Landeskunde Baden-Württemberg

 

Das 19. Jahrhundert (in Baden-Württemberg)

Seit der Mitte des 19. Jahrhunderts kann man von einem einigermaßen dichten Netz von Wetteraufzeichnungen sprechen, die Quellenlage für diese Zeit ist also besonders gut.

Kälte und Missernten der Kleinen Eiszeit zogen sich noch bis ins 19. Jahrhundert hin. Im Jahre 1816 beispielsweise kam es im heutigen Baden-Württemberg zu so verheerenden Missernten, dass Hunde und Katzen verspeist werden mussten. Um die Situation der Landwirte zu entschärfen, gründete schließlich Friedrich Wilhelm Raiffeisen Vereine zu ihrer Unterstützung – die Urform der Raiffeisenbank war geboren.


Vor allem aber wurde das Klima des 19. Jahrhunderts (auch im heutigen Baden-Württemberg) von zwei Ereignissen beeinflusst, die ihren Ursprung im weit entfernten Indonesien hatten: Die Ausbrüche des Tambora 1815 und des Krakatau 1878.

Der Ausbruch des Tambora war der stärkste seit Menschengedenken. Seit mindestens 22.500 Jahren war kein Vulkan mehr mit einer solchen Wucht explodiert. Der Ausbruch hatte den Tod von mindestens 71.000 Menschen zur Folge und führte außerdem zu weltweiten Klimaveränderungen. So ging in Nordamerika und Europa das Jahr 1816 als das „Jahr ohne Sommer“ in die Geschichte ein.

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Anak Krakatau. Foto: flydime, Quelle: Wikipedia.

 

 

Im Jahre 1878 brach noch einmal ein Vulkan in Indonesien mit ungewöhnlicher Kraft aus: Der Krakatau. Er explodierte mit einer mindestens 10.000-fachen Wucht der Hiroshima-Bombe. In der Folge wurden so große Mengen Asche in die Atmosphäre geschleudert, dass die weltweite Durchschnittstemperatur um 0,5 Grad Celsius absank.

Der Krakatau hatte sich durch die Explosion damals selbst zerstört. Heute bildet sich an seiner Stelle jedoch schon ein Tochtervulkan: Anak Krakatau.

Auch eine langfristige Entwicklung zeigte im 19. Jahrhundert erstmals ihre Wirkung: Die Industrialisierung. Der Beginn der globalen Erwärmung kann bereits auf das Ende des 19. Jahrhunderts datiert werden. Die starke Verstädterung der damaligen Zeit zeigt sich am Beispiel Stuttgarts besonders gut. In der Folge sorgten ganz neuartige Probleme, wie beispielsweise die Luftverschmutzung von Großstädten, für Gesprächsstoff. Das beweist die folgende Quelle auf recht eindrucksvolle Art:

Entwicklung zur Großstadt: Cottasche Buchdruckerei im Stuttgart des 19. Jahrhunderts. Foto: Robert Aßmus 1870, Quelle: Wikipedia.

Nikolaus Lenau (* 1802, † 1850, Österreichischer Schriftsteller) in einem privaten Brief aus dem Jahr 1844:

„Liebe Sophie!

Beständiges Unwohlsein, Kopfschmerz, Schlaflosigkeit, Mattigkeit, schlechte Verdauung, Druckfehler und Ärger über den trägen Fortschlich meiner Geschäfte – das waren die Freuden meiner letzten Wochen. Emilie will es nicht gelten lassen, dass die Stuttgarter Luft nichts als die Ausdünstung des Teufels sei, doch mir ist es zu auffallend, dass ich in Heidelberg frisch und gesund war und nun, kaum wieder nach Stuttgart gekommen, bresthaft und elend sein muss. Verdammtes Kloakental! Die Luft ist zwischen diesen fleißigen und abgeschwitzten Weinbergen so dumpf und matt, so verbraucht und beschmutzt, als wäre sie durch meilenlange Windungen von Eingeweiden hindurchgegangen, ehe man sie in Nase und Lunge bekommt. O meine Nerven!  Mein unglückseliges Sonnengeflecht! Ich schnappe nach Gebirgsluft wie ein Spatz unter der Luftpumpe. Wer mit Gemsen eine Luft getrunken, atmet nicht behaglich mit den Unken. In vielen der hiesigen Straßen riecht es am Ende auch lenzhaft, nämlich pestilenzhaft. Und die guten Stuttgarter merken das gar nicht! Süß duftet die Heimat. Nur über ihre Gärten klagen sie, dass sich darin das Ungeziefer immens vermehre. Ich glaube aber, dass in ihren Häusern dasselbe zu beklagen wäre, wenn das viele und fanatische Fegen und Scheuern nicht entgegenarbeitete…

Adieu liebe Sophie! Ich bin in einer abscheulichen Laune."


Quelle: „Ernteglück und Hungersnot, ausführliche Angaben siehe unten.

 

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