Landeskunde Baden-Württemberg

 

Prinz Max von Baden: der letzte Kanzler des Kaisers

Er war die Schlüsselfigur und besiegelte das Ende der Monarchie – Sein Nachlass ist jetzt in Karlsruhe zu sehen

Prinz Max von Baden 1914

Stefan Jehle

Im Karlsruher Stadtbild ist sein Name bis heute präsent: durch das Prinz-Max-Palais, Wohnsitz des Fürsten zu Zeiten der Monarchie. Berühmt geworden war der einstige Thronfolger des Hauses Baden als letzter Reichskanzler des Kaisers zum Ende des Ersten Weltkriegs. Jetzt ist Prinz Max von Baden gewissermaßen heimgekehrt: sein überlieferter Nachlass, bislang im weit entfernten Schloss Salem am Bodensee gelagert, gehört jetzt zum digitalisierten Fundus des Generallandesarchivs in Karlsruhe.

Akten und Unterlagen aus einer Zeit, als man von Depeschen sprach, und nicht von Twitter-Tweets – als Briefe schreiben noch zum Standard des gedanklichen Austausches gehörte, E-Mail-Kontakte und selbst Telefone noch in weiter Ferne schienen: sämtliche handschriftlichen Zeugnisse des Prinzen sind nun Teil der Archivbestände an der Hildapromenade in der Karlsruher Weststadt. Auszüge davon sind bis zum Oktober 2016 in einer Ausstellung zu sehen, die auch Max‘ Tante, die einstige Großherzogin Luise von Baden (1838-1923) zum Thema macht. Auch ihr Nachlass, von der Abstammung eine Prinzessin von Preußen, ist jetzt online abrufbar.

Prinz Max von Baden und Prinz Bernhard, der Urahn (Gemälde im Hintergrund von 1912, von Hofmaler Otto Propheter)

Für Prinz Bernhard von Baden, den 100 Jahre nach dem Prinzen Max am heutigen Stammsitz der Familie in Salem geborenen Urahn des Fürsten, ist es „eine große Freude, den Urgroßvater mit ganz neuen Facetten präsentiert zu bekommen“. 2014 habe seine Familie „die Unterlagen als Leihgabe an das Generallandesarchiv übergeben“. Damit setze man das fort, was seit Jahrhunderten schon so getan worden sei: „Die Geschichte des Hauses und des Landes Baden in ihren Schriftquellen zu sichern“.

Auch badische Symbolik wird sichtbar, wie sich die Zeiten gewandelt haben. Vor dem Archivgebäude fuhr die Limousine des Markgrafen Max, derzeit Chef des Hauses Baden und seiner Frau Valerie Isabella, vor: mit dem auffällig-unauffälligen Kennzeichen „BAD-EN 1“.

Die Freunde Badens hüten sich aber heute doch vor allzu viel Verklärung: der Prinz Max von Baden (1867-1929) sei „von Herzen Monarchist“ gewesen, sagt Konrad Krimm, der Kurator der Ausstellung. Mit den jetzt zugänglich gemachten Online-Archivalien könne man aber erkennen, wie offen er gewesen sei für Neues. Man müsse die Geschichte des badischen Fürsten nicht umschreiben, könne sie aber nun sehr viel differenzierter betrachten. Prinz Max galt als Schöngeist, habe ausführliche Briefwechsel geführt mit Intellektuellen aus ganz Deutschland, auch dort wo „man es nicht erwartet hätte“. Auch etwa als Gesprächspartner von Pazifisten oder Sozialdemokraten. Er habe „nach Auswegen gesucht aus der höfischen Regelwelt“, sagt der Historiker, dem sich „mit dem Nachlass 1000 neue Fragen stellen“.

Jetzt steht der Blaublütige, der 1907 zum badischen Thronfolger ernannt wurde, weil sein Vetter – der nach Tod von Friedrich I. ab dem Jahr 1907 amtierende Großherzog Friedrich II. – keine eigenen Kinder bekommen konnte, erstmals überhaupt selbst im Mittelpunkt einer kulturhistorischen Ausstellung. Ab diesem Zeitpunkt, mit Ernennung als Thronfolger, war er auch Präsident der Ersten Kammer des Badischen Landtags. „Der Wunschlose“ war ein Pseudonym von Prinz Max, als er Jahre später, ab dem 3.Oktober 1918 als letzter Reichskanzler des Kaiserreiches zur Schlüsselfigur wurde. Formal ernannt worden war er dazu vom deutschen Kaiser. Seit Sommer 1917 führte Max Gespräche über eine mögliche Kanzlerschaft – manche sahen in ihm „eine letzte Rettung“ in dem zermürbenden Kriegsgeschehen: andere den selbstlosen Diplomaten, aber auch „den versteiften Monarchisten“, den Zögerlichen. Immerhin sprach er sich 1917 gegen den geplanten verschärften U-Boot-Krieg aus. 2013 hatte der Bremer Historiker Lothar Machtan in einer Biographie über den als liberal geltenden badischen Prinzen, scheinbar neue Facetten des Aristokraten offenbart: er meinte nachweisen zu können, dass der Thronfolger des Hauses Baden „ein schwacher Politiker“, und auch durch seine ihm nachgesagte Homosexualität „erpressbar gewesen“ sein soll.

