Landeskunde Baden-Württemberg

 

Die 68-Bewegung

Dutschke und Dahrendorf 1968 in Freiburg. Foto: LMZ.

Die "68er Bewegung" ist ein Sammelbegriff für verschiedene, weltweite linkspolitische Strömungen.  Ihnen gemeinsam ist, dass sie Ende der 1960er Jahre gegen die bestehenden politischen, kulturellen und sozialen Verhältnisse protestierten. Stattdessen sollte eine umfassende Demokratisierung sowie eine Emanzipation aller Menschen von "kapitalistischer Ausbeutung" erfolgen.

Vorgeschichte

1965/66: US-amerikanische Proteste gegen den Vietnamkrieg schwappen nach Europa über

1966: Große Koalition – am 1. Dezember 1966 wird in Bonn die erste Große Koalition gebildet

1966: am 5. Februar 1966 erste Demonstration gegen den Vietnamkrieg in Westberlin, veranstaltet von  SDS, SHB, LSD und HSU – insgesamt vier Studentenverbände

1967: Flower-Power-Bewegung – im Mai 1967 startet in San Francisco der „Summer of Love“ (Link)

1954/68: u.a. Bürgerrechtsbewegung in den USA („Civil Rights Movement“; 1954 – 1968) (Link)

1967: am 2. Juni 1967 - Demonstration anlässlich des Besuches von Schah Reza Pahlavi in Berlin, der Student Benno Ohnesorg wird von einem Polizisten erschossen – dieser war ein Stasi-Agent, wie sich Jahrzehnte später herausstellt. Der 2.Juni ist Ausgangspunkt für die „Bewegung 2.Juni“, die erste Form von Radikalisierung (Link)

1966/67: Diskussion um so genannte „Notstandsgesetze“ führt zur Politisierung der Studenten

1967: die Antikriegs-Bewegung wird in den USA eine Bewegung von nationaler Bedeutung; am 21. Oktober 1967 versammelten sich über 100000 Amerikaner/innen vor dem Pentagon in Washington. Von Januar 1969 bis April 1970 detonierten in den Vereinigten Staaten 4358 Bomben, von denen mindestens 20 Prozent auf das Konto radikaler Kriegsgegner gehen.

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Das Jahr 1968

Illustration der 68er-Bewegung im Haus der Geschichte in Bonn. Foto: Holger Ellgard, wikipedia, CC-BY-SA-3.0
  • am 17. und 18.Februar findet an der TU Berlin ein großer internationaler Vietnamkongress statt.
  • am 18.Februar demonstrieren in West-Berlin rund 12000 Studenten gegen die US-Politik und den Vietnamkrieg. Das löst später Gegendemonstrationen aus – mit wiederum Zehntausenden Teilnehmern.
  • am 16.März verüben US-Soldaten das Massaker von My Lai, einem Dorf der Küstenprovinz Qu?ng Ngãi in Vietnam.  Das Massaker an 504 Zivilisten, darunter zahlreiche Kinder, Frauen und Greise, wurde von der US-Armee zunächst vertuscht. Die erste öffentliche Berichterstattung fand 14 Monate nach dem Massaker statt (Link).
  • am 2.April gab es Brandanschläge auf zwei Kaufhäuser in Frankfurt/Main - aus Protest gegen den Vietnamkrieg. Unter den Tätern: die späteren RAF-Führer Andreas Baader und Gudrun Ensslin.
  • am 4.April bei einem Attentat in Memphis (Tennessee) der Bürgerrechtler Martin Luther King erschossen. Eine Woche später eskaliert die Lage auch in Deutschland.
  • am 11. April, Gründonnerstag, verletzte ein Attentäter den Studentenführer Rudi Dutschke mit drei Schüssen. Die Tat löste Proteste aus – und prägt Deutschland bis heute. Bei dem Attentat erlitt Dutschke schwere Hirnverletzungen, an deren Spätfolgen er 1979 starb. (Link)
  • noch am Tag des Attentats - am 11. April - kommt es zu Ausschreitungen und Krawallen. Zeitungswagen brennen vor dem Axel-Springer-Haus in Berlin-Kreuzberg.
  • die „Osterunruhen“ gelten als die größten Straßenschlachten, die West-Deutschland bis dahin gesehen hatte. 2000 Menschen protestierten vor dem Springer-Verlag in Berlin. In insgesamt 27 Städten kam es an den Ostertagen 1968 zu Protesten und teilweise zu Straßenkämpfen, die – laut Spiegel – an die Weimarer Republik erinnerten. 20000 Polizisten waren im Einsatz. (Link)

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Hotspots im Südwesten

Rudi Dutschke. Foto: Petar Marjanovic, gemeinfrei.

1968 schwappen die Unruhen auch nach Baden-Württemberg über: Am 30. Januar findet eine öffentliche Diskussion zwischen Studentenführer Rudi Dutschke und FDP-Politiker Ralf Dahrendorf in Freiburg statt. Dabei entsteht ein Foto der beiden vor einem Lautsprecherwagen, das später berühmt geworden ist (Link). Vom 29. bis 31. Januar war in Freiburg der Bundesparteitag der FDP.

Am 12.April 1968 kommt es in Esslingen zur Blockade der Druckerei Bechtle, dort wird nicht nur die Esslinger Zeitung, sondern seit 1963 auch die Boulevardzeitung „BILD“ gedruckt. „BILD“ wird vorgeworfen, einseitig und hetzerisch gegen die Studentenbewegung zu berichten. An diesem Karfreitag, dem 12. April 1968, skandierte die protestierende Menge „Bechtle, Bechtle, Springerknechtle“. Der Springer-Verlag wurde mitverantwortlich gemacht für das Attentat auf Rudi Dutschke. (Link)

Demonstrationen und hitzige Versammlungen gab es 1968 vor allem auch in den Universitätsstädten. Dabei sind die Vorgänge in Heidelberg, Tübingen und Freiburg jeweils am besten dokumentiert. Dazu hat auch die Stuttgarter Zeitung eine Chronik erstellt.

