Landeskunde Baden-Württemberg

 

Lernort Kislau

JVA Kislau von Westen. Foto: Stefan Jehle.

In eigenen Räumlichkeiten Zivilcourage veritteln

Im badischen Landesteil gab es, mit den Deportationen Ende Oktober 1940 in das französische Gurs, die ersten „Juden-Transporte“ in Deutschland – und mit der Umfunktionierung eines „Arbeitshauses“ in Kislau (Kreis Karlsruhe) auch das nach 1933 am längsten betriebene Konzentrationslager im Südwesten. Entlang der Rheinschiene gibt es jedoch bis heute keine adäquate Gedenkstätte für die NS-Verbrechen. Dort plant man jetzt einen „Lernort Kislau“.

Ringen um Vermittlungsräume

Stempel KZ Kislau. Foto: Generallandesarchiv.

Seit Jahren ringt ein in Karlsruhe gebildeter Verein um eigene Vermittlungsräume – auf dem Areal des ehemaligen KZ. Der Werdegang des Projekts erinnert an die Diskussionen um das „Hotel Silber“, die einstige Gestapo-Zentrale im Zentrum von Stuttgart. Vom „Hotel Silber“ aus organisierte die politische Polizei der NS-Zeit, die Gestapo, die Verhaftungen, die Verschickung in die Konzentrations- und später in die Vernichtungslager. Nach 2008 wurde dort ein Projekt entwickelt, wonach das Gebäude erhalten und zum „Erinnerungs- und Lernort" werden soll. Die Intentionen mit dem einstigen KZ Kislau sind ähnlich.

Bildergeschichten für Mut und Zivilcourage

Der in Karlsruhe gegründete und beheimatete Verein „Lernort Zivilcourage & Widerstand“, geleitet von Dieter Bürk (der in dieser Funktion im Juli 2018 Helmut Wehr ablöste), will vor allem Schüler und Jugendliche ansprechen. Dazu wurden inzwischen auch mehrere so genannte „Motion Comics“, bewegte Bildergeschichten erarbeitet, mit denen in Video-Clips für Mut und Zivilcourage geworben wird – als Porträts beispielhafter Persönlichkeiten, die bereits in früher NS-Zeit gegen die Diktatur aufbegehrten. Seit dem Jahreswechsel 2017/18 wird die Arbeit – und ein 2015 gebildetes Projektteam – auch dauerhaft institutionell gefördert aus Landesmitteln: ähnlich wie die Gedenkstätten „Oberer Kuhberg“ (bei Ulm, errichtet als „Dokumentationszentrum“) und der Ort der T4-Aktionen, der Tötungsanstalt Grafeneck auf der Alb bei Münsingen.

Inhaltlich wurde auch in Nordbaden inzwischen viel erarbeitet: 2017 wurde im Netz ein virtuelles Geschichtsportal angelegt, das sich vor allem um die Aufarbeitung badischer Geschichte in den Jahren 1918 bis 1945 bemüht – gerade auch mit Blick auf die Weimarer Zeit, und die Lehren daraus, wie schnell eine Demokratie bedroht sein kann. Es geht dabei nicht nur um Geschichtsvermittlung, sondern um die Diskussion von Werten. Das zentrale Thema im geplanten Lernort, der zwischen Heidelberg und Bruchsal angesiedelt sein soll, ist deshalb die Gegenwart. Aber sie soll geprüft werden vor dem Hintergrund der Weimarer Republik, als die Nazis zusehends an Macht gewannen. Das Motto der Lern-Stätte, so zitieren es die Vereins-Verantwortlichen, stamme von Erich Kästner: „Man darf nicht warten, bis aus dem Schneeball eine Lawine geworden ist. Man muss den rollenden Schneeball zertreten, die Lawine hält keiner mehr auf.“