Das Leben von Prinz Max spielte sich über lange Zeit ab zwischen Karlsruhe und Berlin, wo er bis 1911 in Diensten der preußischen Armee stand. Er galt zeitlebens als vielschichtig-schillernde Persönlichkeit, als ein Bewunderer der schönen Künste, der später auch selbstlos Hilfe für Kriegsgefangene organisierte – aber dann „als Verräter“ des Kaisers in Verruf und unter heftigste Anfeindung geriet. „Bademax“ nannten ihn einst ziemlich despektierlich manche adelige Offiziere. Am 9.November, dem Beginn der Novemberrevolution 1918 proklamierte er – eigenmächtig, und ohne dessen Zustimmung – die Abdankung seines Vetters, Hohenzollern-Kaiser Wilhelm II., und übergab gleichzeitig die Macht an den badischen SPD-Politiker Friedrich Ebert.

Letztlich war ihm, dem Kurz-Zeit-Reichskanzler, der damit tatkräftig den Abgesang der deutschen Monarchie einleitete, gar nicht viel anderes übrig geblieben: der amerikanische Präsident Woodrow Wilson hatte zu dem bevorstehenden Waffenstillstand „eine demokratisch legitimierte deutsche Regierung“ eingefordert. Auch die deutsche Oberste Heeresleitung machte Prinz Max zum mehr oder weniger „willigen Vollstrecker“ der Kapitulation, und versuchte ihn – so wie etwa auch den später ermordeten Zentrumspolitiker Matthias Erzberger – dafür verantwortlich zu machen.

Der badische Fürst wurde damit für kurze Zeit ein wichtiger Faktor der Weltgeschichte. Mit der jetzigen Ausstellung im Generallandesarchiv in Karlsruhe lässt sich auch die Umbruchzeit mit dem Ende des Kaiserreichs und den Versuchen zu demokratischen Neuanfängen der Weimarer Republik etwas besser beleuchten.

Nach Abschaffung der Monarchie wurde Salem am Bodensee zum Lebensmittelpunkt  von Prinz Max: dort gründete er mit dem ihm eng verbundenen jüdischen Reformpädagogen Kurt Hahn die Schule Schloss Salem. Seine rund fünf Wochen andauernde Kanzlerschaft wird im Rückblick häufig als „Missverständnis“ erklärt, er sei Gallionsfigur „einer nur nominell geführten Regierung“ gewesen. In einer Zeit, die ihn in Kontakt mit Politikern wie Matthias Erzberger (Zentrum), Friedrich Ebert und Philipp Scheidemann (beide SPD) brachte. Die Reichshauptstadt habe er nach jenem 9.November nicht mehr aufgesucht, heißt es.

Das im Jahr 1900 von ihm in Karlsruhe bezogene Prinz-Max-Palais blieb als Gebäude später in wichtiger Funktion: es war von 1951 bis 1969 der erste Sitz des Bundesverfassungsgerichts, und beherbergt heute das Karlsruher Stadtmuseum und die Räumlichkeiten der Literarischen Gesellschaft. Von dieser wird auch der erstmals 1928 verliehene Scheffelpreis an die begabtesten Abiturienten im Kernfach Deutsch in Baden-Württemberg vergeben. Gerade das könnte zu denken geben: zwar sind es von dem Gebäude des Generallandesarchivs, in dem die Ausstellung zu Prinz Max von Baden stattfindet, bis zum demokratisch gewandelten Prinz-Max-Palais gerade mal rund 800 Meter Luftlinie. Und das Generallandesarchiv in Karlsruhe gehörte in vorrepublikanischen Zeiten direkt zum Herrscherhaus der Großherzoge von Baden.

Doch das sollte 100 Jahre nach Abschaffung der Monarchie keine unüberbrückbare Hürde sein, unter eine bis heute reichende Marotte der Freunde Badens einen Schlussstrich zu ziehen: denn scheinbar gibt es im 21.Jahrhundert immer noch zahlreiche Adelsanhänger und Nostalgiker, die die Nachfahren der beruflich und protokollarisch längst in der Republik angekommenen Mitglieder des Hauses Baden – wie bei der Eröffnung der Ausstellung Prinz Max von Baden gleich mehrfach geschehen – weiterhin mit dem reichlich unterwürfig wirkenden „Königliche Hoheit“ (abgekürzt als: S.K.H.) ansprechen.