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Die Folgezeit

  • der Deutsche Bundestag in Bonn bereitet die Verabschiedung der Notstandsgesetze vor. Am 11. Mai 1968 demonstrierten in einem Sternmarsch nach Bonn Zehntausende weitgehend friedlich gegen die Gesetzespläne, die sie als nicht hinnehmbare Eingriffsmöglichkeit der Staatsorgane in die Grundrechte ablehnten. Als am 30. Mai 1968 die Notstandsgesetze verabschiedet werden, folgen massive Proteste der so genannten außerparlamentarischen Opposition („APO“).
  • der Mai 1968 (auch „Pariser Mai“) – ist das zeitliche Zentrum der 1968-er-Bewegung in Frankreich. 1967/68 fanden politische Studentenproteste – neben Deutschland – auch in den USA, Italien, der Tschechoslowakei, Polen, Japan, Mexiko, der Schweiz und weiteren Ländern statt, erreichten aber nirgendwo das Ausmaß der Geschehnisse in Frankreich. Das Frankreich der 1958 begründeten Fünften Republik hatte in den 1960er Jahren eine konservative Regierung unter Staatspräsident Charles de Gaulle und Premier Georges Pompidou. (Link)
  • mit der Wahl vom 28. April 1968 wird der 5. Landtag von Baden-Württemberg konstituiert. Mit der 1. Plenarsitzung am 11. Juni 1968 zogen erstmals zwölf NPD-Abgeordnete in das Gremium ein. Mit der Wahl zum 6. Landtag am 23. April 1972 war die NPD vorerst wieder Geschichte, es waren ab sofort wieder 120 – statt mit Überhangmandaten – 127 Abgeordnete.
  • am 24. Dezember 1968 umkreisen an Bord der Apollo 8 drei Astronauten als erste Menschen den Mond. Frank Borman, William Anders und James („Jim“) Lovell umkreisten den Mond zehn Mal und waren die ersten Menschen, die mit eigenen Augen die Rückseite des Mondes sahen. Am 21. Juli 1969 um 3:56 Uhr MEZ betraten im Zuge der Mission Apollo 11 die ersten Menschen den Mond, Neil Armstrong und Edwin Aldrin.
  • mit dem Festival „Woodstock Music & Art Fair – 3 Days of Peace & Music“, meist kurz Woodstock genannt, fand vom 15. bis 17. August 1969 ein Open-Air-Musikfestival statt, das als Höhepunkt und gleichzeitig Endpunkt der im Mainstream angekommenen US-amerikanischen Hippiebewegung gilt: der 1967 gestarteten „Flower-Power-Bewegung“. Es fand in der Kleinstadt Bethel im US-amerikanischen Bundesstaat New York statt.

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Der Terror als Folge

Gedenktafel
Gedenktafel vor dem Luckenwalder Gymnasium. Foto: Dishayloo, gemeinfrei.

1972 f.: Als einer der ersten Anschläge des RAF-Terrors (als Abspaltung radikalisierter Teile der Studentenbewegung) war am 11. Mai 1972 in Karlsruhe der VW-Käfer des Bundesrichters Wolfgang Buddenberg das Ziel, in dem zu diesem Zeitpunkt jedoch seine Frau saß, die schwer verletzt wurde.

1977: Attentat von Terroristen der „RAF“ am 7. April 1977 auf Siegfried Buback, den fünften Generalbundesanwalt der Nachkriegszeit. Der Mord war Auftakt der „Offensive 1977", Symbol für den totalitären Angriff auf den Staat, der noch Jahre danach vor allem als der sogenannte „deutsche Herbst“ firmiert. (Link)

Höhepunkt im September und Oktober 1977: Entführung der „Landshut“ nach Mogadischu (Somalia), und Ermordung von Arbeitgeberpräsident und Daimler-Benz-Repräsentant Hanns-Martin Schleyer – und die folgenden Selbstmorde der RAF-Terroristen Baader, Ensslin und Raspe Oktober 1977 - ein vorläufiger Höhepunkt nach einer Serie sinnloser Mordanschläge.

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Die Öko- und Friedensbewegung

Friedenstaube. Bild: gemeinfrei.

Die Revolte der 1968er Generation war eine der Voraussetzungen für die die in den 1970er Jahren entstehende Ökologie- und Friedensbewegung, die sowohl die friedliche Nutzung der Atomkraft, als auch das Abschreckungssystem des Kalten Krieges ablehnte.

In den 1980er Jahren gab es mehrere Massendemonstrationen der Friedensbewegung gegen den NATO-Doppelbeschluss: etwa 300000 Menschen demonstrierten am 10. Oktober 1981 in Bonn, schließlich eine halbe Million Menschen am 10. Juni 1982 in Bonn parallel zum NATO-Gipfel.

An der Friedensdemonstration im Bonner Hofgarten am 22. Oktober 1983 nahmen 500000 Menschen teil. Im Jahr der Wahl zum Bundestag 1980 wurde die Partei „Die Grünen“ gegründet, die dabei erstmals in das Parlament einzog.

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Weiterlesen

 

Der Politikwissenschaftler und RAF-Experte Wolfgang Kraushaar hat eine Chronik (Stand: 18.01.1998) vorgelegt. Kraushaar ist – neben dem späteren SPIEGEL-Chefredakteur Stefan Aust (s. Interview) – einer der wichtigsten Chronisten der RAF-Zeit, die den Studentenunruhen nach 1968, folgte.