Landeskunde Baden-Württemberg

 

Die Buchreihe "Täter, Helfer, Trittbrettfahrer" bringt Licht ins Dunkel der Verstrickungen

Das NS-System beschäftigt die Deutschen seit vielen Jahrzehnten. Unmittelbar nach dem Krieg setzte bei der Aufklärung im Land der Täter jedoch zeitweilig eine Art "Amnesie" ein. Vielleicht war es die Demütigung der Niederlage, was viele Landsleute die Augen verschließen ließ. Der erste Nachkriegskanzler Konrad Adenauer hatte 1952 sogar ein "Ende der Schnüffelei" gefordert. Vieles blieb bis heute unaufgeklärt.

Das Projekt "Täter Helfer Trittbrettfahrer" will über Persönlichkeiten aus dem "Dritten Reich" den Nationalsozialismus mit biografischem Ansatz erforschen und in einer lesbaren Form der Öffentlichkeit präsentieren. Die Lebensgeschichte solcher Personen soll in einer regional orientierten Geschichtschreibung verdichtet werden.

Herausgeber der Reihe ist Dr. Wolfgang Proske, Diplom-Sozialwissenschaftler und Lehrer für Geschichte und Bildende Kunst am Rosenstein-Gymnasium Heubach sowie am Abendgymnasium Ostwürttemberg. Der in Ostwürttemberg wohnhafte Pädagoge versucht seit einiger Zeit mit seiner Buchreihe, Licht ins Dunkel der Verstrickungen zu bringen. Inzwischen sind mehr als 100 Biographien mit engem Bezug zu Baden-Württemberg aufgearbeitet worden.

Das Projekt entstand als private Initiative ab 2008 in Ostwürttemberg. Gegenwärtig sind knapp 50 Autorinnen und Autoren aus unterschiedlichen beruflichen Zusammenhängen und Interessengebieten ehrenamtlich mit NS-Belasteten aus den Regionen befasst.

Die mittlerweile vier Bände umfassende Reihe findet wachsende Resonanz. Dieser Beitrag will aufzuzeigen, wie es zu der Forschungsreihe kam, welche Hürden zu bewältigen waren, und welche Analysen und Betrachtungen - bezogen auf alle Landesteile - noch geplant sind.

Ausblick

Für die noch folgenden – voraussichtlich sechs weiteren – Bänden der Buchreihe „Täter, Helfer, Trittbrettfahrer“ sollen ab 2015/2016 noch Dutzende weitere in Verstrickungen geratene Nazis porträtiert werden. Beispielsweise der in St. Gallen in der Schweiz geborenen Begründer der NS-Rassenhygiene, Ernst Rüdin, der ab 1928 in München wirkte – und dem die eidgenössische Schweiz 1945 seine Bürgerrechte entzog. Auch Martin Hilti, der als liechtensteinischer Unternehmer Mitglied der Waffen-SS war, wird beleuchtet.

Gespannt sein darf man auch auf die Analysen zu Konrad Gröber, dem ehemaligen Freiburger Erzbischof – oder Wilhelm Gutmann, den Mitbegründer der Nachkriegs-NPD, und Fraktionschef der Rechtsextremisten im baden-württembergischen Landtag 1968-1972. Der in Basel geborene Gutmann war ab 1931 NSDAP-Mitglied – und zeitweilig Bürgermeister in Tiengen gewesen.

Auch der Philosoph Martin Heidegger, Ex-Arbeitgeberpräsident Hans-Martin Schleyer und Ex-Bundeskanzler Kurt-Georg Kiesinger stehen auf der Namensliste der weiteren noch zu veröffentlichenden Bände...

 

 

Die Homepage der Reihe finden Sie unter
www.ns-belastete.de

 
 
 
 
 

Diskussion

 

Viele NS-Belastete kamen nach dem Krieg oft schnell wieder in herausragende Funktion: die jetzt vorgelegten Biographien sorgten mit Veröffentlichung in mehreren Fällen für intensive Diskussionen vor Ort. Etwa im vergangenen Jahr um den Allgäuer Agrarlobbyisten und Bierbrauer Oskar Farny, der während zwölf Jahren NS-Zeit Mitglied der NSDAP-Fraktion im Reichstag blieb, und 1958 beinahe Ministerpräsident von Baden-Württemberg geworden wäre. 2012 gab es Streit um Verstrickungen des langjährigen Ulmer Nachkriegs-OB Theodor Pfizer. In Folgebänden sollen unter anderem die Rolle von Bundeskanzler Kurt-Georg Kiesinger und des Freiburger Erzbischofs Konrad Gröber in der Nazi-Zeit beleuchtet werden. Auch der umstrittene Philosoph Martin Heidegger steht auf der Liste der zu Porträtierenden.