Landeskunde Baden-Württemberg

 

Die Ermittler von Ludwigsburg

„Zentrale Stelle der Landesjustizverwaltungen zur Aufklärung nationalsozialistischer Verbrechen“

Kartei-Karten. Foto: Stefan Jehle.

Ludwigsburg (sj) – „Die Ermittler von Ludwigsburg“ – so nannte sich eine Ausstellung im Jahr 2004. Bis zu 120 Personen arbeiteten in früheren Jahrzehnten in der Behörde: nur wenige Meter entfernt vom Ludwigsburger Barockschloss, an der Schorndorfer Straße. Die Einrichtung, die sich laut offiziellem Titel „Zentrale Stelle der Landesjustizverwaltungen zur Aufklärung nationalsozialistischer Verbrechen“ nennt, ist in der deutschen Nachkriegs-Geschichte einzigartig.

Auch mehr als 70 Jahre nach Kriegsende ist die Tätigkeit der „Zentralen Stelle“ – wie sie oft abgekürzt wird – nicht beendet. Dieser Beitrag blickt schlaglichtartig auf die Arbeit der Behörde – aus Anlass des 60-jährigen Bestehens. Am 1. Dezember 1958 wurde die Einrichtung der Justizminister aller deutschen Bundesländer ins Leben gerufen. Am Anfang stand eine Konferenz der deutschen Justizminister in Bad Harzburg (Landkreis Goslar). Im Oktober 1958 beschlossen diese dort – unmittelbar an der Landesgrenze zwischen Niedersachsen und den damaligen Bezirken Magdeburg und Erfurt der DDR – die Gründung der Behörde, die seit ihrer Einrichtung maßgeblich zur Aufarbeitung der Verbrechen der Nationalsozialisten beigetragen hat.


Zum Gespräch mit Jens Rommel. Der leitende Oberstaatsanwalt ist Leiter der Zentralen Stelle und seit Oktober 2015 "Chef der NS-Verfolger"

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Aufnahme der Arbeit

Am 6. November 1958 war die Verwaltungsvereinbarung der Justizminister der Länder und Justizsenatoren der Stadtstaaten unterzeichnet. Die Behörde wurde bereits am 1. Dezember in einem ehemaligen Frauengefängnis in Ludwigsburg eröffnet. Der damalige liberale Justizminister von Baden-Württemberg, Wolfgang Haußmann, hatte das im Dezember 1958 über den Rundfunk öffentlich bekannt gemacht.

Die neue Behörde war dabei keine quasi übergeordnete Staatsanwaltschaft; vielmehr blieb es eine reine Vor-Ermittlungsbehörde. Sie hat – bis heute – nur eingeschränkte Möglichkeiten und kann und konnte keine eigenen Durchsuchungen oder gar Verhaftungen anordnen. Als Herzstück der Einrichtung gilt ein umfangreiches System von Karteikarten, die besonders gesichert sind. Die Zentralkartei umfasst 715.390 Namen von (mutmaßlichen und tatsächlichen) Tätern. Dort sind 27.878 (Tat-)Orte und Gebiete, sowie 4.252 Einheiten und Dienststellen von Täter-Gruppierungen erfasst – diese sind in Orts- und Einheitenkarteien einzelnen (Täter-)Namen zugeordnet.

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An den großen NS-Strafprozessen beteiligt

Büro-Ausstattung der 50er Jahre aus der Ausstellung Torhaus. Foto: Stefan Jehle.

Bei den großen NS-Strafprozessen verblieben die Ermittlungen stets bei den örtlich zuständigen Strafverfolgungsbehörden (Staatsanwaltschaften), denen die Zentrale Stelle das von ihr erarbeitete Material zuvor überlassen, und sie erforderlichenfalls bei der Durchführung des Strafverfahrens unterstützt hatte. Trotz vieler Widrigkeiten und Behinderungen – in den unmittelbaren Nachkriegsjahren wollten viele Deutsche einen Schlussstrich ziehen und von den Verbrechen nichts mehr hören – ist die Arbeit der Ludwigsburger Ermittler von zahlreichen Erfolgen begleitet.

