Landeskunde Baden-Württemberg

 

Politik, Wirtschaft, Gesellschaft

Carl Benz mit Familie und Baron von Liebig bei einer Ausfahrt mit Benz - Viktoria - Wagen 1894. Foto: LMZ Baden-Württemberg
Carl Benz mit Familie und Baron von Liebig bei einer Ausfahrt mit Benz - Viktoria - Wagen 1894. Foto: LMZ Baden-Württemberg

Nach 1871 kam es zu einem lang anhaltenden und stetigen Wirtschaftsaufschwung. Zum einen waren die letzten Zollgrenzen und andere, den Handel beschränkende Hemmnisse, z. B. unterschiedliche Normen zwischen Nord- und Süddeutschland, gefallen und damit ein einheitlicher Binnenmarkt entstanden. Zum anderen wurden von Frankreich hohe Summen an Reparationen bezahlt, die Ende der 1870er Jahre zunächst die Wirtschaft stabilisierten, langfristig aber zu einer ganzen Anzahl kurzfristig platzender Aktien- und Immobilienblasen führte, die als „Gründerkrach“ bekannt wurden. In diesem Klima des wirtschaftlichen Aufschwungs entwickelte sich eine Technikgläubigkeit: Alles schien machbar. Innerhalb kurzer Zeit wurden wegweisende Entdeckungen auf den Gebieten der Chemie, der Medizin und des Maschinenbaus gemacht.

Das Automobil wurde erfunden und innerhalb kurzer Zeit zu einem marktreifen Produkt entwickelt. Die dritte Phase der Industrialisierung setzte ein, die bis heute die Struktur der deutschen Wirtschaft bestimmt. Die Kehrseite dieser raschen Entwicklung war die Überforderung des Menschen: Der Historiker Joachim Radkau hat treffend vom „nervösen Zeitalter“ gesprochen, die „Nerven“ waren überspannt, innerhalb weniger Jahre katapultierte man sich mittels neuer technischer Apparate wie Telefon und Telegraphie in die technische Moderne mit all ihren Merkmalen der Überforderung des Einzelnen durch ständige Erreichbarkeit (Telefon und Telegraphie), Unterbrechung des Wechsels von Tag und Nacht durch die neu eingeführte Straßenbeleuchtung und durch Massenkommunikationsmitteln wie Bildpostkarten und Zeitungen.

Das Parteiensystem Württembergs und Badens

In die Zeit des Kaiserreichs fällt auch die Vollendung des deutschen Parteiensystems: Die Liberalen waren in der Demokratischen Volkspartei und den Deutschnationalen Parteien organisiert, die Sozialdemokratie entwickelte sich rasch aus der Gründung des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins, und das Zentrum einte die Katholiken. Insbesondere der Sozialdemokratie gelang es, rasch große Wählerkreise zu gewinnen und bei den Wahlen überdurchschnittlich gut abzuschneiden. Doch da die SPD noch klassenkämpferische Töne anschlug und die Monarchien abschaffen wollte, geriet die Partei recht bald in Konflikt mit den Regierungen. Insbesondere Preußen unter Otto von Bismarck stemmte sich gegen das Wachsen der Sozialdemokratie. 1878 wurden die Sozialistengesetze erlassen, die Partei verboten und ihre Anhänger überwacht. Erst 1890 wurden diese Gesetze wieder aufgehoben. Aber die Sozialdemokratie war durch diese Konflikte nicht geschwächt worden, sondern eilte nun von Wahlerfolg zu Wahlerfolg.

In Baden und Württemberg bestand auch in der Zeit des Kaiserreichs ein äußerst liberales Umfeld. Zwar mussten Großherzogtum und Königreich auf Druck Preußens die SPD verbieten, doch gewährte insbesondere Württemberg einen hohen Grad an Pressefreiheit. So siedelten sich in Stuttgart zahlreiche Zeitungsverlage aus dem linken Spektrum an, wovon die ganze Stadt – ohnehin eine Hochburg des Druck- und Verlagssektors – profitierte. Selbst Lenin und Clara Zetkin lebten zeitweilig in Stuttgart und wurden akzeptiert, selbst der König soll die „Tagwacht“, das sozialdemokratische Organ Württembergs, gelesen haben. Und 1907 tagte der Internationale Sozialistenkongress in Stuttgart – zum ersten Mal in einer deutschen Stadt. In Baden war die politische Auseinandersetzung noch mehr durch scharfe Diskussionen geprägt. Grundsätzlich unterschied sich der Umgang der badischen Regierung mit der SPD kaum von dem Württembergs.

