Landeskunde Baden-Württemberg

 

Täter, Helfer, Trittbrettfahrer: Theodor Pfizer, Oskar Farny, Wilhelm Boger

Den Globkes im Kanzleramt stehen „kleine Täter“ vor Ort gegenüber

Buchreihe Täter, Helfer, Trittbrettfahrer

Stefan Jehle

Die im Südwesten verlegte Buchreihe "Täter, Helfer, Trittbrettfahrer" versucht seit einiger Zeit, Licht ins Dunkel der Verstrickungen einzelner Akteure zu bringen. Dieser Beitrag (2.Teil) berichtet über die bemerkenswerte Reihe.

Es ist dabei stets zu unterscheiden zwischen "großen" und "kleinen" Verbrechern. Ein "großer Nazi" war Josef Mengele. Der mit seinen Menschenversuchen für Schrecken im Konzentrationslager Auschwitz sorgende Arzt aus dem bayerischen Günzburg war nach dem Krieg nachweislich mehrfach in seiner Heimatstadt. Nur wenige Kilometer entfernt von Ulm/Donau - und scheinbar unerkannt: zuletzt wohl bei der Beerdigung seines Vaters, dem Inhaber einer Landmaschinenfabrik, im Jahr 1959. Der berüchtigte Lagerarzt war zeitlebens als NS-Kriegsverbrecher gesucht, wurde jedoch nie gefasst,  und verstarb 1979 in Brasilien. Zuvor hatte er zeitweilig in Argentinien gelebt. Mengele wurde - neben Adolf Eichmann, dem für Judenverschleppungen mit verantwortlichen SS-Schergen, zur "Symbolfigur" für lange Zeit nicht gefasste NS-Täter. Auch Eichmann lebte zeitweilig in Argentinien, wurde aber 1962 in Israel hingerichtet.

Wie aus maßgeblichen Tätern der NS-Zeit im Nachkriegsdeutschland wieder wichtige Funktionsträger wurden: dafür steht vor allem ein Name, der von Hans Globke. Der 1898 in Düsseldorf geborene Verwaltungsjurist in preußischen Diensten und später im Reichsinnenministerium, war in der Zeit des Nationalsozialismus u. a. als Mitverfasser und Kommentator der 1935 erlassenen Nürnberger Rassegesetze tätig. Kanzler Konrad Adenauer diente er von 1953 bis 1963 als Chef des Bundeskanzleramts. Globke gilt als Paradebeispiel für die personelle Kontinuität der Verwaltungseliten zwischen der Zeit des "Dritten Reichs" und der frühen Bundesrepublik Deutschland.

Eines der von ihm geschriebenen Gesetze aus dem Jahr 1938 etwa bestimmte, dass Juden, die keinen in einer Anlage zu dem Gesetzestext genannten Liste aufgeführten Vornamen trugen, diesem den Vornamen "Sara" (bei Frauen) bzw. "Israel" (bei Männern) hinzufügen mussten: und damit nach ihrer Herkunft "gebrandmarkt" wurden. Es wurde dies eine "verwaltungstechnisch" wichtige Voraussetzung zur Deportation der Juden ab dem Jahr 1941. Freilich war Globke nie NSDAP-Mitglied. Obwohl er wegen seiner NS-Vergangenheit umstritten blieb, hielt Adenauer bis zum Ende seiner Amtszeit 1963 an ihm fest. Eines seiner Argumente: "Man schüttet kein schmutziges Wasser weg, solange man kein sauberes hat." Globke verstarb 1973 in Bonn, ein Altersruhesitz in der Schweiz war ihm verwehrt geblieben: er erhielt Einreiseverbot.

Globke, der nach dem Krieg an die Spitze des neuen Staates rückte, steht sinnbildlich für den Kontrast zwischen "großen" und "kleinen" Tätern. Der in Ostwürttemberg beheimatete Herausgeber und Verleger Wolfgang Proske hat bei seiner Buchreihe "Täter, Helfer, Trittbrettfahrer" mittlerweile rund 60 Autoren um sich geschart. Vier Bände sind bereits erschienen, ein fünfter ist für Dezember 2015 in Vorbereitung - über 100 Porträts mit engem Bezug zu Baden-Württemberg sind bereits gefertigt.

