Landeskunde Baden-Württemberg

 

Flüchtlinge, Neubürger, Vertriebene

Beim Thema Flucht und Vertreibung vermitteln Worte mitunter Herabsetzung oder suggerieren Harmlosigkeit.

Begriffe und Zahlen als Schlüssel zum Verständnis

Flüchtlinge, Vertriebene, Heimatvertriebene, Neubürger: das waren nach dem Zweiten Weltkrieg häufig als Synonym verwendete Begriffe. Beim Thema Flucht und Vertreibung vermitteln Worte mitunter Herabsetzung oder suggerieren Harmlosigkeit. Wer von „Ostflüchtlingen“ redete, wollte oftmals die Betroffenen herabsetzen, herabwürdigen. So genannte „Wilde Vertreibungen“ fanden in den Monaten Mai, Juni und Juli 1945 statt, in den ehemals deutschen Gebieten im neu als Staatsgebiet gefassten Polen – oder in Böhmen und Mähren, den Sudetendeutschen Gebieten der heutigen Tschechei. Eine Wahl hatte keiner der Betroffenen.

Die zwangsweise erfolgte Aussiedlung – man kann durchaus auch in vielen Fällen von Deportation sprechen –, erfolgte durch staatlich organisierte Transporte. Erst später setzten sich gängige Bezeichnungen von den Vertriebenen, oder Heimatvertriebenen, durch. Nach den Vertreibungsmaßnahmen werden im Allgemeinen die nach 1950 erfolgten Migrationsbewegungen als „Aussiedlung“ bezeichnet. Seit den 1980-er Jahren, mit der Übersiedlung von verbliebenen Deutschen aus Polen, Bulgarien oder Rumänien sprach man von „Spätaussiedlern“.

Der Begriff „Flüchtlinge“ wurde von Amts wegen auf die politischen Flüchtlinge aus der einstigen sowjetischen Besatzungszone (der späteren DDR) übertragen, die ihren Wohnsitz bewusst verließen oder verlassen mussten, um in den Westen zu gehen (heute wird das synonym verwendet für „Bürgerkriegs-Flüchtlinge“, oder asylsuchende „Flüchtlinge“). Wo politische Gründe nicht vorlagen, sprach man nach dem Zweiten Weltkrieg von Zuwanderern oder Übersiedlern. Das Wort Vertreibung wurde in der 1949 gegründeten DDR sehr schnell aus dem öffentlichen Sprachgebrauch getilgt. Die dort lebenden Vertriebenen – immerhin rund 4 Millionen Menschen kam zwischen 1945 und 1949 in die ehemalige sowjetische Besatzungszone – wurden, aus rein politischen Gründen, „Umsiedler“ genannt: was im Endeffekt „die Harmlosigkeit“ des Verlusts von Heimat, Identität und Besitz suggerieren sollte (Helmut Rössler 2002, 7).

Eine Besonderheit sind die so genannten „Displaced persons“ (DP), von denen die Alliierten nach Kriegsende 1945 sprachen. Das sind die, oft noch über viele Monate hinweg in Deutschland verbliebenen, verschleppten ausländischen Arbeitskräfte und Zwangsarbeiter aus den einst besetzten Staaten: geschätzt bis zu 5,7 Millionen Menschen (Mathias Beer 2011, 10). Zuständig für die DPs waren die „United Nations Relief und Rehabilitation Administration“, und später die „International Refugee Organisation“.

Die Worte „Flucht und Vertreibung“ haben sich jedoch im Verlauf der Jahre in der deutschen Sprache zu einer stehenden Wendung entwickelt. Das lässt nicht auf Anhieb die Breite und die Vielschichtigkeit des komplexen Themas erkennen. Laut Mathias Beer gilt „Flucht und Vertreibung“ als der Inbegriff des zahlenmäßig größten Teils der europäischen „Zwangsmigration“ am Ende des Zweiten Weltkriegs; die Worte haben wesentlich Anteil daran, dass das 20.Jahrhundert den Stempel eines „Jahrhunderts der Flüchtlinge“ aufgedrückt bekam (Mathias Beer 2011, 13). Die Worte stehen für die von einem hohen Maß an Gewalt, Willkür und Zwang begleitete „Verschiebung“ von mehr als 12 Millionen deutschen Reichsbürgern und Angehörigen deutscher Minderheiten aus Ostmittel- und Südosteuropa am Ende des Zweiten Weltkriegs und den ersten Folgejahren nach Kriegsende. Aufgrund von Gewalt, schlechter Versorgung, Entkräftung, dem ausgesetzt sein der Witterung und der allgemein wirren Kriegs- und Nachkriegsverhältnisse kamen dabei nach Schätzungen mehrere Hunderttausend Menschen bereits auf dem Fluchtweg ums Leben.

Es ist wichtig für die Einordnung, sich zuallererst auch mit Begriffen darüber klar zu werden, was in diesen Jahren geschehen war. Die „Zwangswanderung“ zog viele Verwerfungen nach sich. Auch das 1952 und in Folgejahren erlassene Bundesvertriebenengesetz und das Lastenausgleichsgesetz in Westdeutschland ging von festen Begriffsdefinitionen aus.

