Täter, Helfer, Trittbrettfahrer: Der Bodenseeraum

Stefan Jehle

NS-Verstrickungen: „Über Hemmschwellen der späten Aufklärung“

Buchreihe „Täter, Helfer, Trittbrettfahrer“ beleuchtet mit Band 5 den Bodenseeraum

Friedrichshafen  – Der Bodensee ist nicht nur eine beliebte Urlaubsregion. In der Zeit des Nazi-Regimes gab es am nördlichen Bodenseeufer auch einige wichtige Rüstungsstandorte. Hier sorgten Weltfirmen wie Dornier und Zeppelin für Wachstum und Wohlstand. In der Buchreihe „Täter, Helfer, Trittbrettfahrer“, die mittlerweile über 100 Biographien beleuchtete, werden mit Band 5 erstmals für den gesamten Bodenseeraum die Verstrickungen lokaler Akteure in der NS-Zeit aufgearbeitet. Das Fazit von Herausgeber Wolfgang Proske zum wichtigsten Industriestandort am Bodensee, der Stadt Friedrichshafen: „Es gibt noch immer Tabu-Namen.“

Die 2010 gestartete Buchreihe will da mehr Licht ins Dunkel bringen, die Motive und Verstrickungen von Politikern und Industriebossen beleuchten. 20 Biographien umfasst der fünfte Band der Reihe, der im März im Stadtarchiv Friedrichshafen – auf Einladung des „Bodensee-Geschichtsvereins“ – vorgestellt wurde. In der Stadt, die mit Graf Zeppelin sichtbar an Bedeutung gewann, sind Politik und Wirtschaft seit jeher eng verwoben. Sozialwissenschaftler Wolfgang Proske, der die Buchreihe zur Aufarbeitung der NS-Zeit begonnen hat, glaubt, es „gebe in Friedrichshafen bis heute Hemmschwellen sich unvoreingenommen mit einzelnen Akteuren auseinanderzusetzen“. Diese Erfahrung machte er vor Jahren auch schon anderswo: etwa in Heidenheim mit „Wüstenfuchs“ Erwin Rommel.

Während im jetzt vorgelegten Band die Entnazifizierungsakte des Flugzeugbauers Claude Dornier beleuchtet werde – die im Übrigen in Teilen auch online einsehbar ist im Staatsarchiv Sigmaringen – gebe es bei anderen Personen „fehlende Bereitschaft“. Es habe lange gedauert, „bis er jemanden gefunden habe, der kritisch über den Motorenkonstrukteur Karl Maybach schreibt“. Ein Porträt zu dem Mitstreiter von Graf Zeppelin war für den aktuellen Band noch nicht fertiggeworden, und soll in einem Folgeband erscheinen. Eine Biographie zu dem langjährigen Nachkriegs-OB von Friedrichshafen, Max Grünbeck (Amtszeit 1949-1977) war indes nicht zustande gekommen: ein Autor, der die Zeit des einstigen NS-Karrierediplomaten im Berliner Reichsaußenministerium beschreiben sollte, hatte wieder zurückgezogen. Grünbeck war in Kriegszeiten enger Mitarbeiter des späteren Bundeskanzlers Kiesinger.

Näher beleuchtet wird dagegen im jetzt vorgelegten Band der einstige Rathauschef von Friedrichshafen in der NS-Zeit. Walter Bärlin, Bürgermeister der Bodenseestadt zwischen 1934 und 1945, war bereits 1933 mit der Machtergreifung in SA und NSDAP eingetreten. Er galt „als moderater Nazi“, aber – so sagt der Autor des Beitrags, der Historiker Frank Raberg – „qua Selbstverständnis als der Statthalter Hitlers in Friedrichshafen“, und sei als solcher auch häufig „in schwarzer Uniform“ aufgetreten. Raberg nennt den gebürtigen Bietigheimer „einen Profiteur und Helfershelfer“, der sich bei der Entnazifizierung „durch die Revisionsinstanzen klagte“, und später – 1955 bis 1963 – erneut ein Bürgermeisteramt antrat: in Freudenstadt. Bärlin ist damit eines der Beispiele, wie NS-Funktionäre nach dem Krieg schnell wieder in hohe Ämter kamen.

