Landeskunde Baden-Württemberg

 

Der Flowtex-Skandal: als "Big Manni" noch "Big Money" machte

Der ehemalige Hauptsitz, Ettlingen Gewerbegebiet, Foto: Stefan Jehle
Der ehemalige Hauptsitz, Ettlingen Gewerbegebiet, Foto: Stefan Jehle

Machenschaften in Karlsruhe sind Spiegelbild der Verflechtungen in die Politik

Stefan Jehle

Karlsruhe – Von "Kleingeist und Größenwahn" schrieb einst das Manager-Magazin. Das Badische Staatstheater hielt Jahre später - mit dem Wortspiel "Big Money" -  in einem viel beachteten Musical ab Frühjahr 2011 der Gesellschaft in Karlsruhe einen Spiegel vor. Der Hintergrund war ganz real: Im Februar 2000 war mit Verhaftung der Haupttäter ein jahrelanges Possenspiel zu Ende. Das "Vorzeigeunternehmen" Flowtex, der größte Fall von Wirtschaftsbetrug im Nachkriegsdeutschland, war am Ende. Ein Vorgang, der auch die politische Landschaft im Südwesten erschütterte.

Die Machenschaften, in die baden-württembergische Finanzbehörden involviert waren, sind zugleich ein Spiegelbild für Verflechtungen von Wirtschaftsunternehmen in die Politik - bis in höchste Ebenen hinein. Am Ende des Skandals und seiner über Monate und Jahre sich hinziehenden Aufdeckung in vielen - aber wohl nicht allen - Facetten und Details,  traten, dem Anlass nach eher wegen Nichtigkeiten, sogar zwei Landesminister zurück. Im Mittelpunkt aber stand vor allem "Big Manni", der ehemalige Schrotthändler Manfred Schmider, der mit einer simpel klingenden Unternehmensidee ein großes Rad drehte - und viel Geld ("big money") machte.

Teure TV-Spots, aufwendige Werbebroschüren - und in Baden-Württemberg vor allem eine erkennbar großzügige Sponsorentätigkeit - machte Manfred Schmider ab Mitte der 1990-er Jahre zu einer festen Größe im Land. Auf der internationalen Galopprennbahn in Iffezheim (bei Rastatt bzw. Baden-Baden) traf der "großzügige Gönner" sich jedes Frühjahr "mit den Schönen und Reichen". Die Schlossfestspiele in Ettlingen - dem Firmensitz - bekamen üppige Sponsorengelder. Einen badischen Regionalflughafen bei Rheinmünster hätte es ohne Schmider so nicht gegeben.

Nur wenige Monate vor dem Showdown, der Verhaftung der Haupttäter, traf sich die "High Society" des Landes am 3.Juli 1999 zum 50.Geburtstag von "Big Manni", dem Mann, der es zu Ruhm und Reichtum gebracht hatte, aber nur sieben Monate später hinter Schloss und Riegel saß - und heute, nach eigener Aussage, mit Mitte sechzig angeblich "ein gebrochener Mann" sei, mit Hauptwohnsitz auf Insel Mallorca (Interview mit der Mallorca-Zeitung). Seinen Spitznamen "Big Manni" verdankte er dabei übrigens seiner allzu offensichtlich - mit dem über Jahre wachsenden Erfolg - zunehmenden eigenen Körperfülle.

Die ehemalige Villa am Turmberg, Foto: Stefan Jehle

Doch der Reihe nach - und der öffentliche Showdown vorweg: am 4.Februar des Jahres 2000 klickten kurz hintereinander bei Ex-Flowtex-Geschäftsführer Manfred Schmider und seinem Kompagnon Klaus Kleiser die Handschellen, wenige Tage später auch bei einer engen Mitarbeiterin, Angelika Neumann, Geschäftsführerin der Tochterunternehmung "KSK". Mit bundesweiten Durchsuchungsbeschlüssen fallen rund 7000 Aktenordner in die Hände von Ermittlern, mehr als 100 Beamte waren im Einsatz. Mehrere hundert Bankkonten wurden ad hoc eingefroren.

Im August des gleichen Jahres wird der ehemalige Finanzchef des Unternehmens, Karl Schmitz, inhaftiert. Und ein Jahr später schließlich Schmiders jüngerer Bruder Matthias: das sind, das waren die Haupttäter. In den Monaten und Jahren danach war immer wieder von "Luftbohrungen" die Rede. Die Mannheimer Staatsanwaltschaft - Schwerpunkt Wirtschaftskriminalität - hatte besonders die Firmenholding Flowtex Technologie GmbH & Co.KG im Visier.

Die Bohrsysteme des Unternehmens sollten unterirdisch - "horizontal" - Löcher buddeln zur Kabelverlegung. Aufwendiges und teures Aufgraben der Oberfläche wähnte man sich mit diesem Verfahren sparen zu können. Doch es war in der Realität viel mehr ein riesengroßes Schneeballsystem. Ein Wirtschaftskreislauf von "echten Geschäften mit nicht existierenden Maschinen". Dazu hatte man eine eigens eingerichtete Phantomfirma namens "KSK guided microtunneling GmbH", von der die Maschinen angekauft - und dann "weiter geleast" wurden.

FlowTex verkaufte die fingierten Bohrsysteme an Leasinggesellschaften und Banken und leaste die Maschinen wieder zurück (Sale-Lease-Back-Transaktion), damit die Leasinggesellschaften den notwendigen Marktbedarf für eine Kreditfinanzierung bei den Banken nachweisen konnten. Der Gewinn des Betrugs waren die den Leasinggesellschaften für den Kauf der nicht existenten Bohrmaschinen gewährten Kredite. In besten Zeiten soll die Unternehmensgruppe damit angeblich bis zu 1,3 Milliarden D-Mark Jahresumsatz gemacht haben.

