Landeskunde Baden-Württemberg

 
König Friedrich I. von Württemberg: Ölgemälde von Seele 1806. Quelle: LMZ Baden-Württemberg
König Friedrich I. von Württemberg: Ölgemälde von Seele 1806. Quelle: LMZ Baden-Württemberg

Gesellschaftspolitische Fragen in Württemberg

Durch die Entstehung des Königreichs Württemberg durch Napoleons Gnade 1806, gab es in Württemberg zahlreiche Konflikte: Insbesondere die Auseinandersetzung zwischen dem bereits 1805 mediatisierten, also enteigneten, Adel und dem neu gebildeten Königreich, sowie die Spannung zwischen den mit den neue erworbenen Gebieten hinzugekommenen katholischen und jüdischen Untertanen mit den in Altwürttemberg beheimateten Protestanten, bestimmte die politische Agenda in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts.


Das Herzogtum Württemberg war von 1495 bis 1803 mit Ausnahme der regierenden Familie Württemberg ein beinahe adelsfreies Territorium. Dadurch entwickelten die württembergischen Untertanen eine ganz eigene Vorstellung von Mitsprache, sie erkämpften z.B. im Tübinger Vertrag weitgehende Rechte, z.B. über die Finanzen des Herzogtums, die im "guten, alten Recht" für jeden Herzog verbindlich waren. 


Ändern sollte sich diese Situation als infolge der Auflösung kleinerer adeliger Herrschaften 1805 der Besitz der Adeligen in den neuen Staat Württemberg überging. Durch diese Eingliederungen ehemaliger adeliger Territorien wurden nun plötzlich auch Adelige württembergische Untertanen. Dass dies ihrem Selbstverständnis zuwider lief, belegt der viel zitierte Ausspruch als Standesherr sei man besser "Sauhirt in der Türkei als Adeliger in Württemberg".

König Friedrich, der Vater König Wilhelms zeigte Härte und zwang die Adeligen unter seinen Willen, so mussten die Mitglieder des Hochadels ein halbes Jahr in Stuttgart residieren, ihre Titel wurden bei Hofe nicht anerkannt, sie galten nun als "privilegierte Landwirte". Durch ihren gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und politischen Einfluss waren die Mitglieder des Adels trotz ihrer im Verhältnis kleinen Anzahl eine wichtige Gruppe, die langfristig in das neue Königreich integriert werden musste. König Wilhelm gelang dies dadurch, dass er den Mitgliedern des Adels eine repräsentative Bühne verschaffte.

Mit der Verabschiedung einer geschriebenen Verfassung 1818, der ein mehrere Jahre langer Streit um die genaue Ausgestaltung vorausgegangen war, wurde ein Zweikammerparlament eingeführt. Während die Abgeordneten der zweiten Kammer durch Wahlen bestimmt wurden, saßen in der ersten Kammer aufgrund von Geburt die Adeligen des Landes, aber auch der Rektor der Universität Tübingen und vom König ernannte Personen. Die Adeligen konnten nun ihre Vorstellungen äußern und versuchen, diese in Gesetzen niederzulegen. Allerdings war das politische System so konstruiert, dass die tatsächlichen Einflussmöglichkeiten der ersten Kammer äußerst gering blieben.

Ihre Versuche wenigstens über den Deutschen Bund ihre verlorenen Territorien zurückzuerhalten oder zumindest größere Entschädigungen zu erhalten, schlugen regelmäßig fehl. König Wilhelm war es also gelungen, den Adel einerseits in das neue Königreich Württemberg zu integrieren, andererseits denselben so zu entmachten, dass er keine politischen Mitspracherechte mehr besaß und in der Folge in seiner Bedeutung fast völlig marginalisiert wurde.

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Foto: LMZ Baden-Württemberg
Ellwangen: Wallfahrtskirche Schönenberg 1963. Bis 1817 befand sich dahinter die theologische Fakultät der Universität Tübingen. Foto: LMZ Baden-Württemberg

Konfessionen in Württemberg

Die Lösung des konfessionellen Konflikts in Württemberg gestaltete sich schwierig: Aus großen Gebieten mit überwiegend katholischer Bevölkerung kamen durch die 1803 erfolgte Säkularisierung, also der Verweltlichung von Kirchengut, viele Katholiken nach Württemberg. Der spätere König Friedrich hatte 1803 als Ausgleich für die auf nun französischen Territorium liegende Besitzungen zahlreiche Klöster und Kirchen zugesprochen bekommen, die er nun auflöste und ihren Besitz einzog. Da die Klöster auch über umfangreiches Territorium verfügten, wechselten die Untertanen aus der Zuständigkeit des Klosters nun in württembergische Obhut. Im Süden betraf dies vor allem Oberschwaben, im Norden die Fürstpropstei Ellwangen sowie 1809 die Gebiete des Deutschen Ordens um Mergentheim. 

Die bisher einflussreiche Ehrbarkeit, vorwiegend Beamte, Geistliche und wirtschaftlich Erfolgreiche aus den angesehenen Familien des Landes, die protestantisch waren, versuchten die unwillkommene Konkurrenz um Posten und Stellen fernzuhalten, von den Katholiken wurde als den ungebildeten "Marienverehrern" gesprochen. Gleichzeitig stellten die Katholiken als neue Untertanen aber auch Forderungen an den neuen Staat. Württemberg sollte sie und ihre Religion anerkennen und einen Ausgleich zwischen den Konfessionen schaffen.

Dies gelang König Wilhelm durch die institutionelle Eingliederung des Katholizismus in Württemberg. So hatte zwar König Friedrich in Ellwangen eine katholische Universität gegründet, diese wurde aber 1816 nach Tübingen verlegt, um am gleichen Ort wie die Protestanten ihre  Geistlichen ausbilden zu können, das Wilhelmsstift wurde dann auch nach dem König benannt. Außerdem wurde ein eigenes Bistum in Rottenburg geschaffen, das große Teile Württembergs umfasste. Auch der Papst hieß diese Neueinteilung in seiner Bulle "Provida Solersque" für gut. Diese Maßnahmen beruhigten die Atmosphäre, in den folgenden Jahren fanden beide Konfessionen ihr Auskommen, man gewöhnte sich aneinander. Mit der Mediatisierung kamen auch Juden nach Württemberg. In der Reformation noch des Landes verwiesen, wurden Juden nun seit 1906 geduldet. 1828 lebten schon rund  28 000 Juden in Württemberg, sie wurden im Emanzipationsgesetz aus dem gleichen Jahr den anderen Untertanen gleichgestellt.

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Der Tübinger Vertrag

 

Der Tübinger Vertrag wurde 1514 zwischen Herzog Ulrich und württembergischen Landständen geschlossen. Man verpflichtete sich darin zur Zusammenarbeit. Daher wird der Tübinger Vertrag auch als "württembergische Magna Carta" bezeichnet.

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Literaturhinweis

 

Hans-Peter Becht: Badischer Parlamentarismus 1819 bis 1870. Ein deutsches Parlament zwischen Reform und Revolution. Droste Verlag, Düsseldorf 2009. 934 Seiten. ISBN 978-3-7700-5297-4. EUR 98.-

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