Einige "große", und manche "kleine" Täter - mit Schwerpunkt der bisherigen Aufarbeitung in Nord- bzw Ostwürttemberg sowie Oberschwaben mit angrenzendem Bodenseeraum. Folgen sollen noch mehrere Bände, die auch badische Landesteile und den Großraum Stuttgart beleuchten. Die Arbeiten dafür sind bereits im Gange. Mit diesem Beitrag (2.Teil) sollen exemplarisch drei Personen näher beleuchtet werden, die zu den herausragenden Tätern mit nachweisbar verbrecherischen Aktivitäten, oder zu den Helfern bzw. den (meist unterschätzten) "Trittbrettfahrern" gehörten.

Für jede dieser Tätergruppen, innerhalb der Abstufung, wie sie das Autorenteam vorgenommen hat, gibt es zahlreiche Beispiele. Nach immer "noch recht vorsichtigen Schätzungen", so sagt Proske, liege die Gesamtzahl der NS-Täter im gesamten deutschsprachigen Raum bei etwa 500.000 Personen, dabei sind dann auch einige Tausend im Südwesten. Er und sein Autorenteam klassifizieren die kleinen und großen Nazis, die sie beschreiben, mit der Abstufung Täter, Helfer, Trittbrettfahrer.

  • Täter sind demnach Personen, die selbstbestimmt und in Übereinstimmung mit der NS-Ideologie Menschen schädigten oder anderen entsprechende Anweisungen gaben.
  • Helfer sind Personen, die fremdbestimmt Täter in ihrem Handeln unterstützten, ohne ihre Anweisungen zu überschreiten oder sie an andere zu delegieren.
  • Trittbrettfahrer sind Personen, die versuchten, von der Schädigung anderer Menschen durch Täter und ihre Helfer persönlich zu profitieren.

Die drei hier im Kurzporträt vorgestellten Personen erscheinen dabei in "umgekehrter Reihenfolge" zu der oben aufgelisteten Einteilung: alle drei tragen vergleichsweise bekannte Namen, und sind mit diesem jeweils auch überregional bekannt geworden.

Fall 1: Theodor Pfizer (1904 - 1992), Oberbürgermeister der Stadt Ulm 1948 - 1972

"Theodor Pfizer war weder Held noch NS-Verbrecher, er war ein gehorsamer, karrierebewusster Beamter im Dienste der Nationalsozialisten, ein Trittbrettfahrer in der ersten Klasse". So heißt es im Band 2 der Buchreihe, als Schlusssatz auf Seite 149. Diese Aussage nimmt schon einiges vorweg zu einer zeitweilig schillernden, nur in der differenzierten Betrachtung fair und ausgewogen zu beschreibenden  Persönlichkeit.

In Ulm hat sich Pfizer nach dem Krieg wichtige Verdienste erworben. Besonders beim Fall Theodor Pfizer wird augenscheinlich, wie schwierig es nach dem Krieg sein konnte, ein gerechtes Urteil zu fällen. Er hatte das Eberhard-Ludwigs-Gymnasium in Stuttgart besucht, wo er in den Brüdern Berthold, Alexander und Claus von Stauffenberg offenbar enge Freunde fand, wie einer Biographie zu entnehmen ist.

1923-27 studierte er in Tübingen, München und Berlin Rechts- und Volkswirtschaft. Nach dem Assessorexamen war er zunächst ab 1931 beim Landesarbeitsamt Südwestdeutschland in Stuttgart als Hilfsreferent beschäftigt. Als Glücksfall empfand er wohl selbst 1932 die Übernahme in den Dienst der Deutschen Reichsbahn, der ihn nach Frankfurt/Main, Ludwigshafen, Mainz, Wien, Dresden, Berlin und Gleiwitz führte. Undurchsichtig wird seine Rolle jedoch spätestens mit der Übernahme der Funktion des Verkehrsdezernenten bei der Bahndirektion in Stuttgart.

