Landeskunde Baden-Württemberg

 

Die 68-Bewegung

Dutschke und Dahrendorf 1968 in Freiburg. Foto: LMZ.

Die "68er Bewegung" ist ein Sammelbegriff für verschiedene, weltweite linkspolitische Strömungen. Ihnen gemeinsam ist, dass sie Ende der 1960er Jahre gegen die bestehenden politischen, kulturellen und sozialen Verhältnisse protestierten. Stattdessen sollte eine umfassende Demokratisierung sowie eine Emanzipation aller Menschen von "kapitalistischer Ausbeutung" erfolgen. Die 68er-Bewegung war in ihrem Kern eine Studentenbewegung. "Unter den Talaren Muff von Tausend Jahren!" riefen die Studenten 1968 auf Deutschlands Straßen. Als Protestformen etablierte sie "Go-ins", "Sit-ins" und "Teach-ins". Die Bewegung war bis auf wenige Ausnahmen auf Frankfurt und West-Berlin lokal begrenzt. Auch wenn viele der Ideen und Vorstellungen der 68er nicht in die Realität umgesetzt werden konnten, so brachten sie doch so manchen Stein ins Rollen. Wolfgang Kraushaar, einer der profiliertesten Wissenschaftler auf dem Gebiet nennt die 68er: "Eine Bewegung einer relativ kleinen, akademischen, städtischen Elite".

Vorgeschichte

1965/66: US-amerikanische Proteste gegen den Vietnamkrieg schwappen nach Europa über

1966: Große Koalition – am 1. Dezember 1966 wird in Bonn die erste Große Koalition gebildet

1966: am 5. Februar 1966 erste Demonstration gegen den Vietnamkrieg in Westberlin, veranstaltet von  SDS, SHB, LSD und HSU – insgesamt vier Studentenverbände

1967: Flower-Power-Bewegung – im Mai 1967 startet in San Francisco der „Summer of Love“ (Link)

1954/68: u.a. Bürgerrechtsbewegung in den USA („Civil Rights Movement“; 1954 – 1968) (Link)

2. Juni 1967:  - Demonstration anlässlich des Staatsbesuches von Schah Reza Pahlavi in Berlin. Der Student Benno Ohnesorg wird von einem Polizisten erschossen – dieser war ein Stasi-Agent, wie sich Jahrzehnte später herausstellt. Sein Todestag gilt als Einschnitt der westdeutschen Nachkriegsgeschichte mit weitreichenden gesellschaftspolitischen Folgen. Der 2. Juni ist auch  Ausgangspunkt für die „Bewegung 2. Juni“, die erste Form von Radikalisierung.

1966/67: Diskussion um so genannte „Notstandsgesetze“ führt zur Politisierung der Studenten

1967: die Antikriegs-Bewegung wird in den USA eine Bewegung von nationaler Bedeutung; am 21. Oktober 1967 versammelten sich über 100.000 Amerikaner/innen vor dem Pentagon in Washington. Von Januar 1969 bis April 1970 detonierten in den Vereinigten Staaten 4.358 Bomben, von denen mindestens 20 Prozent auf das Konto radikaler Kriegsgegner gehen.

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Das Jahr 1968

Illustration der 68er-Bewegung im Haus der Geschichte in Bonn. Foto: Holger Ellgard, wikipedia, CC-BY-SA-3.0

Das Jahr 1968 verläuft dramatisch: In Frankfurt brennen Kaufhäuser, in den USA wird der Bürgerrechtler Martin Luther King erschossen, eine Woche später wird in Berlin das Attentat auf den Wortführer der Studentenbewegung Rudi Dutschke verübt. In Frankreich führen die Mai-Unruhen zu besetzten Universitäten und Unternehmen, zu Barikaden und einem Generalstreik. In der Tschechoslowakei kommt es unter dem Motto „Sozialismus mit menschlichem Antlitz“ zu einer schrittweisen Liberalisierung der Verhältnisse unter Alexander Dubcek. Am 21. August marschieren eine halbe Million Soldaten der Sowjetunion, Polens, Ungarns und Bulgariens in die Tschechoslowakei ein und besetzen alle strategisch wichtigen Positionen des Landes. Dubcek und andere hochrangige Regierungsmitglieder werden festgenommen, der "Prager Frühling" ist beendet. Nach der schweren Zerstörung Saigons im Rahmen der Tet-Offensive der nordvietnamesischen Truppen wird der US-Öffentlichkeit erstmals deutlich, dass der Vietnamkrieg mit einer Niederlage enden könnte.