Ohne die Arbeit der Ludwigburger Staatsanwälte wären ab 1963 weder die von Fritz Bauer initiierten Auschwitz-Prozesse in Frankfurt, noch der in Düsseldorf zwischen 1975 und 1981 durchgeführte dritte Majdanek-Prozess möglich gewesen. Beteiligt war die Zentrale Stelle – in unterschiedlich großem Umfang – auch beispielsweise an der Verfolgung und Ergreifung von NS-Tätern wie Klaus Barbie oder Josef Schwammberger. Bis heute werden weiterhin bis zu 30 NS-Täter jährlich ermittelt. Öffentlich für Schlagzeilen sorgten zuletzt die Verfahren gegen mehrere Helfershelfer: etwa den 2011 in München verurteilten Ukrainer John Demjanjuk, oder den 2015 zu mehrjähriger Haftstrafe verurteilten „Buchhalter von Auschwitz“, Oskar Gröning, gegen den ein Prozess in Lüneburg lief – beide waren damals schon über 90 Jahre alt.

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Anfeindungen in der frühen Zeit

Fritz Bauer, der in Stuttgart geborene einstige Generalstaatsanwalt in Hessen, der maßgeblich die Auschwitz-Prozesse in Gang brachte, stellte 1961 die „pädagogischen Effekte“ der NS-Straftäter-Verfolgung in den Mittelpunkt. „Es geht nicht nur um Strafprozesse, in Wirklichkeit geht es um einen ganzen Prozess deutscher Geschichte und einen Prozess neuer Bewusstseins- und Moralbildung in der Bundesrepublik. Im Grunde genommen müsste ich eigentlich sagen, es handelt sich um einen unendlichen Prozess. Aufgabe all dieser Prozesse ist im Grunde genommen, nicht nur Geschichte zu schreiben, sondern – wenn es auch vielleicht vermessen klingt – beizutragen, Geschichte zu machen“, wurde dieser damals zitiert. Dies inmitten einer Zeit, in der noch jungen Bundesrepublik, deren Justiz und Polizei lange Zeit noch von einstigen Tätern geradezu durchsetzt war.

Welchen Anfeindungen die Zentrale Stelle in der frühen Zeit ihrer Tätigkeit als Behörde ausgesetzt war, zeigte eine Beisetzung im Jahr 1966 in der unmittelbaren Nachbarschaft: der einst populäre Generaloberst der Waffen-SS, Sepp Dietrich, beschuldigter Kriegsverbrecher und unverbesserlicher Nazi, war im April 1966 in Ludwigsburg gestorben. Er wurde unter großer Beteiligung von rund 5.000 Waffen-SS Veteranen zu Grabe getragen – im Beisein einer inoffiziellen Abordnung der Bundeswehr. Auf der Höhe des Behördenbaus an der Schorndorfer Straße – an die weiter westlich auch das Ludwigsburger Barockschloss angrenzt – wechselte der Trauermarsch die Straßenseite. Und verdeutlichte damit sowohl den Hass auf die angeblichen „Menschenjäger“ der Zentralen Stelle, als auch die Atmosphäre, in der die Behörde – damals noch – ihre Ermittlungen durchführen musste.

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Ermittlungserfolge

Ermittlungsakten Karl Jäger - SS-Täter aus Litauen. Foto: Stefan Jehle.

Ermittlungen und Fahndungserfolge – unter Mitwirkung (in unterschiedlichem Umfang) der Zentralen Stelle Ludwigsburg

Adolf Eichmann: war als Leiter des für Organisation der Vertreibung und Deportation der Juden zuständigen „Eichmannreferats“ des Reichssicherheitshauptamtes (RSHA) in Berlin zentral mitverantwortlich für die Ermordung von schätzungsweise sechs Millionen Menschen; geboren 1906 in Solingen, nach dem Krieg untergetaucht in Argentinien, 1962 Hinrichtung in Tel Aviv.

Klaus Barbie: alias Klaus Altmann, war von 1942 bis 1944 der Gestapo-Chef von Lyon - wegen seiner Grausamkeit auch als „Schlächter von Lyon“ bekannt; geboren 1913 in Godesberg.  1945-1955 in Diensten britischer und amerikanischer Geheimdienste. Wegen seiner Verbrechen wurde Barbie 1947 in Frankreich erstmals in Abwesenheit zum Tode verurteilt. Später tätig für Geheimdienste in Bolivien. 1966 zeitweilig auch für den BND.  1983 Festnahme in Bolivien. Bundeskanzler Kohl verhinderte Auslieferung nach Deutschland; wurde nach Frankreich ausgeliefert, 1987 begann Prozess - verstarb 1991 in Lyon in Haft.

