Landeskunde Baden-Württemberg

 

Ausgrenzung und Vernichtung

Anprangern einer nicht-jüdischen Frau wegen Umgangs mit einem Juden, um 1936. Foto: LMZ Baden-Württemberg
Anprangern einer nicht-jüdischen Frau wegen Umgangs mit einem Juden, um 1936. Foto: LMZ Baden-Württemberg

Demütigung und Entrechtung

Der recht geringe Widerstand erklärt sich auch durch die harten Maßnahmen, die die Nationalsozialisten gegen alle „unerwünschten“ Bevölkerungsgruppen ergriffen: Inhaftiert wurden nicht nur Vertreter und Anhänger der politischen Parteien, auch beispielsweise Homosexuelle („Rosa Winkel“), Sinti und Roma („Zigeuner“), Bibelforscher (Zeugen Jehovas) und Priester beider Konfessionen wurden in Konzentrationslager gesperrt. Psychisch Kranke sowie geistig oder körperlich Behinderte wurden als „unwertes Leben“ im großangelegten „Euthanasie“-Programm ermordet. Das „T4“ genannte Programm führte zu einigem Widerstand, als sich die Kirchen, darunter der „Löwe von Münster“, Bischof Clemens August Graf von Galen, und der württembergische Landesbischof Theophil Wurm öffentlich gegen diese Politik stellten und erreichten, dass das Programm abgebrochen wurde – zu diesem Zeitpunkt allerdings waren die meisten Behinderten bereits umgebracht worden. Tötungsort der in Württemberg von der Aktion T4 erfassten Personen war das ehemalige Behindertenheim Grafeneck auf der Schwäbischen Alb. Mehr als 10.0000 Menschen wurden hier von den Ärzten ermordet.

Vor allem aber richteten sich die nationalsozialistische Politik gegen die jüdischen Einwohner Württembergs und Badens. Schon 1933 begannen die Repressalien, die sich zum Pogrom und schließlich zur planmäßigen und systematischen Vernichtung steigerten. Hintergrund war eine antisemitische Ideologie, die Juden für alles und jeden verantwortlich machte. Die Shoa begann mit systematischer Ausgrenzung und wurde über Deportationen zur industriellen Vernichtung in den deutschen Vernichtungslagern in Osteuropa wie z. B. Auschwitz-Birkenau.

In Creglingen lynchte bereits am 25. März 1933 ein örtlicher Mob Mitglieder der jüdischen Gemeinde. Das war eines der frühesten Pogrome in Deutschland. Es folgten Gesetze der Reichsregierung zur Entlassung jüdischer Beamter sowie in der Folge Berufsverbote für Angehörige der freien Berufe. 1935 folgten schließlich die „Nürnberger Rassegesetze“ und 1938 wurde infolge der „Reichspogromnacht“ das jüdische Vermögen beschlagnahmt und „arisiert“. Ausreisen waren nur möglich, wenn die aufnehmenden Länder Visa erteilten. Versuche, Juden „freizukaufen“, brachten einigen Erfolg, insgesamt verschärfte sich die Lage ab 1939 aber erheblich. Denn mit dem Feldzug gegen Polen wuchs die Zahl der Juden, die sich im deutschen Herrschaftsbereich befanden. Ab 1941 begann dann die systematische Tötung der Juden in den besetzten Gebieten durch Massenerschießungen, die von der industriellen Tötung meist durch Giftgas in den Vernichtungslagern abgelöst wurde und ihren traurigen Höhepunkt fand. Mehr als sechs Millionen Juden wurden während des „Dritten Reiches“ ermordet.