 

  • Am 17. und 18. Februar findet an der TU Berlin ein großer internationaler Vietnamkongress statt.
  • Am 18. Februar demonstrieren in West-Berlin rund 12.000 Studenten gegen die US-Politik und den Vietnamkrieg. Das löst später Gegendemonstrationen aus – mit wiederum Zehntausenden Teilnehmern.
  • Am 16. März verüben US-Soldaten das Massaker von My Lai, einem Dorf der Küstenprovinz Qu?ng Ngãi in Vietnam.  Das Massaker an 504 Zivilisten, darunter zahlreiche Kinder, Frauen und Greise, wurde von der US-Armee zunächst vertuscht. Die erste öffentliche Berichterstattung fand 14 Monate nach dem Massaker statt (Link).
  • Am 2. April gab es Brandanschläge auf zwei Kaufhäuser in Frankfurt/Main - ausgegeben als Protest gegen den Vietnamkrieg. Unter den Tätern: die späteren RAF-Führer Andreas Baader und Gudrun Ensslin.
  • Am 4. April bei einem Attentat in Memphis (Tennessee) wird der Bürgerrechtler Martin Luther King erschossen. Eine Woche später eskaliert die Lage auch in Deutschland.
  • Am 11. April, Gründonnerstag, verletzte ein Attentäter den Studentenführer Rudi Dutschke mit drei Schüssen. Die Tat löste Proteste aus – und prägt Deutschland bis heute. Bei dem Attentat erlitt Dutschke schwere Hirnverletzungen, an deren Spätfolgen er 1979 starb. (Link)
  • Noch am Tag des Attentats - am 11. April - kommt es zu Ausschreitungen und Krawallen. Zeitungswagen brennen vor dem Axel-Springer-Haus in Berlin-Kreuzberg.
  • Die „Osterunruhen“ gelten als die größten Straßenschlachten, die West-Deutschland bis dahin gesehen hatte. 2.000 Menschen protestierten vor dem Springer-Verlag in Berlin. In insgesamt 27 Städten kam es an den Ostertagen 1968 zu Protesten und teilweise zu Straßenkämpfen, die – laut Spiegel – an die Weimarer Republik erinnerten. 20.000 Polizisten waren im Einsatz. (Link)

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Hotspots im Südwesten

Rudi Dutschke. Foto: Petar Marjanovic, gemeinfrei.

1968 schwappen die Unruhen auch nach Baden-Württemberg über: Am 30. Januar findet eine öffentliche Diskussion zwischen Studentenführer Rudi Dutschke und FDP-Politiker Ralf Dahrendorf in Freiburg statt. Dabei entsteht ein Foto der beiden vor einem Lautsprecherwagen, das später berühmt geworden ist (Link). Vom 29. bis 31. Januar war in Freiburg der Bundesparteitag der FDP.

Nachdem der Freiburger Gemeinderat im Dezember 1967 die Anhebung der Fahrpreise des ÖPNV um 20 Pfennig beschlossen hatte, nutzten die Studenten die Fahrpreiserhöhung als Anlass, nun ebenfalls den Protest nach außerhalb der Universität zu tragen. Die Proteste führten am vierten Tag zum ersten Einsatz von Wasserwerfern in Baden-Württemberg. Der sechste Tag der Fahrpreisproteste endete in einer Straßenschlacht mit starken Polizeikräften.

Am 12. April 1968 kommt es in Esslingen zur Blockade der Druckerei Bechtle, dort wird nicht nur die Esslinger Zeitung, sondern seit 1963 auch die Boulevardzeitung „BILD“ gedruckt. „BILD“ wird vorgeworfen, einseitig und hetzerisch gegen die Studentenbewegung zu berichten. An diesem Karfreitag, dem 12. April 1968, skandierte die protestierende Menge „Bechtle, Bechtle, Springerknechtle“. Der Springer-Verlag wurde mitverantwortlich gemacht für das Attentat auf Rudi Dutschke. (Link)

Demonstrationen und hitzige Versammlungen gab es 1968 vor allem auch in den Universitätsstädten. Dabei sind die Vorgänge in Heidelberg, Tübingen und Freiburg jeweils am besten dokumentiert. Dazu hat auch die Stuttgarter Zeitung eine Chronik erstellt.