Raberg schrieb auch den Beitrag über den berüchtigten Kreisleiter der NSDAP von Friedrichshafen und Tettnang, Hans Seibold. Der sei ein absoluter Fanatiker und Kriegsverbrecher gewesen, „der in Friedrichshafen ein Terrorregime aufbaute“. Seibold war wegen Mordes zeitweilig interniert gewesen, kam 1955 aber wieder frei. Ähnliche Fallbeispiele gab es in früheren Bänden der Buchreihe „Täter, Helfer, Trittbrettfahrer“: etwa zu dem berüchtigten SS-General Max Simon, der zu Kriegsende nahe Crailsheim sein Unwesen trieb. Oder zu KZ-Lagerapotheker Viktor Capesius.

Neue Aspekte zum Lebenslauf der „Bestie von Auschwitz“, dem in Stuttgart geborenen Massenmörder Wilhelm Boger, hat Autor Wolf-Ulrich Strittmatter zusammengetragen. Boger, der 1963 im Frankfurter Auschwitz-Prozess zu lebenslanger Freiheitsstrafe verurteilt wurde, kam 1933 nach Friedrichshafen als „Sachbearbeiter“ der Gestapo (der politischen Polizei), und wurde 1939 nach Polen versetzt. „Bogers Verbrechen haben in Friedrichshafen begonnen“, sagt Strittmatter, der ihn als „absolut enthemmten Täter“ beschreibt, der während sechs Jahren in den lokalen Oberamtsbezirken „für Angst und Schrecken gesorgt habe“. Er zähle zur Kategorie „selbständig handelnder Täter“.

Herausgeber Wolfgang Proske und sein mittlerweile über 90 Köpfe zählendes Autorenteam sehen „wachsende Resonanz für die Buchreihe“. Ihn treibt schon länger die Erkenntnis um, ein System wie das der Nazis habe nur existieren können, weil „viele“ mitmachten: Nicht jeder war dabei explizit Täter, viele aber hätten eben doch mitgeholfen, und das System unterstützt. Nach „recht vorsichtigen Schätzungen“, sagt Sozialwissenschaftler Proske, liege die Gesamtzahl der NS-Täter bei etwa 500.000 Personen. Erst spät habe die Aufarbeitung begonnen. Die Nachkriegsstimmung sei „nicht nach Schnüffelei“ gewesen. Man werde einige Kenntnisse über die NS-Zeit „im Lichte vieler Biografien“, die noch zu schreiben seien, gelegentlich auch nachjustieren müssen, sagt er.  Die Einordnung der kleinen und großen Nazis, erfolgt mit der Klassifizierung „Täter, Helfer, Trittbrettfahrer“. „Ohne viele kleine Täter hätte das System nicht funktioniert“, so Proske.

Hintergründe

KARL MAYBACH (1879-1960)

  • Der Vater der Maybach-Automobile und Motoren / Sohn von Wilhelm Maybach
  • 1938: Während des Zweiten Weltkriegs muss Maybachs Firma Motoren für Panzer und Sturmboote herstellen.
  • ... Vorläufer-Firma der späteren MTU


CLAUDE DORNIER (1884-1969)

  • einst enger Mitarbeiter von Zeppelin
  • ab 1932 Dornier-Werke (in NS-Zeit vorwiegend Produktion von Bombern)

 

 

Die Homepage der Reihe finden Sie unter
www.ns-belastete.de

 
 
 
 
 

Das Projekt

 

Das Projekt "Täter Helfer Trittbrettfahrer" will über Persönlichkeiten aus dem "Dritten Reich" den Nationalsozialismus mit biografischem Ansatz erforschen und in einer lesbaren Form der Öffentlichkeit präsentieren. Die Lebensgeschichte solcher Personen soll in einer regional orientierten Geschichtschreibung verdichtet werden. Das Projekt entstand als private Initiative ab 2008 in Ostwürttemberg.


Gegenwärtig sind knapp 50 Autorinnen und Autoren aus unterschiedlichen beruflichen Zusammenhängen und Interessengebieten ehrenamtlich mit NS-Belasteten aus den Regionen befasst.


Herausgeber der Reihe ist Dr. Wolfgang Proske, Diplom-Sozialwissenschaftler und Lehrer für Geschichte und Bildende Kunst am Rosenstein-Gymnasium Heubach sowie am Abendgymnasium Ostwürttemberg.

 
 
 
 

© 2017 Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg
www.lpb-bw.de