Landeskunde Baden-Württemberg

 

Das Kaiserreich

Der Südwesten und die Deutsche Frage

Dr. Daniel Kirn

In den 1860er Jahren kam es in den südwestdeutschen Staaten wie in Deutschland zu großen politischen Umbrüchen, an deren Ende Baden und Württemberg ihre Souveränität verloren hatten und dem neu gegründeten und vereinigten Deutschland beigetreten waren.

Die Bevölkerung wie auch die Regierungen in Bayern, Baden und Württemberg sahen das Erstarken Preußens mit Skepsis und Argwohn. Zug um Zug sicherte sich Otto von Bismarck durch seine kluge und umsichtige Politik mehrere kleinere Territorien und inkorporierte diese Preußen. Der große Gegenspieler Preußens war bereits seit dem 18. Jahrhundert Österreich, das sich in seiner imperialen Macht durch Preußen herausgefordert fühlte. Man hat diese Rollenverteilung mit dem treffenden Begriff des deutschen Dualismus umschrieben. An einem aber änderte sich nichts: Im Laufe von rund 200 Jahren verlor Österreich kontinuierlich an Boden, während Preußens Bedeutung stetig wuchs.

Innerhalb der süddeutschen Länder bildeten sich zwei politische Lager. Die einen befürworteten ein vereinigtes Deutschland nur, wenn es auch Österreich umfasst, die anderen strebten eine Lösung ohne dieses an. Württemberg und Baden standen seit jeher in ständigem Austausch mit Österreich und tendierten in ihrer Politik meist zum zweiten Lager. Beide Staaten versuchten, sich zwischen den beiden Machtblöcken zu positionieren und so ihre Eigenständigkeit zu erhalten. Der Versuch, einen starken süddeutschen Bund aus Bayern, Württemberg und Baden zu schaffen und so ein Gegengewicht zum preußisch dominierten Norden Deutschlands zu bilden, schlug fehl. Das „Dritte Deutschland“ erreichte nie die politisch-institutionelle Ebene.

1866 wurde zu einem Entscheidungsjahr: Der preußisch-österreichische Konflikt wurde nun mit militärischer Gewalt ausgetragen. Die süddeutschen Staaten mussten sich entscheiden, ob sie an der österreichischen oder an der preußischen Seite kämpfen wollten. Die Fraktion der Großdeutschen setzte sich noch einmal durch, Baden und Württemberg entschieden sich für Österreich. In diesem deutsch-deutschen (oder preußisch-österreichischen) Krieg erlitt Österreich im böhmischen Königgrätz eine vernichtende Niederlage, die württembergischen Truppen unterlagen im Gefecht bei Tauberbischofsheim den anrückenden preußischen Soldaten. In der folgenden politischen Aufarbeitung mussten die vier deutschen Staaten Baden, Bayern, Hessen-Darmstadt und Württemberg ein mit dem neu gegründeten preußisch geprägten Norddeutschen Bund zunächst geheimes gegenseitiges Schutz- und Trutzbündnis abschließen. Für den Fall eines Angriffs auf einen der beteiligten Staaten waren alle anderen zur unbedingten Hilfeleistung, auch der militärischen, verpflichtet.

Die Stimmung innerhalb der süddeutschen Bevölkerung war schlecht, hatte der Krieg doch gezeigt, dass man militärisch und wirtschaftlich mit Preußen nicht konkurrieren konnte. In Württemberg zog sich König Karl, der anfangs durchaus eigene Reformprojekte begonnen hatte, schrittweise aus der Politik zurück und überließ es seinen Ministerpräsidenten Friedrich von Varnbühler und Hermann von Mittnacht, das Land bis zu seinem Tode 1891 zu regieren. Diese setzten einen Reformkurs in Gang. Die Armee wurde nach dem Vorbild der preußischen umgestaltet, effektivere Verwaltungsformen eingeführt und die Wirtschaft, z. B. durch die Einrichtung einer Börse, weiter gefördert. Auch in Baden gab es Reformen, doch alle diese Entwicklungen wurden von zwei anderen Ereignissen überschattet: durch die Auswanderung und durch den Kulturkampf.

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