Wilhelm Boger: war ein berüchtigter KZ-Aufseher in Auschwitz; geboren 1906 in Stuttgart, ab  1933 in Friedrichshafen, Aufstieg zum Kriminalkommissar, ab 1942 Lager-Gestapo Auschwitz. Er führte dort eine als Boger-Schaukel bezeichnete Foltermethode ein. Er war einer von 22 Hauptangeklagten im ersten Auschwitzprozess 1963-1965; starb 1977 in Haft.

Karl Jäger: Mitglied der SS; geboren 1888 in  Schaffhausen/Schweiz, aufgewachsen in Waldkirch, bei Emmendingen. Einsatz in Litauen 1941, verantwortlich für die Ermordung von über 138000 litauischen Juden, nach dem Krieg untergetaucht bei Heidelberg, 1959 Selbstmord in der Untersuchungshaft in Hohenasperg bei Ludwigsburg.

Josef Schwammberger: war ein Kommandant in verschiedenen SS-Zwangsarbeiterlagern; geboren 1912 in  Brixen / Südtirol, tätig in Lagern nahe Krakau, südliches Polen. Erstmals im Juli 1945 verhaftet in Innsbruck, 1948 Flucht aus Internierung, bis 1987 auf internationalen Fahndungslisten – nach Aufgreifen 1990 von Argentinien ausgeliefert. Prozess 1991/1992 in Stuttgart, verstorben 2004 im Justizvollzugskrankenhaus Hohenasperg bei Ludwigsburg (an dem Verfahren waren sowohl die Zentrale Stelle als auch deren späterer Leiter Kurt Schrimm, noch zu seiner Zeit als Ankläger bei der Staatsanwaltschaft Stuttgart, beteiligt).

Eine Liste des Simon-Wiesenthal-Centers in Jerusalem 2010 benannte elf Personen als (damals) meistgesuchte NS-Täter: John Demjanjuk, Sándor Képiró, Milivoy Asner, Samuel Kunz, Adolf Storms, Klaas Carl Faber, Karoly Centai, Soren Kam, Peter Egner,  Aligmante Dailide, Mikhail Gorshkow,  Aribert Heim,  Alois Brunner (alle genannten Namen, bis  auf Milivoy Asner und Adolf Storms, sind auch in der Kartei der Zentralen Stelle verzeichnet).

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Ermittlungserfolge nach der Jahrtausendwende

gegen John Demjanjuk (geboren 1920 in der West-Ukraine, verstorben 2012; als Auslöser für die Verfahren gegen Lagerpersonal bis heute). Die Zentrale Stelle führte gegen Demjanjuk ein Vorermittlungsverfahren, und sah es als erwiesen an, dass dieser zwischen März und September 1943 als Aufseher im Lager Sobibor/Polen an der Ermordung von „mindestens 29000 Menschen“ mitgewirkt habe. Das Verfahren ging im November 2008 ab  an die Staatsanwaltschaft München, das Urteil zu fünf Jahren Haft erfolgte im Mai 2011.

gegen Oskar Gröning (geboren 1921, verstorben März 2018; bei dem der heute maßgebliche Ansatz zur „Gehilfen-Strafbarkeit“ bestätigt wurde). Gröning trat 1940 freiwillig der Waffen SS bei, er war von 1942 bis 1944 in Auschwitz tätig, zuletzt im Rang eines SS-Unterscharführers. April 2015 begann der Prozess in Lüneburg, der wegen Beihilfe zum Mord in 300000 Fällen mit einer Freiheitsstrafe von vier Jahren endete.

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Fahnungen

Gesuchte, aber nie – oder sehr spät - gefundene NS-Täter 

Josef Mengele: war ein berüchtigter KZ-Arzt („Todesengel“) in Auschwitz, Mitglied der Waffen SS; geboren 1911 in Günzburg/Bayern, als Spross eines Landmaschinenherstellers, Studium zeitweilig in Freiburg, wo er später lange eine Wohnung hatte. Setzte sich nach dem Krieg offenbar nach Südamerika ab. Bis heute hält sich das Gerücht, der Nazi-Verbrecher  sei  1959 in Günzburg  heimlich auf der Beerdigung seines Vaters gewesen und seinen auf der Lauer liegenden Häschern entwischt, verstorben vermutlich 1979 in Brasilien.