Online-Archiv

Pünktlich zur Eröffnung der Ausstellung „Der Wunschlose — Prinz Max von Baden und seine Welt“ wurden die Inventare zu den Nachlässen von Prinz Max von Baden (1867—1929), dem letzten Kanzler des deutschen Kaiserreichs, und Großherzogin Luise (1838—1923), der Gattin von Großherzog Friedrich I. und Tochter von Kaiser Wilhelm I., der Forschung online zur Verfügung gestellt. 2014 hat das Haus Baden die beiden Nachlässe mit besonderer historischer Bedeutung dem Generallandesarchiv Karlsruhe als Leihgabe in das Großherzogliche Familienarchiv übergeben. Die Erschließung der Unterlagen wurde möglich durch die finanzielle Unterstützung der Stiftung Kulturgut Baden–Württemberg.

Schloss Salem

Nach Abschaffung der Monarchie wurde Salem am Bodensee zum Lebensmittelpunkt  von Prinz Max und der Familie: dort gründete er mit dem ihm eng verbundenen Reformpädagogen Kurt Hahn die Schule Schloss Salem. Sein 1933 geborener Enkel, Markgraf Max von Baden, ist bis heute Chef des Hauses Baden. Urenkel Prinz Bernhard wird die Nachfolge antreten. Der studierte Betriebswirt erledigt schon seit 1998 die Geschäfte des Hauses, unter anderem besitzt der Markgraf von Baden 110 Hektar Weingüter in den Orten Birnau, Bermatingen und Meersburg am Bodensee. Das Schloss Salem wurde 2008 nach langwierigen Verhandlungen vom Land Baden-Württemberg übernommen – für die Summe von 60 Millionen Euro.

Prinz-Max-Palais

Das Prinz-Max-Palais um 1910 (Postkarte)

Das im Jahr 1900 von dem einstigen badischen Thronfolger in Karlsruhe bezogene Prinz-Max-Palais blieb als Gebäude später in wichtiger Funktion. Es war von 1951 bis 1969 der erste Sitz des Bundesverfassungsgerichts, und beherbergt heute das Karlsruher Stadtmuseum und die Räumlichkeiten der Literarischen Gesellschaft. Von dieser – mit Sitz in dem Jugendstilbau – wird auch der erstmals 1928 verliehene Scheffelpreis an die begabtesten Abiturienten im Kernfach Deutsch in Baden-Württemberg vergeben.

Links

Generallandesarchiv: www.landesarchiv-bw.de

Nachlass von Prinz Max von Baden und von Großherzogin Luise von Baden: www.landesarchiv-bw.de/web/60494

Infos zur Ausstellung: www.landesarchiv-bw.de/web/60636

Info – heutiges Prinz-Max-Palais: www.literaturmuseum.de, karlsruhe.de/stadtmuseum

 

Kurzbiografie zu Max von Baden

 

Geboren am 20. Juli 1867 als Maximilian Alexander Friedrich von Baden, absolvierte der spätere Reichskanzler zunächst... mehr

 
 
 
 
 

Ausstellung: Der Wunschlose - Prinz Max von Baden und seine Welt

 

Das Generallandesarchiv Karlsruhe präsentiert vom 16. Juni bis 6. November 2016 die Ausstellung „Der Wunschlose — Prinz Max von Baden und seine Welt“. Die Schau basiert auf der Korrespondenz des Prinzen Max, die das Haus Baden 2014 in das Großherzogliche Familienarchiv im Generallandesarchiv überführt hat. Dabei kamen 30 Regalmeter badische Geschichte von Salem nach Karlsruhe. Die Ausstellung erschließt mit zum Teil bislang unbekannten Fotos und Dokumenten, Plakaten, Gemälden und Plastiken die Welt des Prinzen und eine Welt des Umbruchs von der Monarchie zur Republik. Das Buch zur Ausstellung umfasst 232 Seiten.

Öffnungszeiten:

Di – Do 8.30 – 17.30 Uhr
Fr 8.30 – 19 Uhr
So 13 – 17.30 Uhr
Mo und Sa geschlossen

Eintritt frei

Führungen nach Vereinbarung

Generallandesarchiv Karlsruhe, Nördliche Hildapromenade 3, 76133 Karlsruhe

Generallandesarchiv: http://www.landesarchiv-bw.de/web/60696