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Die Folgezeit

  • Der Deutsche Bundestag in Bonn bereitet die Verabschiedung der Notstandsgesetze vor. Am 11. Mai 1968 demonstrierten in einem Sternmarsch nach Bonn Zehntausende weitgehend friedlich gegen die Gesetzespläne, die sie als nicht hinnehmbare Eingriffsmöglichkeit der Staatsorgane in die Grundrechte ablehnten. Als am 30. Mai 1968 die Notstandsgesetze verabschiedet werden, folgen massive Proteste der so genannten außerparlamentarischen Opposition („APO“).
  • Der Mai 1968 (auch „Pariser Mai“) – ist das zeitliche Zentrum der 1968-er-Bewegung in Frankreich. 1967/68 fanden politische Studentenproteste – neben Deutschland – auch in den USA, Italien, der Tschechoslowakei, Polen, Japan, Mexiko, der Schweiz und weiteren Ländern statt, erreichten aber nirgendwo das Ausmaß der Geschehnisse in Frankreich. Das Frankreich der 1958 begründeten Fünften Republik hatte in den 1960er Jahren eine konservative Regierung unter Staatspräsident Charles de Gaulle und Premier Georges Pompidou. (Link)
  • Mit der Wahl vom 28. April 1968 wird der 5. Landtag von Baden-Württemberg konstituiert. Mit der 1. Plenarsitzung am 11. Juni 1968 zogen erstmals zwölf NPD-Abgeordnete in das Gremium ein. Mit der Wahl zum 6. Landtag am 23. April 1972 war die NPD vorerst wieder Geschichte, es waren ab sofort wieder 120 – statt mit Überhangmandaten – 127 Abgeordnete.
  • Am 24. Dezember 1968 umkreisen an Bord der Apollo 8 drei Astronauten als erste Menschen den Mond. Frank Borman, William Anders und James („Jim“) Lovell umkreisten den Mond zehn Mal und waren die ersten Menschen, die mit eigenen Augen die Rückseite des Mondes sahen. Am 21. Juli 1969 um 3:56 Uhr MEZ betraten im Zuge der Mission Apollo 11 die ersten Menschen den Mond, Neil Armstrong und Edwin Aldrin.
  • Mit dem Festival „Woodstock Music & Art Fair – 3 Days of Peace & Music“, meist kurz Woodstock genannt, fand vom 15. bis 17. August 1969 ein Open-Air-Musikfestival statt, das als Höhepunkt und gleichzeitig Endpunkt der im Mainstream angekommenen US-amerikanischen Hippiebewegung gilt: der 1967 gestarteten „Flower-Power-Bewegung“. Es fand in der Kleinstadt Bethel im US-amerikanischen Bundesstaat New York statt.

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Der Terror als Folge

Gedenktafel
Gedenktafel vor dem Luckenwalder Gymnasium. Foto: Dishayloo, gemeinfrei.

1972 f.: Als einer der ersten Anschläge des RAF-Terrors (als Abspaltung radikalisierter Teile der Studentenbewegung) war am 11. Mai 1972 in Karlsruhe der VW-Käfer des Bundesrichters Wolfgang Buddenberg das Ziel, in dem zu diesem Zeitpunkt jedoch seine Frau saß, die schwer verletzt wurde.

14. Mai 1970: Ulrike Meinhof, Irene Goergens, Ingrid Schubert und andere befreien den verhafteten Andreas Baader bei einer Ausführung in die Bibliothek des „Zentralinstituts für Soziale Fragen“ in Berlin-Dahlem. Ein Institutsangestellter wird durch einen Schuss schwer verletzt.

11. Mai 1972: Bei einem Bombenanschlag auf das US-Hauptquartier des V. Corps der US-Armee in Frankfurt werden eine Person getötet und 13 verletzt. Die Verantwortung übernimmt das „Kommando Petra Schelm“.

24. Mai 1972: Im Heidelberger Hauptquartier der US-Landstreitkräfte in Europa werden durch zwei Autobomben des „Kommandos 15. Juli“ (15. Juli 1971: Todestag von Petra Schelm) drei Soldaten getötet und fünf Menschen verletzt.

24. April 1975: Das RAF-Kommando Holger Meins überfällt in Stockholm die bundesdeutsche Botschaft, fordert die Freilassung von 26 Gesinnungsgenossen und erschießt zwei Diplomaten. Die Täter sind Lutz Taufer, Karl-Heinz Dellwo, Bernhard Rößner, Hanna Krabbe, Siegfried Hausner und Ulrich Wessel.