Aribert Heim: war Lagerarzt in Mauthausen; geboren 1914 in Österreich, vor dem Krieg bekannter Eishockey-Spieler, nach dem Krieg zeitweilig als Frauenarzt niedergelassen in Mannheim, später in Baden-Baden – offiziell firmierte die Praxis dort bis 1960, zu der Zeit untergetaucht, vermutlich 1992 in Kairo verstorben, 2012 für tot erklärt.

Martin Bormann: war der Sekretär des Führers und Leiter der Partei-Kanzlei der NSDAP; geboren 1900 in Halberstadt/Harz. Er galt nach Flucht aus dem Führerbunker im Mai 1945 als verschollen und wurde im ersten der Nürnberger Prozesse in Abwesenheit zum Tode verurteilt. Die Leiche wurden 1972 bei Bauarbeiten in Berlin entdeckt und 1998 mittels DNS-Analyse zweifelsfrei identifiziert. Vermutlich hatte er sich am 2. Mai 1945 selbst getötet.

Alois Brunner: war ein wichtiger Mitarbeiter von Adolf Eichmann; geboren 1912 im Burgenland/ Österreich, 1938-1945 Arbeit im Eichmann-Referat zur „Endlösung der Judenfrage“. Als Leiter SS-Sonderkommando zwischen 1939 und 1945 mitverantwortlich für Deportation von 128.500 Juden, bis 1954 lebte er unter falschem Namen in Deutschland. Von französischen Militärgerichten wurde er 1954 in Abwesenheit zum Tode verurteilt. Setzte sich nach Syrien ab. Laut Geheimdienstberichten soll Brunner ab 1989 unter Hausarrest in Damaskus gelebt haben. Es gibt nicht bestätigte Hinweise auf Brunners Tod im Jahr 2001.

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Interview

 

Gespräch mit Jens Rommel, Leitender Oberstaatsanwalt. LpB-Mitarbeiter Stefan Jehle unterhielt sich mit Jens Rommel, als Leiter der Zentralen Stelle seit dem Oktober 2015 der „Chef der NS-Verfolger“.

 

Die letzten drei bis vier Jahre ist für Kinogänger zu dem Thema der staatsanwaltschaftlichen Verfolgung von NS-Tätern ja einiges geboten gewesen…

Rommel: Ja, etwa in dem Film „Der Staat gegen Fritz Bauer“ – „Im Labyrinth des Schweigens“ oder „Die Akte General“. Da ging es in erster Linie um den hessischen Generalstaatsanwalt Fritz Bauer, der insbesondere die ersten Frankfurter Auschwitzprozesse 1963 bis 1965 in Gang gebracht hatte.

(Anm.d.Red.: Bauer wurde 1903 in Stuttgart geboren und starb 1968 in Frankfurt - im ersten Auschwitzprozess waren 22 Täter aus dem KZ Auschwitz angeklagt).

Es gab in jüngerer Zeit jetzt auch die vermutlich letzten Prozesse. Werden nochmals neue Anklagen kommen?

Rommel: Derzeit sind vier Personen in Deutschland angeklagt, die in Konzentrationslagern Dienst getan haben sollen. Der Jüngste der derzeit für uns in Betracht kommt, ist 91 Jahre alt: Die letzten Taten waren im Mai 1945. Wenn wir wollen, dass die Leute 18 Jahre alt und damit für ihr Handeln verantwortlich waren, dann bringt uns das ins Geburtsjahr 1927. Im Moment haben wir 91- bis 99-Jährige im Blick, und jedes Jahr fällt uns sozusagen der älteste Jahrgang weg.

Warum gibt es überhaupt jetzt noch so späte Prozesse?