Lernort Kislau will Jugendliche von heute ansprechen

Mit Kislau soll ein Blick auf die deutsche Geschichte entstehen, der aber angesichts der weltweit bedrängten Demokratien noch eine viel allgemeingültigere Bedeutung bekommt. Der „Lernort Kislau“ will insbesondere solche Jugendliche ansprechen, die heute oft scheinbar nicht mehr zwischen Demokratie und Diktatur unterscheiden können. Die Baulichkeit, die den Namen gibt – das Schloss Kislau, gelegen auf Gemarkung Bad Schönborn (Kreis Karlsruhe), wurde erstmals im 11.Jahrhundert erwähnt. Die frühere Burganlage wurde um 1675 während der Belagerung durch Franzosen geschleift. Der heutige Schlossbau entstand nach 1720 als Jagdschloss. Im 19.Jahrhundert war darin zeitweilig eine Kaserne und Militärhospital untergebracht.

Später wurde Kislau zum Gefängnis umfunktioniert. Nach Machtergreifung Hitlers 1933 wurde ein „Konzentrationslager“, das KZ Kislau, eingerichtet, das bis 1939 bestand. In Kislau waren einige prominente NS-Gegner inhaftiert, etwa der ehemalige badische Innenminister und zeitweilige Staatspräsident Badens, Adam Remmele. Zu einem frühen Zeitpunkt wurde dort am 29. März 1934 Ludwig Marum, ein damaliger SPD-Reichstagsabgeordneter jüdischer Herkunft aus Karlsruhe, ermordet.

KZ Schlafsaal Kislau. Foto: Stadtarchiv Karlsruhe.

Bislang in der Planungsphase

Das Projekt für Zivilcourage und Widerstand ist freilich noch in der Planungsphase und könnte frühestens 2022 fertig werden. Doch jetzt geht das Ringen um eigene Räumlichkeiten für die Vermittlungsarbeit offenbar in eine entscheidende Phase. Mit einem detaillierten Antrag im September 2017 an die Landtagsfraktionen konnte der Verein zumindest die Finanzierung der laufenden Tagesarbeit sichern.

Der Versuch, Erinnerungskultur und politische Bildung auf neue Weise zu vereinen, würde aber wohl verpuffen – verbliebe er nur im virtuellen Raum. Etwa für einen geplanten Geschichtsparcours wären eigene Räume wohl unabdingbar: die Schaffung des „Lernorts“ mit eigenen Gebäuden war Teil des Antrags vom September 2017. Bei dem Karlsruher Verein hatte man sich nach wie vor die Nutzung von Bestandsbauten des als Justizvollzugsanstalt genutzten Areals in Kislau vorstellen können: „Da wären Lösungen denkbar“, sagt die Historikerin Andrea Hoffend, Leiterin des Projektteams. Auch mehrere Ministerien wurden eingeschaltet.

Bereits 2014 hatte das Finanzministerium dem Projekt „Lernort Kislau“ ein Baugrundstück in Erbbaurecht in Nachbarschaft der Justizvollzugsanstalt angeboten. Diese Variante käme zum Zug, wenn ein Neubau favorisiert würde: 2016 wurde eigens ein Architekturwettbewerb durchgeführt – im Preisgericht saß auch Bad Schönborns Bürgermeister Klaus Detlev Huge. Für einen Neubau müssten freilich etwa drei Millionen Euro aufgebracht werden.

Beispiele von Zivilcourage schon jetzt aufgearbeitet

Unabhängig davon geht die inhaltliche Arbeit weiter. Das im März 2018 vorgestellte neue „Motion Comic“, ein Video-Clip zum Leben des bereits im Sommer des Jahres 1933 aus Ettlingen (Kreis Karlsruhe) nach Südbaden vertriebenen Stadtdekans Pfarrer Augustin Kast, der sich nicht mit Aufmärschen von SA-Uniformierten in der Stadt im südlichen Kreis Karlsruhe abfinden wollte, wurde gefördert von den Stadtwerken Ettlingen und der Ettlinger Baugenossenschaft „ALBA“ – eine Gründung des besagten katholischen Geistlichen Kast im Jahr 1922.

