Die Buchreihe "Täter, Helfer, Trittbrettfahrer" bringt Licht ins Dunkel der Verstrickungen während der NS-Zeit

Stefan Jehle

Ohne die vielen kleinen Täter hätte das System nicht funktioniert

Das NS-System beschäftigt die Deutschen und die Welt seit vielen Jahrzehnten. Die zwölf Jahre Herrschaft der Nationalsozialistischen Diktatur zwischen 1933 und 1945 stellen einen großen Bruch dar in der Menschheitsgeschichte, ungeheure Verbrechen sind zum Mahnmal geworden. Gleichzeitig ist bis heute vieles unaufgeklärt geblieben, gibt es andauernde Versuche, die Ursachen, Motive und Verstrickungen einzelner weiter zu beleuchten. Viele "große" Verbrechergestalten wurden bereits nach dem Krieg abgeurteilt. Andere wechselten schnell "das Kostüm", und passten sich im neuen System - der von USA und England importierten Demokratie - recht unauffällig an.

"Das Geheimnis der Versöhnung heißt Erinnerung", sagte der unlängst verstorbene frühere Bundespräsident Richard von Weizsäcker (1920 - 2015) in seiner berühmtesten Rede, der Ansprache im Deutschen Bundestag am 8.Mai 1985 - anlässlich der 40. Wiederkehr des Kriegsendes, das er - erstmals in diesem Duktus - auch als Tag der Befreiung apostrophierte. Das Zitat, das Weizsäcker anführte, ist eine uralte jüdische Weisheit. Auch der CDU-Politiker war im Krieg Offizier gewesen.

Der spanische Staatsbürger und Philosoph George Santayana (1863 - 1952) hatte es dem vergleichbar ausgedrückt, als er schrieb, dass diejenigen, die die Vergangenheit nicht kennen, dazu verdammt seien, sie zu wiederholen. Dieser Satz ist auch an einer Tafel in einer Berliner U-Bahn-Station angebracht: mitten im einstigen "Täter-Deutschland". Dazu gehört zwingend die Erkenntnis, dass ein System wie der Nationalsozialismus nur existieren konnte, weil "viele" mitmachten. Auch Täter, die bislang nicht in den Fokus gerieten, aus ganz unterschiedlichen Gründen. Diese Wege zu beleuchten, warum diese "mitmachten", kann hilfreich sein: um daraus zu lernen.

Der in Ostwürttemberg wohnhafte Pädagoge Wolfang Proske versucht seit einiger Zeit, Licht ins Dunkel der Verstrickungen zu bringen - mit seiner Buchreihe "Täter, Helfer, Trittbrettfahrer", in der inzwischen mehr als 100 Biographien mit engem Bezug zu Baden-Württemberg aufgearbeitet worden sind. Die mittlerweile vier Bände umfassende Reihe findet wachsende Resonanz. Dieser Beitrag will aufzuzeigen, wie es zu der Forschungsreihe kam, welche Hürden zu bewältigen waren, und welche Analysen und Betrachtungen - bezogen auf alle Landesteile - noch geplant sind.

Skala der Belastung (aus der Buchreihe Täter, Helfer, Trittbrettfahrer, Band 2)

Allzu lange war bei vielen Beteiligten der Kriegsgeneration die These vorherrschend, man habe "nur auf Befehl gehandelt". Mit den großen "Holocaust-Debatten" der 1970-er und 1980-er Jahre, so fanden später nicht wenige, sei es "auch mal genug" mit den Rückblicken. Hitler, Göring, Goebbels, Himmler, Heydrich, Höß und Mengele - das waren doch die eigentlichen Täter, so sagen jene, die einen Schlussstrich wollen. Nach immer "noch recht vorsichtigen Schätzungen", so sagt Proske, liege die Gesamtzahl der NS-Täter bei etwa 500.000 Personen. Das ergibt ein deutlich anderes Bild. Erst ab Mitte der 1980-er Jahre sind die Archive für Forscher der Zeitgeschichte geöffnet worden, nach dem Mauerfall und der Wiedervereinigung kamen auch lange unter Verschluss gehaltene Dokumente aus den USA zurück nach Deutschland. Zugriff hätten in vielen Fällen bereits in früheren Jahrzehnten deutsche Juristen gehabt. Die Stimmung im Nachkriegsdeutschland war aber "nicht nach Schnüffelei".

Der Zugang zu den Archiven auch für Historiker eröffnet nun für die Täterforschung neue Perspektiven. Diese könnte "zum vielleicht wichtigsten Feld" der NS-Forschung im deutschsprachigen Raum werden, so prognostizierte Proske in dem 2013 erschienenen zweiten Band seiner Reihe. Jahrzehntelang seien "die Macher" des Nationalsozialismus in den einschlägigen NS-Debatten "in ihrer großen Masse" außen vor geblieben. Man werde viele bisherige Erkenntnisse über den Nationalsozialismus im Lichte abertausender Biografien, die noch zu schreiben seien, überprüfen und gelegentlich wohl auch nachjustieren müssen, sagt der Herausgeber der Buchreihe.

