Landeskunde Baden-Württemberg

 

Industrieräume

Prof. Dr. Hans Gebhardt 

Die industrielle Entwicklung setzte in Baden-Württemberg später ein als in anderen Regionen Deutschlands und das produzierende Gewerbe ist bis heute weitaus weniger auf einzelne Standorte konzentriert, sieht man einmal vom Mittleren Neckarraum mit seiner herausragenden Wirtschaftskraft ab, wo knapp dreißig Prozent aller Arbeitsplätze im Verarbeitenden Gewerbe des Landes zur Verfügung stehen.

Räumliche Ansatzpunkte der industriellen Entwicklung waren die Residenzstädte Karlsruhe, Pforzheim, Mannheim und Stuttgart sowie die großen Handelsstädte wie Esslingen, Ulm und Reutlingen, ferner einige traditionelle Standorte des Mittelgebirgs- und Waldgewerbes (Holz- und Papiergewerbe im Schwarzwald) und Regionen des ländlichen Hausgewerbes (Textilgewerbe auf der Schwäbischen Alb und in Oberschwaben, Uhrenherstellung im Schwarzwald).

Hinzu kamen Investitionen von Ausländern vor allem am Hochrhein und im Bodenseegebiet. Eine aktive Gewerbeförderung insbesondere durch die 1848 gegründete "Centralstelle für Gewerbe und Handel", welche durch verschiedene Maßnahmen die Gründung von "Start-ups" förderte, trieb sukzessive die industrielle Entwicklung voran.

Schlüsselindustrien

Dabei zeigen die drei wichtigsten Branchengruppen – Maschinenbau, Fahrzeugbau und Elektrotechnik – ein charakteristisches Raummuster. Der Fahrzeugbau dominiert in Nordwürttemberg, in den Kreisen Böblingen, Stuttgart, Esslingen und Ludwigsburg mit DaimlerChrysler, Porsche und deren Zulieferbetrieben. Weitere Zentren des Fahrzeugbaus sind Neckarsulm (Audi) sowie Ulm, Mannheim und inzwischen auch Rastatt. Der Maschinenbau ist über Zulieferbetriebe eng mit dem Fahrzeugbau verknüpft und zeigt ein ähnliches Standortmuster, während die Standorte der Elektrotechnik räumlich stärker gestreut sind und außer im Mittleren Neckarraum in Mannheim, Karlsruhe, Freiburg und im Raum Balingen/Albstadt zu finden sind.


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Zentrumsferne Industrieräume

Neben den industriellen Kernräumen existieren weitere Industrieregionen, denen ein dominierendes großstädtisches Zentrum fehlt, die aber doch eine beachtliche wirtschaftliche Leistungskraft aufweisen. Solche zentrenferneren Industrieräume sind Ostwürttemberg, aufgrund der frühen Eisenerzverarbeitung in Königsbronn, Wasseralfingen und Heidenheim einer der ältesten Standorte Württembergs, oder das Hochrheingebiet längs der Schweizerischen Grenze, das in starkem Maße durch Schweizer Innovationen und Investitionen gefördert wurde, etwa durch Filialgründungen von chemischen Unternehmen. Nach 1945 kam es durch den Zuzug von Flüchtlingen und Heimatvertriebenen zu Neugründungen von Betrieben in bisher kaum industrialisierten Regionen. Beispiele hierfür sind die Ansiedlung von Carl Zeiss im ostwürttembergischen Oberkochen oder die Glasindustrie in Wertheim am Main.

Exportorientierung

Insbesondere der Fahrzeug- und Maschinenbau ist stark exportorientiert. Im Landkreis Böblingen erreichen die Auslandsumsätze des verarbeitenden Gewerbes über fünfzig Prozent, doch auch der Bodenseekreis erreicht mit seinen innovativen Branchen nahezu denselben Wert. Der hohe Industriebesatz in Verbindung mit strukturellen und räumlichen Monostrukturen (Fahrzeug- und Maschinenbau) birgt allerdings eine latente Krisenanfälligkeit, welche sich in den letzten beiden Jahrzehnten in mehreren Konjunktureinbrüchen gerade in den Schlüsselbranchen des Landes gezeigt hat.


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Europäischer Großraum "Blaue Banane"

 

Bei Wikipedia finden Sie weitere Informationen zur Entstehung und Bedeutung der "Blauen Banane".

 
 
 
 
 

Geographie Baden-Württembergs

 

Geographie Baden-Württembergs. Raum, Entwicklung, Regionen, 2008. (Hrsg.: Hans Gebhardt)