Eindrucksvoll bestätigen auch die „nackten“ Zahlen, was in den Nachkriegsjahren geschehen war: wie an anderer Stelle schon erwähnt, verloren zwischen 1944 und 1951 durch Flucht, Vertreibung und Verschleppung mehr als 12 Millionen Menschen aus den ehemaligen deutschen Ostgebieten und den südosteuropäischen Siedlungsgebieten ihre Heimat. Davon kamen rund 8 Millionen Menschen in die amerikanische und die englische Besatzungszone, erst später auch in die südlich gelegenen französisch besetzten Bereiche. Etwa 4 Millionen Menschen kamen in die sowjetisch besetzte Zone, aus der 1949 die DDR entstand.

Vertriebene, Stand 1950. Quelle: Beer, Mathias: S.85.

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Autor

Der Autor dieses Dossiers der freiberufliche Journalist Stefan Jehle.

 
 
 
 

Literatur/ Quellen

 

Literatur/ Quellen

 

Beer, Mathias: Flucht und Vertreibung der Deutschen – Voraussetzungen, Verlauf, Folgen. Beck Verlag, München 2011, 204 Seiten (Verfasser ist Historiker, Institut für donauschwäbische Geschichte und Landeskunde, Tübingen)


Burk, Henning (Hg.): Fremde Heimat, das Schicksal der Vertriebenen nach 1945, Buch zur ARD-Fernsehserie, Rowohlt Verlag, Berlin 2011, 263 Seiten


Douglas, R.M.: Ordnungsgemäße Überführung, die Vertreibung der Deutschen nach dem Zweiten Weltkrieg, Beck Verlag, München 2012, 556 Seiten (amerikanischer Historiker erarbeitete auf der Grundlage von Quellen des Internationalen Roten Kreuzes die Mitverantwortung der Alliierten)


Grosser, Thomas: Die Integration der Heimatvertriebenen in Württemberg-Baden (1945-1961), Kohlhammer Verlag, Stuttgart 2006, 463 Seiten (Habil.-Schrift an der Uni Mannheim, 2002)


Kossert, Andreas: Kalte Heimat, die Geschichte der deutschen Vertriebenen nach 1945, Siedler Verlag, München 2008, 430 Seiten


Schwartz, Michael: Vertriebene und „Umsiedlerpolitik“, Integrationskonflikte in den deutschen Nachkriegs-Gesellschaften und die Assimilationsstrategien in der SBZ/DDR 1945 – 1961, R. Oldenbourg Verlag, München 2004, 1247 Seiten


Koch, Manfred, u. Liebig, Sabine (Hg.): Migration und Integration in Karlsruhe, mit Beiträgen div. Autoren, unter Mitwirkung des Büros für Integration der Stadt und der Pädagogischen Hochschule Karlsruhe. Veröffentlichung des Stadtarchivs, Band 31, Info Verlag, Karlsruhe 2010, 264 Seiten


Müller, Ulrich (Hg.): Verlorene Heimat – gewonnene Heimat. Die Vertriebenen in Schwäbisch Gmünd und im Ostalbkreis, herausgegeben vom Dezernat 3 und dem Stadtarchiv der Stadt Schwäbisch Gmünd, initiiert von der Arbeitsgemeinschaft „Heimat und Kultur der Vertriebenen aus dem Osten“, Eigenverlag der Stadt Schwäbisch Gmünd, 2016 (2.Auflage), 288 Seiten


Rössler, Helmut (Hg.): Auf zu neuen Ufern, die deutschen Heimatvertriebenen im Altkreis Waiblingen. Aufnahme und Eingliederung, Berichte und Dokumente. Eigenverlag Bund der Vertriebenen, Kreisverband Waiblingen, Druck Michel Backnang, Waiblingen 2002, 149 Seiten


Beer, Mathias (Konzeption und Bearbeitung): Umsiedlung, Flucht und Vertreibung der Deutschen als internationales Problem, zur Geschichte eines europäischen Irrwegs, Schrift des „Haus der Heimat“, des Landes Baden-Württemberg (Einrichtung zu Deutsche Kultur und Geschichte im östlichen Europa), Eigenverlag Haus der Heimat, Stuttgart 2009, 96 Seiten


Bendel, Rainer (Hg.): Wie Fremde zur Heimat wurde, Aspekte der Integration – aus
dem Leben bekannter Persönlichkeiten, Schrift des „Haus der Heimat“, des Landes Baden-Württemberg (Einrichtung zu Deutsche Kultur und Geschichte im östlichen Europa), Eigenverlag Haus der Heimat, Stuttgart 2010, 108 Seiten


Haus der Geschichte Baden-Württemberg: Ihr und Wir, Integration der Heimatvertriebenen in Baden-Württemberg, Katalog zu „Große Landesausstellung 2010“ – ein Kooperationsprojekt mit dem Institut für donauschwäbische Geschichte und Landeskunde, Tübingen. Stuttgart November 2009, 144 Seiten


Statistisches Landesamt Baden-Württemberg: Statistische Analysen - Vertriebene in Baden-Württemberg, Statistische Analysen 9/2004. Stuttgart 2004, 96 Seiten

 
 
 
 
 

 

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