Mit den inzwischen weit geöffneten Archiven würden "sich neue Abgründe aufzeigen", besonders mit Blick auf die vielen, die seinerzeit "im Großen und Ganzen mitgemacht" und die sich mit dem System "arrangiert" hätten. Es ist dabei aber keine grundsätzlich neue Erkenntnis: einflussreiche Kreise in Staat und Gesellschaft konnten mit Erfolg über Jahrzehnte hinweg mit großer Wirkung ganze Tätergruppen (wie Justiz, Militär, Polizei, Ärzteschaft, Wissenschaft) vor Verfolgung abschirmen. Man schaute zu oft einfach nur weg. Auch Nachkriegskanzler Konrad Adenauer forderte dereinst ein Ende der "Schnüffelei". 1952 hatte der Bundeskanzler erklärt: "Ich meine, wir sollten mit der Nazi-Riecherei jetzt Schluss machen."

Proske und sein Autorenteam klassifizieren die kleinen und großen Nazis, die sie beschreiben, mit der Abstufung Täter, Helfer, Trittbrettfahrer. Die Porträtierten entstammen aus unterschiedlichen Schichten, Berufen und persönlichen Bezügen.

  • Täter sind demnach Personen, die selbstbestimmt und in Übereinstimmung mit der NS-Ideologie Menschen schädigten oder anderen entsprechende Anweisungen gaben.
  • Helfer sind Personen, die fremdbestimmt Täter in ihrem Handeln unterstützten, ohne ihre Anweisungen zu überschreiten oder sie an andere zu delegieren.
  • Trittbrettfahrer sind Personen, die versuchten, von der Schädigung anderer Menschen durch Täter und ihre Helfer persönlich zu profitieren.

Wie aktuell diese Klassifizierungen sind, zeigen die anhaltende Auseinandersetzung um die Prozesse des ehemaligen KZ-Wärters John Demjanjuk, der 2011 - im Alter von 91 Jahren - in München wegen Beihilfe zum Mord an 28.060 Menschen im Vernichtungslager Sobibor (im heutigen Polen) verurteilt wurde. Oder die Debatten um nie zustande gekommene Anklagen wegen des Massakers von SS-Schergen im italienischen Sant'Anna di Stazzema, untersucht von Staatsanwälten aus Karlsruhe und Stuttgart. In dem Toskana-Dorf waren im August 1944 über 400 Bewohner und dort temporär sich aufhaltende Flüchtlinge innerhalb drei Stunden ermordet worden.

Dabei stößt man regelmäßig auch an die Grenzen dessen, was Jahrzehnte nach den abscheulichen Verbrechen überhaupt noch zu sühnen sein kann. Nicht nur wegen des Alters der Täter, und des zeitlichen Abstands zum Geschehen. Ja, man stößt auch auf die Frage: was nach so langer Zeit mit Gerichtsurteilen ethisch und moralisch überhaupt noch bewerkstelligt werden kann. Die beiden Fälle - Demjanjuk, in Sobibor, und das italienische Dorf Sant'Anna di Stazzema, zeigen gleichzeitig, wie lange man einfach "weggeschaut hat".

Buchherausgeber Wolfgang Proske weist auch auf die "neue Rechtslage" hin: Juristen heute fordern nicht mehr nur den "Einzeltat-Nachweis". Es genügt im Zweifel heute "Mittäterschaft". Man liegt sicher mit der Vermutung richtig, dass dort, wo Prozesse doch noch zustande kommen, heutige Generationen von Juristen etwas von dem "wieder gut machen" wollen, was Nachkriegsjuristen teils sträflich vernachlässigten.

Proske selbst, von Herkunft Sozialwissenschaftler, hatte sich lange Zeit mit der Judenverfolgung befasst - dabei insbesondere mit dem Autor Raul Hilberg. Das war für ihn eine maßgebliche Ausgangsmotivation für die Buchreihe. Initialzündung war für ihn am Ende der so genannte "Ofenbauer von Auschwitz", August Schlachter (1901 - 1996), der im Landkreis Biberach geboren wurde. Schlachter konnte trotz Tätigkeit als Baumeister von Auschwitz ab 1940 - als Mitglied der Waffen-SS - an dem wichtigsten Vernichtungsort, sowie 1942 im elsässischen KZ Natzweiler-Struthof und später im niedersächsischen KZ Mittelbau-Dora, schon 1950 wieder als Bauführer und ab 1954 weitgehend unbehelligt als Architekt in Biberach arbeiten - ohne je vor Gericht gestanden zu haben. Der Buchherausgeber befasste sich in zeitlichem Abstand zwei Mal mit dem zur Legende verklärten Generalfeldmarschall Erwin Rommel, der - so sagt er - an seinem Heimatort Heidenheim "wie ein Säulenheiliger" verehrt worden sei.