Solche „Motion Comics“, animierte Bildergeschichten, sollen als Teil der Arbeit des Projekts „Lernort Kislau“, Beispiele von Zivilcourage aufarbeiten. „Die Ereignisse von 1933 bis 1945 hätten spätestens 1928 bekämpft werden müssen, später war es zu spät“. Dies ist ein zweites Zitat des Schriftstellers Erich Kästner, aus einer Gedenkrede im Jahr 1958, das beim Projekt „Lernort Kislau“ immer wieder angeführt wird.

Motion Comic: Pfarrer Augustin Kast. Bild: Katja Reichert.

Das „Motion Comic“ zu dem Ettlinger Pfarrer Kast ist die inzwischen sechste animierte Bildergeschichte des Projektteams, mit jeweils durchschnittlich vier bis fünf Minuten Video-Clip-Länge. Gewürdigt wurden bislang auch schon die widerständigen Aktivitäten einer Freiburger Journalistin, deren Redaktionsräume von SA-Leuten zerstört wurden – oder die eines jugendlichen Fahrradkuriers, der 1933 und 1934 regelmäßig illegale Schriften von Mannheim nach Karlsruhe transportierte, ehe er verraten wurde und im Gefängnis landete. Vier weitere Comics sind in Planung. 


Link zu den bisher veröffentlichten Comics


Natürlich bleiben auch die anderen, bereits bestehenden Gedenkstätten in ihrer inhaltlichen Weiterentwicklung nicht stehen. In Ulm etwa läuft derzeit das Projekt „Man wird ja wohl noch sagen dürfen..“, bei dem Jugendliche zu einem kritischen Umgang mit menschenverachtender und diskriminierender Sprache ermutigt werden sollen.

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Autor

 

Stefan Jehle ist freier Journalist aus Karlsruhe.

 
 
 
 
 

Lernort Kislau

 

Der Verein „Lernort Zivilcourage & Widerstand“ mit Sitz in Karlsruhe hat die Erforschung des Widerstands gegen den Nationalsozialismus im Bereich des ehemaligen Landes Baden zum Ziel. Badische Geschichte der Jahre 1918 bis 1945 soll dabei „als Lernort“ verstanden, und dabei Demokratie- und Geschichtsvermittlung mit der Lebenswelt heutiger junger Menschen verknüpft werden.

Seit 2015 wird das Projekt aus Landesmitteln gefördert - seitdem besteht ein kleines Projektteam mit derzeit zweieinhalb Planstellen. Es ist angedacht, am Ort des früheren badischen Konzentrationslagers Kislau (bei Bad Schönborn) einen Lernort mit eigenen Baulichkeiten zu errichten, der vor allem Schüler und Jugendliche ansprechen soll. Die Ziele des Vereins werden in dem Begriffspaar „Lernort Kislau“ zusammengefasst.

Weitere Informationen zum Verein und über Inhalte.

 
 
 
 
 

Justizvollzug

 

Das Schloss Kislau, gelegen auf Gemarkung Bad Schönborn (Kreis Karlsruhe) wurde erstmals im 11.Jahrhundert erwähnt. Die frühere Burganlage wurde um 1675 während der Belagerung durch Franzosen geschleift. Der heutige Schlossbau, entstand nach 1720 als Jagdschloss, und gehörte einst zum Bistum Speyer. Im 19.Jahrhundert war darin zeitweilig eine Kaserne und Militärhospital untergebracht.

Später wurde Kislau zum Gefängnis umfunktioniert. Nach Machtergreifung Hitlers 1933 wurde ein „Konzentrationslager“, das KZ Kislau, eingerichtet, das bis 1945 bestand. Seit 1948 ist das Schloss eine Außenstelle der Justizvollzugsanstalt Bruchsal. Kislau praktiziert seit 1997 den offenen Vollzug - mit derzeit 169 Haftplätzen. Kislau, ist neben Ulm, aktuell die einzige JVA in Baden-Württemberg mit offenem Vollzug.