Landeskunde Baden-Württemberg

 

Räumliche Kontraste

Prof. Dr. Hans Gebhardt

Fast alle geografischen Darstellungen Baden-Württembergs betonen die Kleinkammerung und Vielschichtigkeit des Landes, ein Leitmotiv, das bereits Robert Gradmann in seiner bekannten Landeskunde von 1931 vorgegeben hatte: "Der einheitlichste Charakterzug ist vielleicht gerade die Uneinheitlichkeit, die große Mannigfaltigkeit auf engem Raum. Kein anderer Teil des Deutschen Reichs umfasst solche Höhenunterschiede, und damit so reiche Abstufungen des Klimas, der Pflanzenbedeckung und der Bewirtschaftung. (...) Nicht minder bunt sind die Bodenverhältnisse und die großenteils dadurch bedingten Geländeformen. (...) Sanfte Keuperhügel mit schön geschwungenen Umrisslinien, schroff eingesenkte Muschelkalktäler in prächtigen Schlangenwindungen, über und über bewaldete Buntsandsteinhöhen, jähe Granit- und Jurafelsen, von Seen und Mooren durchsetzte Gletscheraufschüttungen und alte Vulkankegel wechseln in bunter Folge."

Vielfalt ist nicht gleich Disparität

Der Kleinräumigkeit und Buntheit steht umgekehrt eine zunehmende Annäherung der Lebens- und Arbeitsmöglichkeiten in verschiedenen Landesteilen gegenüber. Anders als in anderen Bundesländern mit großen regionalen Gegensätzen hat sich in Baden-Württemberg das in den Nachkriegsjahrzehnten noch sehr krasse Standort- und Entwicklungsgefälle zwischen städtisch-verdichteten Räumen und ländlichen Räumen wenigstens ansatzweise nivelliert, will man hier den etwas euphemistischen Aussagen des Landesentwicklungsplans (LEP) 2002 Glauben schenken.

Die Wohn- und Arbeitsplatzattraktivität außerhalb der Verdichtungsräume ist deutlich gestiegen und die Infrastrukturausstattung hat sich verbessert. Im Zuge des demografischen Wandels, d. h. der zunehmenden Überalterung der Bevölkerung, wird sich der Trend weg von den großen Städten wahrscheinlich noch verstärken.


mehr zur Wirtschaft im Südwesten


Eine räumliche Ordnung in die Vielfalt des Landes zu bringen, ist nicht ganz einfach, denn sie baut sich sowohl aus naturräumlichen Unterschieden wie verschiedenen historisch-geografischen Entwicklungspfaden auf, aus wirtschaftsgeografischen Gegensätzen zwischen Industrie- und Fremdenverkehrsräumen sowie siedlungsgeografischen Unterschieden zwischen Verdichtungsräumen und ländlichem Raum.

Räumliche Gegensätze als "Leitmotiv" zum Verständnis des Landes Baden-Württemberg

1. Naturräumliche Gegensätze

Stromtäler und weitflächige Ebenen

Rheintal, Donautal, Neckartal, Kraichgau, Gäue

Wald- und Bergländer

Schwarzwald, Odenwald, Schwäbische Alb, Keuperwaldgebiete

Glaziallandschaften

Oberschwaben mit jung- und altglazialen sowie durch eiszeitliche Schotter geprägten Gebieten

 

2. Historisch-geografische Gegensätze

Altsiedellandvor ungefähr 900 n. Chr. besiedelt; hohe Bevölkerungsdichte, Haufendörfer, zersplitterte Flur; hoher Grad aktueller Zersiedlung: Stromtäler, Gäue, Schwäbische Alb
Jungsiedellandnach ungefähr 900 n. Chr. besiedelt; geringere Bevölkerungsdichte, Einzelhöfe/Weiler/ Planformen; Blockfluren/Streifenfluren, geringere Zersplitterung; weniger hoher Grad aktueller Zersiedlung: Schwarzwald/ Odenwald, Keuperwaldgebiete, südliches Oberschwaben

3. Wirtschaftsgeografische Gegensätze

Industrieräume; Räume hoher Konzentration an Groß- und EinzelhandelMittlerer Neckarraum, Rhein-Neckar-Gebiet; altindustrialisierte Gebiete auf der Schwäbischen Alb und am Hochrhein
Handwerklich/kleingewerblich bestimmte Räume; Fremdenverkehrs- und FreizeitregionenSchwarzwald, Schwäbische Alb, Bodenseegebiet und Oberschwaben

4. Siedlungsgeografische Gegensätze

VerdichtungsräumeGroße Städte und ihnen funktional zugeordnetes Umland: Stuttgart, Mannheim/Heidelberg, Karlsruhe/Pforzheim, Freiburg, Ulm (Neu-Ulm), Lörrach/Weil (Basel), Bodenseeraum als Sonderfall
Ländlicher Raumder „große Rest“, aber hierin:
VerdichtungsbereicheStädte im ländlichen Raum: Schwäbisch Hall/Crailsheim, Aalen/Heidenheim/ Ellwangen, Offenburg/Lahr/Kehl, Villingen-Schwenningen/ Tuttlingen/Rottweil, Albstadt/Balingen/ Hechingen
 

Europäischer Großraum "Blaue Banane"

 

Bei Wikipedia finden Sie weitere Informationen zur Entstehung und Bedeutung der "Blauen Banane".

 
 
 
 
 

Geographie Baden-Württembergs

 

Geographie Baden-Württembergs. Raum, Entwicklung, Regionen, 2008. (Hrsg.: Hans Gebhardt)