Rommel: Das ist in einer Entwicklung der Rechtsprechung begründet, ausgelöst durch das Verfahren John Demjanjuk. Neu bewertet für die Konzentrationslager wurde es vor allem im Prozess gegen Oskar Gröning, den so genannten Buchhalter von Auschwitz. Dahinter steht eine grundsätzliche Frage: ab wann ist ein Einzelner mitverantwortlich, wenn der Staat Verbrechen begeht? Wo fängt die persönliche strafrechtliche Schuld des Einzelnen an, welche Taten kann man jemandem vorwerfen? Bei Oskar Gröning wurde neu bewertet, dass er allein schon durch seinen Dienst bei der SS diese Maschinerie in Auschwitz am Laufen gehalten hat. Er hatte seinen kleinen Beitrag geleistet, wurde dadurch zum Gehilfen der Morde. Er war sozusagen ein Rädchen in der Maschinerie.

Das ist ein grundlegend neuer rechtlicher Ansatz…

Rommel: Nach 2011, mit dem Urteil gegen den SS-Helfer Demjanjuk, hatte die Zentrale Stelle zuerst die Lager Auschwitz und Majdanek (bei Lublin/Polen) überprüft. 2013 haben wir dann 30 Verfahren zu mutmaßlichem Personal aus dem KZ Auschwitz abgegeben an die Staatsanwaltschaft des jeweiligen Wohnortes, weil der Tatort ja außerhalb Deutschlands liegt. Gröning war dann einer derjenigen die angeklagt worden sind. Mit diesem neuen Ansatz kommen für uns viel mehr Personen in Betracht.

Wie viele der 30 Verfahren kamen zur Anklage?

Rommel: Nur fünf der Verfahren haben es vor Gericht geschafft. Die anderen 25 wurden eingestellt, weil die Beschuldigten entweder in der Zwischenzeit verstorben sind, oder nicht mehr verhandlungsfähig waren. Von den fünf, die angeklagt wurden, sind auch nur zwei verurteilt worden – nämlich Oskar Gröning und Reinhold Hanning. In den Folgejahren, nach 2013, hat die Zentrale Stelle jedes Jahr im Schnitt etwa 30 Verfahren an Staatsanwaltschaften weitergegeben; 2017 waren es 28.

Wer ist derzeit noch angeklagt?

Rommel: Insgesamt sind gerade vier Personen angeklagt vor deutschen Gerichten. Das ist einer in Mannheim, der in Auschwitz gewesen sein soll; einer in Frankfurt aus dem Lager Majdanek (bei Lublin/Polen) und zwei in Münster, die in Stutthof (bei Danzig) gewesen sein sollen – bei einem dieser Fälle in Münster begannt die Hauptverhandlung im November 2018.

Die Einrichtung der Zentrale Stelle wurde früher öffentlich anders wahrgenommen als heute. Da gibt es Beispiele, dass die Ludwigsburger vor Ort oft mit Ablehnung reagiert haben. Und dann gab es den Fall mit der Beerdigung eines SS-Mannes…

Rommel: Ja, Sepp Dietrich. Der Trauerzug ist hier gegenüber in der Schorndorfer Straße zum Neuen Friedhof gegangen, und wechselte auf Höhe der Zentrale Stelle – offenbar bewusst – die Straßenseite. Es gab auch abwertende Aussagen von örtlichen Politikern. Das wäre aber vermutlich auch in jeder anderen deutschen Stadt, nicht nur in Ludwigsburg, so gewesen. Das war einfach der Geist Ende der 50er, Anfang der 60er Jahre, als viele tatsächlich ein Ende machen wollten mit diesen Strafverfahren. Man wollte in vielen Fällen lieber nach vorne schauen als sich ständig mit der Vergangenheit auseinanderzusetzen.

Aber wenn die eigenen Landsleute das aufarbeiten, ist das was anderes als Siegerjustiz…

Rommel: Ja, natürlich. Aber das war so in dieser Zeit. Bei den eigenen Landsleuten sprach man dann auch gerne von den Nestbeschmutzern. Wobei ja dann komischerweise die Aufklärer die Beschmutzer waren, und nicht die Mörder. Das lässt sich auch an Kleinigkeiten festmachen, dass sich die Taxifahrer zum Beispiel geweigert hatten unsere Adresse hier in der Schorndorfer Straße anzufahren. Weil hier die Kameraden verfolgt würden, wie es hieß. Man musste dann das benachbarte Krankenhaus als Adresse angeben, um ans Ziel zu kommen.