Als Dezernatsleiter für den Güterverkehr organisierte er den militärischen Nachschub für die Westfront. Auch um die Instandhaltung der Gleisanlagen im Südwesten kümmerte sich Pfizer nach eigenen, nach dem Krieg gemachten Aussagen. Der spätere Kommunalpolitiker war spätestens jetzt in einer Position, die eine enge Vernetzung mit dem NS-Regime mit sich brachte. Als Leiter des Pressedezernats war er zudem für die innerbetriebliche Propaganda im Südwesten verantwortlich und nahm eine Stellung als Bindeglied zwischen dem Berliner Ministerium und der Reichsbahnbelegschaft in Stuttgart ein. Pfizer erfüllte seine Aufgaben im NS-Staat wohl recht zuverlässig. In vorauseilendem Gehorsam bediente er sich bei den entsprechenden Propagandaschriften. Mit Schreiben noch Mitte 1944, also in dieser letzten Phase des Krieges, schrieb Pfizer vom "Erringen des Endsiegs", forderte von seinen Bahnbeamten "unbeugsamen Einsatzwillen" und die "Mobilisierung der letzten Leistungsreserven". Er empfahl darin dem Führungspersonal, bei Appellen "Führerworte, oder kurze Ausschnitte aus Ansprachen", etwa der des Herrn Reichsministers Dr. Goebbels zu verwenden.

Die Verantwortung für den Inhalt eines dieser von ihm unterzeichneten Erlasse wollte er später nicht übernehmen; er verwies "auf übergeordnete Instanzen", so beschreibt ihn der Ulmer Historiker Andreas Lörcher in seinem Beitrag in Band 2 der Reihe. Auffällig war stets Pfizers Auftreten in schnittigen Uniformen, wie Gewerkschafter nach dem Krieg berichteten. Man hätte ihn nie ohne seine Eisenbahnuniform "mit SS-ähnlichem Schnitt" gesehen, obwohl es bei höheren Reichsbahnbeamten verpönt gewesen sei, Uniform zu tragen. Der Beitrag von Lörcher war 2012 auch in der Ulmer Südwestpresse abgedruckt worden, und sorgte vor Ort für kontroverse Diskussionen. Es kann hier nicht auf jedes Detail seiner Vita während den Kriegszeiten eingegangen werden (dazu sei die Lektüre des knapp gehaltenen Beitrags von Lörcher mit acht Buchseiten empfohlen).

Auch Pfizer musste nach dem Krieg Spruchkammerverfahren über sich ergehen lassen. Einer der Überlebenden der Familie Stauffenberg attestierte ihm dabei, "dem Nationalsozialismus ablehnend gegenüber gestanden zu haben". Im Falle Theodor Pfizers seien beim Studium der Spruchkammerakten die Entlastungsargumente trotzdem überwiegend glaubwürdig und stimmig erschienen, urteilt Autor Lörcher, habe er doch auf namhafte und über jeden Zweifel erhabene Zeugen bauen können. Er  wurde am Ende als Minderbelasteter eingestuft. Bereits 1948 wurde er als Nachfolger von Robert Scholl (1891 - 1973), dem Vater der Widerstandskämpfer Hans und Sophie Scholl (1918/1921 - 1943), erstmals zum Ulmer Oberbürgermeister gewählt.

Er war nie NSDAP-Mitglied und auch nach dem Krieg parteilos geblieben. Mehrfach hatte er auf "seine christliche Herkunft" verwiesen. Ein Makel blieb jedoch haften, und wurde nie in allen Details aufgeklärt: Theodor Pfizer war als Dezernent für die Güterlogistik der Reichsbahn ab 1942 in Stuttgart sowohl für den Weitertransport von Zwangsarbeitern im Raum Stuttgart und Ulm zu ihren Bestimmungsorten zuständig. Auch die Deportation von Halbjuden aus Württemberg wurde mit entsprechenden Sonderzügen vom Verkehrsknotenpunkt Bietigheim aus durchgeführt. Insgesamt fuhren während Pfizers  Zeit als verantwortlicher Dezernatsleiter für den Güterverkehr 13 kleinere und größere Bahntransporte von Stuttgart in die Konzentrationslager Theresienstadt und Auschwitz. Es bleibt das Bild eines doch arg opportunistischen Trittbrettfahrers, der schlicht Karriere machen wollte.