1977 - Jahr des Terrors: Attentat von Terroristen der „RAF“ am 7. April 1977 auf Siegfried Buback, den fünften Generalbundesanwalt der Nachkriegszeit. Der Mord war Auftakt der „Offensive 1977", Symbol für den totalitären Angriff auf den Staat, der noch Jahre danach vor allem als der sogenannte „deutsche Herbst“ firmiert. (Link)

28. April 1977: Das Oberlandesgericht Stuttgart verurteilt Baader, Ensslin und Raspe zu lebenslanger Haft wegen vier Morden und 34 versuchten Morden.

30. Juli 1977: Der Chef der Dresdner Bank Jürgen Ponto wird Opfer der zweiten Generation der RAF, die ihre im Gefängnis sitzenden Genossen freipressen wollten.

Deutscher Herbst im September und Oktober 1977: Entführung der Lufthansamaschine „Landshut“ nach Mogadischu (Somalia) zur Freipressung der inhaftierten Terroristen, Entführung und Ermordung von Arbeitgeberpräsident Hanns-Martin Schleyer und die folgenden Selbstmorde der RAF-Terroristen Andreas Baader, Gudrun Ensslin und Jan-Carl Raspe am 18. Oktober 1977 - ein vorläufiger Höhepunkt nach einer Serie sinnloser Mordanschläge. (Link)

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Die Öko- und Friedensbewegung

Friedenstaube. Bild: gemeinfrei.

Die Revolte der 1968er Generation war eine der Voraussetzungen für die in den 1970er Jahren entstehenden neuen soziale Bewegungen wie der Anti-Atomkraft-, Ökologie- und Friedensbewegung, die sowohl die vorherrschende Wachstumsphilosophie als auch die friedliche Nutzung der Atomkraft und das Abschreckungssystem des Kalten Krieges ablehnte.

Die 68er-Bewegung politisierte insbesondere Studierende. Sie konnte allerdings weitaus weniger Menschen mobilisieren, als die Friedensbewegung der 80er Jahre. Selbst bei den Protesten gegen die Notstandsgesetze beim Sternmarsch auf Bonn am 11. Mai 1968, der größten Demo der 68er, protestierten "nur" 60.000 Menschen.

In den 1980er Jahren gab es mehrere Massendemonstrationen der Friedensbewegung gegen den NATO-Doppelbeschluss: etwa 300.000 Menschen demonstrierten am 10. Oktober 1981 in Bonn, schließlich eine halbe Million Menschen am 10. Juni 1982 in Bonn parallel zum NATO-Gipfel.

An der Friedensdemonstration im Bonner Hofgarten am 22. Oktober 1983 nahmen 500.000 Menschen teil.

Im Jahr der Wahl zum Bundestag 1980 wurde die Partei „Die Grünen“ am 13. Januar 1980 in Karlsruhe gegründet. 1983 gelang es den Grünen zum ersten Mal, in den Bundestag einzuziehen. Von 1985 bis 1987 stellten sie mit dem 68er Joschka Fischer in Hessen erstmals einen Landesminister. Nach der Bundestagswahl 1998 wurde Bündnis 90/Die Grünen erstmals Regierungspartei in einer rot-grünen Koalition auf Bundesebene.

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Weitere Informationen

bpb: 68er-Bewegung

Deutschlandfunk: Brandanschläge, Studentenproteste und Gewalt

Frankfurter Rundschau: Die 1980er

planet wissen: Studentenbewegung

Spiegel Online: 68er-Bewegung

SZ.de: 68er Bewegung

Wikipedia: 68er-Bewegung

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Weiterlesen

 

Der Politikwissenschaftler und RAF-Experte Wolfgang Kraushaar hat eine Chronik (Stand: 18.01.1998) vorgelegt. Kraushaar ist – neben dem späteren SPIEGEL-Chefredakteur Stefan Aust (s. Interview) – einer der wichtigsten Chronisten der RAF-Zeit, die den Studentenunruhen nach 1968, folgte.

 
 
 
 
 

1968 in Deutschland

 
Juchler: 1968 in Deutschland

Schauplätze der Revolte
Beispielhafte Orte in Deutschland, an denen die Auseinandersetzungen um die Konfliktthemen in den 1960er Jahren geführt wurden, porträtiert der Autor in diesem Buch. In kurzen Kapiteln werden zentrale Orte der 68er-Bewegung in Deutschland behandelt,
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