Um den Umstand zu kaschieren, dass nur ein Zehntel der Bohrsysteme wirklich existierte, fälschten die Gesellschafter von FlowTex vor Jahresabschlussprüfungen unter anderem auch die Seriennummern auf den Zulassungsschildern der Bohrgeräte, indem immer neue Zulassungsplaketten mit neuen Seriennummern auf denselben Geräten angebracht wurden. Am Schluss - bei Aufdeckung des Skandals ab Februar 2000 - wurde offenbar, dass real nur knapp 270 dieser Maschinen existierten, in überschaubaren Lagerhallen in einem Ettlinger Gewerbegebiet - und auf Hinterhöfen an anderen Standorten.

Tatsächlich im Einsatz war keine einzige dieser Maschinen gesichtet worden. In "den Büchern" war freilich die Rede von über 3.000 verkauften Maschinen, die auf einen Stückpreis von bis zu 1,6 Millionen D-Mark taxiert wurden. Dabei war die Methode des Horizontal-Bohrers, die Rechte dazu hatten Manfred Schmider und Klaus Kleiser 1986 in den USA erworben, durchaus erfolgversprechend - und beide hätten auch ohne Betrug zu einem erklecklichen Reichtum kommen können. Um das Schneeballsystem lange Zeit verdeckt halten zu können, waren - neben KSK - weltweit zahlreiche weitere Tochterunternehmen gegründet worden.

Das Problem dabei war: auch für die nicht existierenden Anlagen musste Flowtex Leasingraten bezahlen. Das Schneeballsystem blähte sich auf. Immer mehr dieser "Geisteranlagen" wurden ge- und wieder verkauft, um die Raten begleichen zu können. Der Kollaps des Schneeballsystems ließ sich am Ende nur noch vermeiden, wenn viel Geld in den Kreislauf gepumpt wurde. "60 Millionen pro Monat – soviel musste sich unser Vorzeigeunternehmer zur Bedienung laufender Verbindlichkeiten immer wieder ergaunern, damit sein Schwindel nicht aufflog. Zwei Millionen pro Tag, 85.000 D-Mark die Stunde", schrieb der Journalist Meinrad Heck (einer der wichtigsten Rechercheure des Skandals, der dafür später mit dem "Wächterpreis" der deutschen Tagespresse ausgezeichnet wurde), in einer seiner Publikationen.

Schon 1996 waren erstmals die Finanzbehörden des Landes Baden-Württemberg auf mutmaßliche Unregelmäßigkeiten aufmerksam geworden. Doch damals eingeleitete Verfahren wurden schon nach kurzer Zeit wieder eingestellt - die Details in der Begründung dafür sind nicht bekannt. Zumindest bei einem Finanzbeamten im Karlsruher Stadtteil Durlach scheint Schmider sich dessen Wohlwollen "eingekauft" zu haben. Besagter Mann, der ab 2006 in einem eigenen Prozess vor Gericht stand - dem aber nur "Vorteilsnahme" nachgewiesen werden konnte, hatte "einen Zuschuss" zum Kauf eines neuen VW Golf erhalten, und war zudem einmal zum New-York-Marathon eingeladen worden. So genannte "schützende Hände" in der Politik konnten aber auch mit einem fast drei Jahre tagenden Untersuchungsausschuss des Landtags nicht bewiesen werden.

Der Autor Meinrad Heck schreibt von rund 12 Millionen D-Mark, die zwischen 1995 und Ende 1999 von Schmiders Konten abflossen, deren Verbleib bis heute ungeklärt ist - die aber "in sehr engem zeitlichen Zusammenhang" stünden mit Geldübergaben in bar im Fürstentum Liechtenstein. In engem Kontakt zum Flowtex-Imperium standen über Jahre hinweg vor allem zwei FDP-Politiker: der frühere FDP-Landesvorsitzende Jürgen Morlok, der - ab 1995 in Diensten Schmiders - ein so genannter "Türöffner" in die Politik wurde, und der FDP-Landeswirtschaftsminister Walter Döring, der 2004 als Minister zurück trat und kurze Zeit später aus der Politik ausschied. Er war zuvor - im Kontext Flowtex - wegen uneidlicher Falschaussage zu einer Geldstrafe verurteilt worden. 

Klar ist: die Finanzbehörden des Landes haben in den florierenden Jahren des Unternehmens Flowtex insgesamt rund 320 Millionen D-Mark an Steuereinnahmen verzeichnet, darunter eine Steuernachzahlung im Jahr 1997. Auch der Stadt Ettlingen flossen über Jahre hinweg erkleckliche Gewerbesteuereinnahmen in die Haushaltskasse - insgesamt knapp 70 Millionen D-Mark. Diese Gelddruckmaschine wollte man offenbar nicht unterbinden...

Im Jahr 2000 wurde dem Ex-Geschäftsführer Manfred Schmider und weiteren Mitarbeitern Betrug nachgewiesen, der einen Schaden von rund 2,9 Milliarden Mark angerichtet haben soll. Die Verantwortlichen wurden 2002 zu sechs bis zwölf Jahren Freiheitsstrafe verurteilt; die Verurteilung zu zwölf Jahren Haft für Manfred Schmider wurde auf seine Revision hin auf 11 Jahre und 6 Monate reduziert. Am 2. Oktober 2007 wurde Manfred Schmider auf Bewährung entlassen, nachdem er zwei Drittel seiner Strafe verbüßt hatte.

Zeittafel der Ereignisse

Literatur

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Abschlussbericht des Untersuchungsausschusses

 

Abschlussbericht, Untersuchungsausschuss des Landtags Baden-Württemberg (Stuttgart Dezember 2005; 1154 Seiten)

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