Landeskunde Baden-Württemberg

 

Historische Traditionen – politische Kultur

Die territoriale Zersplitterung des deutschen Südwestens war mit der Napoleonischen Ära beendet, keinesfalls aber die regionalen Traditionen der Identitätsräume, die auf den alten Herrschaften fußten. In langer Sicht hat sich die territoriale Zersplitterung als Reichtum des deutschen Südwestens erwiesen. Sie hatte zu einer enormen kulturellen Dichte geführt, die Städtebau, Infrastruktur und politische Kultur nachhaltig prägten. 

Mediatisierung und Säkularisierung

Die Mediatisierung und die Säkularisation der geistlichen Herrschaftsgebiete bedeuteten insgesamt gesehen zweierlei: Auf der einen Seite waren sie wichtige Schritte hin zu einer modernen Staatlichkeit. Sie ermöglichten geschlossene Staatsgebilde und trennten Staat und Kirche. So schritt die Auf- lösung der alten Ständeordnung voran, die schrittweise einer Gesellschaft rechtsgleicher Staatsbürger Platz machen musste. Der Fiskus der neuen Staaten profitierte wohl am meisten von der Säkularisation, auch wenn den Klostervermögen hohe Schulden und Pensionslasten gegenüberstanden.

Auf der anderen Seite war die katholische Kirche nicht notwendigerweise der Verlierer der Säkularisation. Ganz im Gegenteil: Auch im Zuge des Kulturkampfes, der in Baden schon seit den 1850er Jahren tobte und hier zwischen protestantischem Herrscherhaus und seiner liberalen Beamtenschaft einerseits und der katholischen Kirche andererseits rigoroser ausgefochten wurde als in Württemberg, festigte sich die katholische Kirche in langer Sicht.

In der Zentrumspartei fand sie seit den 1860er Jahren eine tief in der katholischen Bevölkerung verankerte Interessenvertretung. Getragen waren die katholische Kirche und die katholische Partei unter anderem von neuen Frömmigkeitsformen und einem ausdifferenzierten und in der Bevölkerung verwurzelten Vereins- und Verbandsleben.

Mochte der protestantische württembergische König der „guten Stadt“ Ellwangen noch so viele „Trostpflaster“ in Form von kirchlichen Institutionen und staatlichen Ämtern geben, die Bevölkerung identifizierte sich auch weiterhin mit der katholischen Kirche. So bildeten hier wie vor allem auch in Oberschwaben oder Südbaden katholische Konfession und regionale Tradition eine gemeinsame Identität, die über lange Zeit hinweg die politische Kultur dieser Gegenden prägte. Die Stoßrichtung ging dabei immer wieder gegen das protestantische Staatskirchentum und gegen die jeweilige protestantische Landeshauptstadt Stuttgart oder Karlsruhe.

Heterogene politische Kultur

Schon allein aufgrund der Lage Badens in unmittelbarer Nachbarschaft zu Frankreich ist hier die Revolution 1848 am frühesten ausgebrochen. Auch die Spannungen, die aus der Heterogenität des Landes resultierten, waren der revolutionären Stimmung zuträglich. So erlebte das schmalleibige Großherzogtum als eine der wenigen Regionen in Deutschland eine erfolgreiche Revolution, die letztlich nur durch fremde – preußische –Truppen niedergeschlagen werden konnte. In Württemberg gab es statt einer Revolution in der Hauptsache einen parlamentarischen Mehrheits- und Regierungswechsel mit liberalen Reformen – Frucht einer jahrhundertealten ununterbrochenen Partizipationskultur in Altwürttemberg.

Die 1848/49er-Revolution war der Auftakt zur Fundamentalpolitisierung in beiden Ländern. Die revolutionäre Bewegung mündete in die liberale. Vor allem der Nationalliberalismus, getragen von Protestantismus und deutschem Patriotismus, verfolgte ab 1861 das Ziel einer deutschen Einigung unter Preußens Führung. Seit der Niederschlagung der Revolution hatte Preußen in Baden enorm an Einfluss gewonnen.

Die deutsche Frage

Der hier seit 1860 regierende Liberalismus setzte eindeutig auf die kleindeutsch-preußische Lösung der deutschen Frage und hatte mit Großherzog Friedrich I. einen starken Herrscher, der nicht zuletzt aufgrund seiner verwandtschaftlichen Beziehungen zum preußischen Herrscherhaus über vielfältigen Einfluss in Berlin verfügte. Der Anschluss Badens an das „kleindeutsche“ Reich war so – anders als in Württemberg – innenpolitisch leichter durchzusetzen. Am 18. Januar 1871 rief der badische Großherzog Friedrich den Preußen Wilhelm I. in Versailles zum deutschen Kaiser aus. Baden und Württemberg waren damit Mitglieder im Bund der deutschen Fürsten, im preußisch-deutschen Reich unter Bismarcks Führung und unter Ausschluss Österreichs.


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Straße der Demokratie

 

Die Straße der Demokratie ist ein länderübergreifendes Kooperationsprojekt, das die freiheitlichen und demokratischen Traditionen in Deutschland ins Bewusstsein rücken will.
www.strasse-der-demokratie.eu

 
 
 
 
 

Das Alte Reich um 1786

 

Karte: LMZ Baden-Württemberg

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