Deportation und Vernichtung

Deportation von Juden aus Stuttgart 1941 nach Killesberg und schließlich Buchenwald. Foto: LMZ Baden-Württemberg
Deportation von Juden aus Stuttgart 1941 nach Killesberg und schließlich Buchenwald. Foto: LMZ Baden-Württemberg

In Württemberg wurden jüdische Einwohner zunächst in den Städten konzentriert, die eine nennenswerte jüdische Bevölkerung aufweisen konnten, ab 1941 erfolgte der organisierte Massenmord, als in mehreren Transporten die württembergischen und hohenzollerischen Juden unter unmenschlichen Zuständen zunächst auf dem Stuttgarter Killesberg „konzentriert“ und von dort in die Vernichtungslager gebracht wurden. Auch in Baden wurden die jüdischen Einwohner in „Judenhäusern“ gesammelt und durch den „besonderen Einsatz“ des Gauleiters Robert Wagner bereits vor den im Reich einsetzenden Deportationen schon im Oktober 1940 in das südwestfranzösische Internierungslager Gurs verbracht. Mit Einsetzen der Shoa 1942 wurden die Überlebenden von Gurs in die Vernichtungslager transportiert und dort ermordet. Von den rund 6000 badischen und den etwa 4500 württembergischen Juden überlebten nur wenige.

Nach dem Krieg konnte leicht behauptet werden, „man“ habe von diesen Verbrechen nichts gewusst, über die Inhaftierungen und Ermordungen habe Stillschweigen geherrscht und in letzter Konsequenz sei nur eine Clique von Nationalsoziallisten für diese Verbrechen verantwortlich. Wie neuere Forschungen belegen, sind solche Äußerungen Teil einer kollektiven Verteidigungsstrategie. Je länger, je mehr erfuhr die Bevölkerung von heimkehrenden Soldaten von Massenerschießungen und Vernichtungslagern. Solche Themen wurden sogar vom nationalsozialistischen Regime in verdeckter und codierter Sprache publik gemacht, um die Bevölkerung zu Mittätern zu machen. Jeder Einzelne konnte sich ein genaues Bild der Lage machen, wenn er nur wollte. Sich gegen diese Maßnahmen zu stellen erforderte aber höchsten Mut und Opferbereitschaft, die nur wenige aufbrachten.

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Gedenkstätten in Baden-Württemberg

 

Baden-Württemberg gedenkt an vielen Orten den Opfern des Nationalsozialismus und derjenigen, die den Mut zum Widerstand hatten.

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Gedenkstätte Grafeneck

 

Am 18. Januar 1940 begann im Behindertenheim Grafeneck die systematisch-industrielle Ermordung von Menschen im NS-Deutschland im Rahmen der „Aktion T4“, der NS-„Euthanasie“ Krankenmord. Heute ist der Ort eine Gedenkstätte.


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Literaturhinweis

 

Jürgen Stude: Geschichte der Juden in Bruchsal. Veröffentlichungen zur Geschichte der Stadt Bruchsal, Bd. 23, hrsg. v. der Stadt Bruchsal. Verlag Regionalkultur, Ubstadt-Weiher 2009. 432 Seiten. ISBN 978-3-89735-441-8. EUR 22,80


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Der Ausweis des Freiburger Professors und Bildhauers R. J. Engelmann (1868 - 1966) wurde deutlich mit einem "J" gekennzeichnet. Er überlebte später die Deportation in das KZ Gurs. 

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Literaturhinweis

 

Abmayr, Hermann G.: Stuttgarter NS-Täter. Vom Mitläufer bis zum Massenmörder. Verlag Hermann Abmayr und Schmetterling-verlag, Stuttgart 2009. 384 Seiten. ISBN 978-3-89657-136-6. EUR 19,80.


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Geschichte der Landesministerien während der Nazizeit

 

Das Portal dokumentiert aktuell die Zwischenergebnisse des Forschungsprojekts “Geschichte der Landesministerien in Baden und Württemberg in der Zeit des Nationalsozialismus“. Die dafür eingesetzte Historikerkommission hat sich zum Ziel gesetzt, eine umfassende kulturgeschichtliche Aufarbeitung des Selbstverständnisses und der Handlungsprinzipien der damaligen Ministerialverwaltung sowie des Wechselverhältnisses zwischen Bürokratie und politischer Entscheidungsfindung vorzunehmen. Im Fokus der Recherchen stehen die Biographien der badischen und württembergischen Ministerialbeamten, die in unterschiedlichen Funktionen auch an der NS-Repressionspolitik beteiligt waren.

http://ns-ministerien-bw.de/