Otto Fürst von Bismarck - Gemälde von Franz von Lenbach um 1880. Quelle: LMZ Baden-Württemberg
Otto Fürst von Bismarck - Gemälde von Franz von Lenbach um 1880. Quelle: LMZ Baden-Württemberg

Die berühmte Emser Depesche, eine Protestnote Frankreichs, die im Wortlaut verändert und verschärft wurde, lieferte schließlich den Anlass. Frankreich erklärte den Krieg, Baden und Württemberg mussten trotz ihrer Bedenken – auch gegen große Teile der Bevölkerung, die eher österreichisch gesinnt bzw. weiterhin für souveräne Mittelstaaten eintraten – Frankreich den Krieg erklären. Militärisch war die erste Phase des Deutsch-Französischen Krieges rasch abgeschlossen. Schon am 2. September 1870 kapitulierten die Franzosen bei Sedan, der Enkel Napoleons, Napoleon III. wurde auf dem Schlachtfeld gefangengenommen und abgesetzt.

 

Doch der Krieg war noch nicht zu Ende. Truppen und Bürger in Paris wollten sich mit der militärischen Niederlage nicht abfinden und stellten eigene Truppenkontingente auf, die den Krieg bis Anfang 1871 verlängerten, aber an der grundlegenden Entscheidung nichts änderten. Die Kriegsstrategie Deutschlands unter Helmuth von Moltke dem Älteren, der Einsatz modernster Waffentechnik, vor allem aber der schnelle Nachschub und die Verlegung der Truppen über die neu gebauten Eisenbahnlinien führten zum raschen Erfolg. Im Spiegelsaal von Versailles wurde die Gründung des Deutschen Reiches verkündet. Deutschland war mit dieser Proklamation und der Einsetzung des preußischen Königs Wilhelm als Deutschem Kaiser zum Nationalstaat geworden.

Das Fin de Siècle

Reformen und Verfassungsänderungen dominierten die Zeit um die Jahrhundertwende. In beiden südwestdeutschen Staaten wurde die Rolle der Ersten Kammer zurückgedrängt, die Partizipation der Bürger durch die Einführung der Direktwahl der Kandidaten gestärkt und die Wirtschaftsreformen nach der in der Mitte des 19. Jahrhunderts entwickelten Form weitergeführt.

International nahmen die zwischenstaatlichen Spannungen zu. Nachdem das von Otto von Bismarck praktizierte System, ehemalige verfeindete Staaten in wechselseitigen Bündnissen zusammenzufassen und territoriale Probleme der Großmächte auf diplomatischen Kongressen durch ausgleichende Kompromisse zu lösen, durch den Unwillen der Großmächte zur Kooperation an ein Ende gekommen war, erschütterten verschiedene Konflikte Europa. Die erste und zweite Marokkokrise (auch bekannt als „Panthersprung nach Agadir“) und die stets explosive Lage auf dem Balkan erschwerten langfristige Realpolitik.

Württemberg und Baden konnten in der Zeit des Kaiserreiches keine eigenständige Außenpolitik mehr betreiben. Das Großherzogtum hatte bereits kurz nach der Reichsgründung seine diplomatische Vertretung in Berlin geschlossen, Württemberg unterhielt zwar noch eine Dependance in der preußischen Hauptstadt, aber mit Einfluss verbunden war dies freilich nicht mehr. Das Reich – de facto also der Kaiser und die preußische Regierung – vertraten Deutschland nach außen. Zwar konnte auch König Wilhelm II. durch seine verwandtschaftlichen Beziehungen und Kontakte der Regierung Meinungen in den ausländischen Staaten einholen, Konsequenzen für die Politik verbanden sich dabei aber nicht.

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Politische Kultur, Parteiensystem und Wählertraditionen im deutschen Südwesten

 

Beitrag (pdf) über die Entstehung der Parteien im 19. Jahrhundert zu den derzeit im Landtag vertretenen politischen Kräften.
Schriften zur politischen Landeskunde, Band 34: Baden-Württemberg - Gesellschaft, Geschichte, Politik. Autor: Dr. Reinhold Weber

Mehr zu den Baden-Württembergischen Parteien: hier

 
 
 
 
 

Carl Benz

 

Bild: LMZ

Der bekannte Maschinenbauingenieur Carl Benz (1844-1929) stammt aus Karlsruhe und war einer der großen Pioniere der Automobilindustrie.

Zur Biografie

 
 
 
 
 

Bertha Benz (1849 - 1944)

 

Die Frau hinter der Automobilen Revolution.

Ein Faltblatt der Landeszentrale für politische Bildung. (Download)

 
 
 
 
 

Robert Bosch (1861 - 1942)

 

Foto:LMZ

Robert Bosch war Industrieller und Begründer des gleichnamigen Elektrotechnik-Konzerns, der ab 1937 als Robert Bosch GmbH firmierte.

Zur Biografie.

Faltbroschüre der Landeszentrale für politische Bildung (Download).