Landeskunde Baden-Württemberg

 

Kulturkampf in Baden

König Karl von Württemberg: Lithographie um 1864. Foto: LMZ Baden-Württemberg
König Karl von Württemberg: Lithographie um 1864. Foto: LMZ Baden-Württemberg

Der Kultur- oder Kirchenkampf war dagegen ein fast ausschließlich badisches Phänomen. Grundproblem des Streits war die Frage, wie die Rolle des Staates und der Kirchen klar zu definieren und festzulegen sei. Die mächtigen Liberalen empfanden die Vorrechte der Kirche als überkommen. Hinzu trat das strukturelle Problem, dass in Baden fast zwei Drittel aller Einwohner katholisch waren, eher auf dem Land lebten und im Verhältnis einkommensschwach war, während Politik, Wirtschaft und Verwaltung von den im Verhältnis wenigen, aber sehr einflussreichen Protestanten von Karlsruhe aus bestimmt wurden. Insbesondere die konfessionelle Schule wollte der badische Staat abschaffen, denn die Schüler wurden nach dem Lehrplan der Kirche und streng nach Konfessionen in jeweils getrennten Bekenntnisschulen unterrichtet. Auch die Zivilehe war umstritten, Eheschließungen konnten nur kirchlich legitimiert werden, Scheidungen gab es zumindest offiziell nicht. Aber auch in klassische Bereiche der Kirche, wie der Priesterausbildung, wollte der Staat regulierend eingreifen. Diese Maßnahmen waren auch bei den Protestanten umstritten, auch sie lehnten z. B. die Zivilehe ab.

Vergleichbare Auseinandersetzungen gab es allerdings im Protestantismus nicht, der Großherzog war noch immer höchster Bischof der badischen Landeskirche, die ohnehin Jahrzehnte der Spaltung zwischen Reformierten, Lutherischen und einer zeitweilig unierten Bewegung hinter sich hatte und dementsprechend konfliktscheu war. Den badischen Katholiken wurde unterstellt, sie seien von Rom gesteuert, orientierten sich nur am Papst, der „über den Bergen“ („ultra montes“) residiere, die Katholiken seien also ultramontan und staatskritisch bis staatsfeindlich eingestellt. Es konnte nur eine Lösung geben: Die gegenseitigen Rechte und Pflichten mussten zwischen Staat und Kirche ausgehandelt und schriftlich fixiert werden. Dazu wurde ein Konkordat, ein Staatsvertrag zwischen dem badischen Staat und der katholischen Kirche aufgesetzt, demzufolge die Schulaufsicht an den Staat fiel, die Kirche sich auf seelsorgerische Belange konzentrierte, sich nicht an der politischen Diskussion beteiligte und im Gegensatz dafür vom Staat dauerhaft entschädigt würde und in den klassischen Bereichen der Seelsorge, der inneren Finanzverwaltung und beim Personal weiterhin souverän agieren könne. Zwar scheiterte die Ratifizierung des Konkordats, doch in der Folge wurden wesentliche Bestimmungen übernommen, so dass sich die Lage im Allgemeinen beruhigte.

Anders in Preußen: Dort nahm der Kulturkampf Mitte der 1870er Jahre groteske Züge an. Katholiken wurden nicht mehr in den Staatsdienst übernommen und gesetzlich benachteiligt, Pfarrer wurden angeklagt, inhaftiert und saßen teils über Jahre im Gefängnis. Das Übergehen der katholischen Interessen führten zur Mobilisierung der Katholiken, nicht zufällig gründete sich in dieser Zeit in Preußen und auch in Baden die politische Partei „Zentrum“, die gegen den Kulturkampf anging und die katholischen Interessen öffentlich artikulierte.

In Württemberg dagegen fand der Kulturkampf durch die umsichtige Politik König Karls I. und des Rottenburger Bischofs Karl Josef Hefele nicht statt. Beide unterdrückten jede Form des Radikalismus. König Karl setzte, obwohl er Protestant war, Minderheitenrechte für die Katholiken durch, so dass sich der politische Katholizismus als politisch einflussreiche, organisierte Partei erst nach dem Tode Hefeles 1893 bilden konnte, als der Kulturkampfkonflikt auch in Preußen bereits sein Ende gefunden hatte.

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Literaturhinweis

 

Jürgen Kaiser: Klöster in Baden-Württemberg. 1200 Jahre Kunst, Kultur und Alltagsleben. Konrad Theiss Verlag, Stuttgart 2004. 160 Seiten. ISBN 3806 218 609. EUR 24,90

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