Landeskunde Baden-Württemberg

 
Seit 1827 ist Freiburg im Breisgau Bischofssitz, wenngleich das Münster aus älterer Tradition heraus nicht Dom genannt wird. Im 19. und beginnenden 20. Jahrhundert war hier ein Zentrum der in Baden fundamental geführten Auseinandersetzung zwischen Staat und Kirche, dem „Kulturkampf". Foto: Münsterplatz 1985, LMZ Baden-Württemberg, Dieter Jaeger

Kulturkampf - Kulturkämpfe

Vom Epochenphänomen zum Symbolbegriff

Dominik Burkard

Der badische „Kulturkampf“, der zwischen 1860 und 1876 unter Staatsminister Julius Jolly seinen Höhepunkt fand, hat sich als Prototyp der deutschen Kulturkämpfe in das kollektive Gedächtnis der Deutschen eingeschrieben. Seinen geistesgeschichtlichen Ort hat er in den lang andauernden Auseinandersetzungen zwischen Staat und Kirche, zwischen Katholizismus und Protestantismus, dem monarchisch-bürgerlich-liberalen Staatssystem und einer demokratisch-republikanisch gesinnten Volksbewegung, deren Wurzeln man gemeinhin im Jahr 1848 und deren Ende man im Jahr 1918 zu erkennen meint. Indessen wurde der Kampf um die „libertas ecclesiae" und die kulturell-gesellschaftliche Integration des Katholizismus zur Signatur einer ganzen Epoche, die mit der Säkularisation zu Beginn des 19. Jahrhunderts begann und die als Folge sich steigernder Säkularisierungsschübe in der Gegenwart mit Resakralisierungstendenzen eine gewendete Rückkehr erlebt.

 

Als unter der baden-württembergischen Kultusministerin Annette Schavan 1998 der „Kopftuchstreit“ um eine muslimische Lehrerin entbrannte, ging bald die Rede von einem neuen Kulturkampf um. Gleichzeitig war damit die Frage nach der kulturellen Besonderheit eines Landes gestellt, letztlich die Frage nach seiner Identität. „Kultur“, das ist Sprache, Kunst, Kleidung, Lebensart, freilich, aber es ist auch Religion. Diese hat in den vergangenen Jahrhunderten Kulturräume und konfessionelle Landschaften ausgeprägt, stärker und nachhaltiger als politische Grenzen es je vermochten. Noch heute markieren etwa das fränkische „Madonnenländle“ oder die „Oberschwäbische Klosterlandschaft“ grenzüberschreitende Kulturräume, deren Identität sich seit Jahrhunderten anderswoher speist als aus der Loyalität politisch-administrativer Zugehörigkeit.