der damaligen Ministerialverwaltung sowie des Wechselverhältnisses zwischen Bürokratie und politischer Entscheidungsfindung vorzunehmen. Im Fokus der Recherchen stehen die Biographien der badischen und württembergischen Ministerialbeamten, die in unterschiedlichen Funktionen auch an der NS-Repressionspolitik beteiligt waren.

http://ns-ministerien-bw.de/