Theodor Pfizer (1904-1992), Oberbürgermeister Ulm
Theodor Pfizer (1904-1992), Oberbürgermeister Ulm

Fall 2: Oskar Farny (1891 - 1983), nach dem Krieg hochrangiger CDU-Politiker

Der oberschwäbische „Bier-, Käse- und Milchzar“ Oskar Farny war nach allem, was derzeit wissenschaftlich erforscht worden ist, kein Mitglied der NSDAP. Seine Rolle als Reichstagsabgeordneter der Zentrumspartei, seine Mandatsniederlegung im Juni 1933, und die folgende „Hospitanz“ bei der NSDAP-Fraktion bleibt jedoch bis heute undurchschaubar. Seine Tätigkeit als Stabschef beim Wehrkreis V Stuttgart ab 1941 legt nahe, dass auch er „zu den Helfern“ zählte. Für die CDU erschien er in den ersten Nachkriegsjahren zu sehr „kompromittiert“. Bei der der Ministerpräsidentenwahl 1958 war er – damals Leiter der Landesvertretung in Bonn – von Parteifreunden verhindert worden. So steht es nachzulesen in Band 4 der Reihe, auf den Seiten 114 - 127.

Der Unternehmers und Politikers Oskar Farny – geboren einst 1891 in Dürren bei Leutkirch, und verstorben 1983 im benachbarten Wangen im Allgäu – wirkt im Vergleich zu dem zuvor beschriebenen „Trittbrettfahrer“ Pfizer teilweise sehr verworren. „Ein bewährter Demokrat?“, so titelte der renommierte Historiker Frank Raberg seinen Beitrag in Band 4 der Buchreihe: der dann gleich nach Erscheinen im April 2015 zu heftigen Kontroversen insbesondere im Raum Wangen führte.

Farny war Brauereibesitzer und bäuerlicher Multifunktionär, Oberstleutnant der Reserve, Landtags- und Reichstagsabgeordneter – und schließlich, ab 1953 bis zum Ende seiner Politikerkarriere, baden-württembergischer Staatsminister gewesen. Der Landwirtschaftsfunktionär und Wohltäter von Wangen war über viele Jahre hinweg bejubelt worden – erst kurz nach der Jahrtausendwende, ab etwa 2001, mehrten sich auch kritische Stimmen. Was man ohne Zweifel sagen konnte: er war ein gewiefter Taktiker, seine Rolle in der Zeit des NS-Staates blieb jedoch in vielem undurchsichtig. Die Liste seiner Auszeichnungen nach dem Krieg ist lang:

  • 1956 Dr. h.c. der Landwirtschaftlichen Hochschule Hohenheim (Stuttgart)
  • 1957 Goldene Ehrennadel des Württembergischen Landesbauernverbandes
  • 1959 Großes Verdienstkreuz des Bundesverdienstordens mit Stern, 1960 mit Schulterband
    1966 Verfassungsmedaille des Landes Baden-Württemberg in Gold
  • 1969 Raiffeisenmedaille in Gold
  • 1975 Verdienstmedaille des Landes Baden-Württemberg
  • 1977 Großkreuz des päpstlichen Silvesterordens

Er war aber auch, nach Niederlegung des Reichstagsmandats am 23.Juni 1933, bereits ab November desselben Jahres „Hospitant“ der NSDAP-Fraktion des Reichstags geworden, sein Mandat dafür wurde mehrmals erneuert: am 29.März 1936 und am 10.April 1938, sowie 1939 mit Verlängerung der Wahlperiode des Deutschen Reichstags bis 1943, und abermals 1943 mit Verlängerung bis 1947. Offiziell endete das Mandat mit Kriegsende. Hospitant war formal identisch mit einem „Gast-Mandat“. Farny war damit weiterhin Reichstagsabgeordneter, der beispielsweise 1935 den Nürnberger Rassegesetzen zustimmte. Bereits am 24. März 1933 hatte er dem so genannten „Ermächtigungsgesetz“ zugestimmt: noch als Zentrumsabgeordneter.