Die Zentrale Stelle besteht im Dezember 2018 seit 60 Jahren. Können Sie kurz deren Werdegang beschreiben?

Rommel: Das ist keine einheitliche Entwicklung. Die Zentrale Stelle war eine Nachwirkung des Ulmer Einsatzgruppenprozesses und hatte im Dezember 1958 in etwa in der Größenordnung angefangen, wie wir sie heute auch wieder haben. Der Grundgedanke war, pro Bundesland ein Ermittler – also anfangs zehn oder elf. Heute sind wir acht Ermittler.

(Anm.d.Red.: in Ulm wurde 1958 gegen zehn Gestapo-, SD- und Ordnungspolizeiangehörige des Einsatzkommandos Tilsit verhandelt, das 1941 mehr als 5500 jüdische Kinder, Frauen und Männer im litauisch-deutschen Grenzgebiet ermordet hatte).

Wie war die Entwicklung in der Zeit dazwischen?

Rommel: Ende der 60er Jahre war das ganz anders, nachdem sich der Bundestag dazu durchgerungen hatte, die Verjährungsfrist für Mord hinauszuschieben. Da war dann auch die Zentrale Stelle massiv verstärkt worden: auf 49 Ermittler bei insgesamt 120 Beschäftigten. Seit dieser Zeit geht der Personalbestand, in Wellenbewegungen, wieder zurück. Letztlich ist das natürlich auch dem Umstand geschuldet, dass nicht mehr so viele Beteiligte leben.

Wie macht das mit den Ermittlern persönlich, wenn sie mit diesen ungeheuerlich wirkenden Taten konfrontiert werden?

Rommel: Wir arbeiten heute ganz überwiegend, nahezu ausschließlich mit Papier, mit dem Ziel, anhand von Quellen eine Anwesenheit oder eine bestimmte Funktion in einem Lager zu belegen. Dazu müssen wir viele Mosaiksteinchen zusammentragen; heute arbeiten wir natürlich auch mit Sachverständigen, die das Gesamtgeschehen beschreiben können. Insofern haben wir da heute etwas mehr Distanz als frühere Generationen von Ermittlern. Für mich persönlich ist es dann auch so, dass diese Schwarz-Weiß-Fotos und das vergilbte Papier auch ein bisschen Abstand schaffen, das Geschehen etwas weiter weg in die Geschichte entrücken. Wenn ich aber etwa Listen zu Deportationszügen vor mir habe, wird mir immer wieder bewusst, dass hinter der Zahl von 1200 Deportierten dieses einen Transports einzelne Menschen stehen.

Wie wird die Zentrale Stelle heute öffentlich, und besonders in den Medien wahrgenommen?

Rommel: Da hat sich doch vieles gewandelt. Bei den Medien werden wir heute von neutral bis sehr wohlwollend beobachtet und bewertet mit unserer Tätigkeit. Da ist deutlich ein Stimmungsumschwung merkbar - auch durch einen Generationswechsel. Einige ausländische Medien berichten zuweilen eher erstaunt, dass wir diese Aufgabe immer noch wahrnehmen. Im Land selber ist eine große Unterstützung für die weiter laufenden Bemühungen spürbar.

Wann wurden Sie selbst beruflich oder privat erstmals aufmerksam auf die Zentrale Stelle?

Rommel: Das war eher ein Zufall. Um 2014 hatte der damalige Leiter der Zentralen Stelle einen Vortrag gehalten - das war im Rahmen einer Ausstellung zu Adolf Eichmann in Ravensburg, meinem früheren Wirkungsort. Es ist also nicht so, dass das zuvor meinen Berufsweg geprägt, oder ich einen persönlichen Bezug gehabt hätte – weder auf der Täter- noch auf der Opferseite. Wie bei all den Richtern, Staatsanwälten und Polizeibeamten, die hierher kommen und bereit sind, sich auf diese Verbrechen und die Hintergründe, einzulassen.

Was reizte Sie an der Aufgabenstellung?

Rommel: Was mich persönlich gereizt hat, war die einmalige Chance, eine letztmalige Gelegenheit auf diesen Teil der deutschen Geschichte zu schauen - nicht aus persönlicher Neugier, sondern tatsächlich von Berufs wegen. Zu schauen, wie man mit dem Handwerkszeug eines Staatsanwalts diese Verbrechen einigermaßen in den Griff bekommen kann, dadurch auch etwas über die Diktatur und die Mechanismen, die Verbrechen, zu lernen. Aber als Hauptaugenmerk natürlich diese Weichenstellungen in den 50er und 60er Jahren im Blick zu haben, die bis heute unseren Umgang mit diesen Massenverbrechen prägen.