Umstritten waren, laut den Recherchen von Historiker Raberg, diverse seiner Wahlkampfauftritte in der Endphase der Weimar Republik. Dabei wollte er im politischen Kampf um Stimmen wohl auch auf rechte Parolen nicht verzichten. Er habe, so wird Farny in dieser Zeit zitiert, „keinerlei Berührungsängste mit den Rechtsextremen und werde gegebenenfalls mit diesen koalieren“. Er verstieg sich sogar zu Äußerungen, das katholische Zentrum „wünsche eine Kanzlerschaft Hitlers“.

Einen Versuch das Mandat als „Hospitant“ in der Reichstagsfraktion niederzulegen, hat es offenbar zu keinem Zeitpunkt gegeben. 1944 sorgte er zudem für Aufsehen, als er in Ulm die Witwe des in den Selbstmord getriebenen Generalfeldmarschalls Erwin Rommel am Arm in die dortige Kirche zum Staatsbegräbnis geleitete. Mit Rommel war Farny seit gemeinsamer Militärzeit in Weingarten/Württemberg eng befreundet gewesen. Für seine Behauptungen, er habe zu den Männern des Widerstands „enge Beziehungen“ gehabt, fehlen jedoch weitgehend die Belege. Seit dem Frühjahr 1941 war Farny Stabschef beim Kommando Wehrkreis V in Stuttgart gewesen – als zweiter Mann gleich nach dem Kommandeur. Seine Tätigkeit im Detail blieb unklar.

Die Entnazifizierung von Farny begann im März 1946 vor dem Säuberungsausschuss in Wangen: er hatte keine „Maßnahmen“ zu fürchten. Auch die Spruchkammer in Riedlingen im Jahr 1948 sah den Bauernfunktionär „als entlastet“. Gegen seinen Beitritt zur CDU gab es jedoch lange Widerstand. 1949 hatte er, ohne das Parteibuch, versucht ein Mandat für den Bundestag zu erlangen: noch vor der Nominierung zog er jedoch mangels Aussichten zurück. 1954 trat er dann der CDU bei, nachdem er Bevollmächtigter des Landes beim Bund wurde. Der machtbewusste Ministerpräsident Gebhard Müller (Amtszeit 1953 - 1958) sagte über den Parteifreund, es sei „das Beste was man über Farny sagen kann, dass er seiner politischen Grundeinstellung immer treu geblieben ist“. Die Beschreibung „streng Rechtskonservativ“ dürfte diese treffen.

Oskar Farny (1897-1983)
Oskar Farny (1897-1983)

Fall 3: Wilhelm Boger (1906 - 1977), berüchtigter Gestapomann und KZ-Aufseher

Der 1906 im Stuttgarter Stadtteil Zuffenhausen geborene Wilhelm Boger war ein deutscher SS-Oberscharführer sowie Mitarbeiter der Politischen Abteilung, Referat Flucht, Diebstahl und Fahndung im KZ Auschwitz. 1929 in die NSDAP eingetreten, wohnte er ab 1933 in Friedrichshafen. Bei der dortigen Außenstelle der Politischen Polizei hatte er als Quereinsteiger von der SS keine nennenswerte polizeiliche Qualifikation. Der für den fünften Band der Buchreihe "Täter, Helfer, Trittbrettfahrer" geplante Beitrag beschreibt vorwiegend seine Tätigkeit am Bodensee in der Zeit zwischen 1933 und 1939, bevor er KZ-Aufseher wurde: zuletzt in Auschwitz. Boger ist Täter und gleichzeitig ein klassischer Kriegsverbrecher. In den Frankfurter Auschwitzprozessen 1963 - 1965 wurde er nach 183 Verhandlungstagen  wegen Mordes in mindestens fünf Fällen und gemeinschaftlichen Mordes zu lebenslänglich und zusätzlich 15 Jahren Zuchthaus verurteilt. Er starb 1977 in Haft.

Von Autor Wolf Ulrich Strittmatter wird ab Dezember 2015 im 5. Band der Reihe „Täter, Helfer, Trittbrettfahrer“ über sein Wirken im südlichen Oberschwaben und am Bodensee zu lesen sein. Soviel an dieser Stelle: Boger war nach Ansicht von Strittmatter kein „Haupttäter“, aber in der für die Buchreihe konzipierten Skala der Verstrickungen „ganz oben einzuordnen“. Boger wird als ziemlich einfältiger Sadist beschrieben, mit einer extrem blutrünstigen Spur, die er an den jeweiligen Wirkungsorten hinterließ.

In Auschwitz hatte er Menschen gequält, gefoltert, umgebracht. Dort war er auch für die so genannte „Boger-Schaukel“ bekannt geworden, ein Folterinstrument, bei dem Gefangene mit den Kniekehlen kopfüber an einer Stange aufgehängt und die Handgelenke vor den Schienbeinen, an die Fußgelenke, oder an die Stange gefesselt wurden. Während der Verhöre wurden die gequälten Personen dann meist mit einem Stock oder Lederriemen vor allem auf Gesäß, Fußsohlen oder Rücken geschlagen. Boger hatte diese menschenverachtende Methode in Auschwitz perfektioniert. Schon am Bodensee, vor 1939, war Boger für rüde Verhörmethoden bekannt geworden. Für den Autor Wolf Ulrich Strittmatter, der mit rund 50 von ihm bearbeiteten Porträts zu NS-Tätern in den vergangenen 20 Jahren schon viel gelesen und gehört hat, war der SS-Scherge Wilhelm Boger „der mit Abstand schlimmste Fall“.

Wilhelm Bogner
Wilhelm Bogner (1906-1977)
Wilhelm Bogner (1906-1977)
Wilhelm Bogner (1906-1977)
 

 

Die Homepage der Reihe finden Sie unter
www.ns-belastete.de

 
 
 
 
 

Das Projekt

 

Das Projekt "Täter Helfer Trittbrettfahrer" will über Persönlichkeiten aus dem "Dritten Reich" den Nationalsozialismus mit biografischem Ansatz erforschen und in einer lesbaren Form der Öffentlichkeit präsentieren. Die Lebensgeschichte solcher Personen soll in einer regional orientierten Geschichtschreibung verdichtet werden. Das Projekt entstand als private Initiative ab 2008 in Ostwürttemberg.


Gegenwärtig sind knapp 50 Autorinnen und Autoren aus unterschiedlichen beruflichen Zusammenhängen und Interessengebieten ehrenamtlich mit NS-Belasteten aus den Regionen befasst.


Herausgeber der Reihe ist Dr. Wolfgang Proske, Diplom-Sozialwissenschaftler und Lehrer für Geschichte und Bildende Kunst am Rosenstein-Gymnasium Heubach sowie am Abendgymnasium Ostwürttemberg.

 
 
 
 
 

 

Die Homepage der Reihe finden Sie unter
www.ns-belastete.de

 
 
 
 
 

Diskussion

 

Viele NS-Belastete kamen nach dem Krieg oft schnell wieder in herausragende Funktion: die jetzt vorgelegten Biographien sorgten mit Veröffentlichung in mehreren Fällen für intensive Diskussionen vor Ort. Etwa im vergangenen Jahr um den Allgäuer Agrarlobbyisten und Bierbrauer Oskar Farny, der während zwölf Jahren NS-Zeit Mitglied der NSDAP-Fraktion im Reichstag blieb, und 1958 beinahe Ministerpräsident von Baden-Württemberg geworden wäre. 2012 gab es Streit um Verstrickungen des langjährigen Ulmer Nachkriegs-OB Theodor Pfizer. In Folgebänden sollen unter anderem die Rolle von Bundeskanzler Kurt-Georg Kiesinger und des Freiburger Erzbischofs Konrad Gröber in der Nazi-Zeit beleuchtet werden. Auch der umstrittene Philosoph Martin Heidegger steht auf der Liste der zu Porträtierenden.