Wenn Sie diese Stelle der Zentrale Stelle ausfüllen und aktuelle Entwicklung in Europa anschauen, mit Rechtspopulismus, mit rechtsextremistischen Strömungen: kann so etwas wieder passieren?

Rommel: Als Beamter der Justizverwaltung kann ich mich nur zu den Dingen äußern, mit denen ich beauftragt bin. Was Deutschland angeht, bin ich persönlich der Überzeugung, dass das Grundgesetz und auch die Nachkriegsgesellschaft die Lehren aus der Diktatur gezogen haben. Und ich hoffe, dass das auch in der öffentlichen Diskussion gelingt. Aus meiner Sicht haben auch die Strafprozesse zu den NS-Tätern, und die gesellschaftliche Auseinandersetzung dazu beigetragen, dass die Verbrechen unbestreitbar sind. Ich hoffe auch, dass sich diese Wahrnehmung weiterhin durchsetzt.

Wie geht es künftig weiter mit der Zentralen Stelle?

Rommel: Schon Mitte der 90er Jahre hatte sich in Ludwigsburg ein Förderverein gegründet, der dafür wirbt, zu dokumentieren, was hier erarbeitet worden ist – als eine Ort, wo geforscht wird und die Information als Bildung weitergegeben werden kann. Ziel sind drei Säulen, die es im Kern schon gibt: Das Bundesarchiv ist seit dem Jahr 2000 hier, im Gebäude selber, mit einer eigenen Außenstelle vertreten und kümmert sich um die früheren Ermittlungsakten – also ihren Schutz und die Erschließung, damit sie für Interessierte zugänglich werden. Es gibt im Gebäude auch eine Forschungsstelle der Uni Stuttgart. Und auch das Bildungsangebot ist am Entstehen: Einmal pro Woche bietet ein Archivpädagoge für Schulklassen verschiedene Module an. Privatleuten und Besuchergruppen steht eine kleine Ausstellung im Torhaus vor dem Gebäude der Zentrale Stelle offen.

Es ist die Rede von Umwandlung der Zentralen Stelle. Was bedeutet das?

Rommel: Es gibt einen Beschluss der Justizminister der Länder, wonach hier ein Gedenkort entstehen soll, mit Dokumentation, Forschung und Information. Offen gelassen sind der Zeitpunkt und das genaue Konzept. Getragen wird unsere Einrichtung von allen 16 Landesjustizministern. Baden-Württemberg hat dabei die Federführung und auch die Fachaufsicht; sowohl in der Sache als auch bei Personalfragen werden wir vom Justizministerium in Stuttgart gut betreut.

 
 
 
 

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Über den Autor

 

Stefan Jehle ist freier Journalist aus Karlsruhe.

 
 
 
 
 

Jens Rommel: Chef der NS-Strafverfolger

 

Der Jurist und leitende Oberstaatsanwalt Jens Rommel (Jahrgang 1972) hatte nach dem Abitur in Ravensburg Rechtswissenschaften an den Universitäten Augsburg, Lund (Schweden), Würzburg und Lyon (Frankreich) studiert. Er trat nach dem Referendariat 2003 in den Justizdienst des Landes Baden-Württemberg ein. Nach Tätigkeiten an Amtsgerichten in Biberach und Riedlingen kam er zur Staatsanwaltschaft in Ravensburg. In den Folgejahren war er wissenschaftlicher Mitarbeiter beim Generalbundesanwalt beim Bundesgerichtshof sowie beim baden-württembergischen Landesjustizministerium – in der Zeit auch u.a. von Mai 2010 bis Dezember 2012 Referent bei der Europäischen Union. Im Oktober 2015 wurde Rommel Leiter der Zentralen Stelle der Landesjustizverwaltungen zur Aufklärung nationalsozialistischer Verbrechen in Ludwigsburg – als Nachfolger von Kurt Schrimm, der das Amt zuvor 15 Jahre lang innehatte.

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