Am Umgang mit Hitlers "einstigem Lieblingsgeneral", dem bei den Deutschen - und manchen Gegnern, wie den Engländern - teils tiefe "Verehrung" zu teil wurde, und der dann doch 1944 von "seinem Führer" in den Selbstmord gezwungen wurde, wird die Zwiespältigkeit der Aufarbeitung von Schuld und Verstrickung überdeutlich. Widerstand gegen eine objektive Rommel-Forschung habe es allzu lange gegeben, viele Nachkriegsbeobachter und Akteure zogen da wohl lange Zeit einfach im Volksmund entstandene Legenden nach - und verfestigten diese. Proske hat da selbst, wie er sagt, "Blut geleckt" und mehr über Hintergründe wissen wollen. Mit seinem Tun hat er andere angesteckt - und mittlerweile einen Kreis von rund 60 Personen um sich geschart, die sich in den bisherigen vier Bänden um Täter, Helfer und Trittbrettfahrer bemühten. Viele der Beteiligten sind sich einig: die von Berufs wegen geforderten professionellen Zeithistoriker haben diesen Bereich lange Zeit vernachlässigt. Zu den Untersuchungen in den bislang über 100 Biographien gebe es "unterschiedliche Zugänge", sagt Proske. Von der reinen Archivarbeit - bis hin zu Interviews und Analysen in der Auseinandersetzung mit noch lebenden Zeitzeugen.

Band 1 der Reihe war 2010 erschienen, mit dem Schwerpunkt "NS-Belastete von der Ostalb". Die Lebensläufe von 15 Tätern wurden aufgearbeitet. In dem Geleitwort des Herausgebers zu dem 207 Seiten umfassenden Werk heißt es: "An vielen Orten scheint die Erinnerung an lokale Täter und ihre Helfer geradezu ausradiert, sie sind im öffentlichen Bewusstsein fast schon vergessen." Dem soll das Buch mit seinen 15 Einzelporträts entgegen wirken. Der frühere Bundespräsident Roman Herzog merkte in  einer Erklärung zum "Holocaust-Tag", der seit 1996 jeweils am 27. Januar - mit Bezug zur Befreiung des KZ Auschwitz am 27. Januar 1944 - begangen wird, dazu an: "Die Erinnerung darf nicht enden und  muss auch künftige Generationen zur Wachsamkeit mahnen, solle Trauer über Leid und Verlust ausdrücken, dem Gedenken an die Opfer gewidmet sein und jeder Gefahr der Wiederholung entgegenwirken."

Es geht den Autoren dabei wohl auch nicht allein "um persönliche Schuld". Die meisten der betreffenden NS-Belasteten sind längst verstorben. Schon von daher stellt sich heute das Problem des Verschweigens und Vergessens von NS-Verbrechen grundsätzlich anders. Es geht um die nüchterne Analyse des Versagens einer damals viel beschworenen "Volksgemeinschaft", deren Exponenten jeweils Einzelne waren.
Einer der Autoren, der ab 2012 mit Recherchen zu mehreren Beiträgen begann, ist Wolf Ulrich Strittmatter. Der pensionierte Geschichtslehrer, der sich schon seit Anfang der 1990-er Jahre mit der Geschichte der einstigen Freien Reichsstadt Ravensburg im Nationalsozialismus auseinandersetzte ("Das schwarze Ravensburg wird braun"), hat für die Serie Täter, Helfer, Trittbrettfahrer in den Bänden 4 und 5 mittlerweile acht Porträts bearbeitet. Insgesamt, sagt er, habe er in den vergangenen 20 Jahren rund 50 Täter-Biographien aus der Region südliches Oberschwaben und dem Bodenseeraum aufgearbeitet: Mit ihrem jeweiligen Handeln, ihrem Wirken, ihren Verstrickungen ins NS-System. Der Autor hatte schon seine Magisterarbeit im Studium mit einem einschlägigen Thema geschrieben, über Hitlers Einstellung zur katholischen Kirche. Die Namen und Fälle, die er später behandelte, seien oft zufallsbedingt ausgewählt.

So hat Strittmatter beispielsweise das Leben und Wirken des einstigen Rektors des Ravensburger Spohn-Gymnasiums beschrieben. Besagter Oberstudiendirektor Max Luib "habe niemanden persönlich auf dem Gewissen". Aber er hat wohl als Person mit dazu beigetragen, dass alles das erst möglich wurde, was im "Dritten Reich" geschah: beispielsweise in dem er aktiv letzte verbliebene Juden aus der Schule drängte. Die Täter-Definition müsse man daher, sagt Strittmatter, "sehr viel weiter fassen". "Der Lehrer des neuen Staates muss Offizier seiner Mannschaft sein", lautet die Überschrift zu dem Beitrag über Luib, der als "fanatischer Aktivist" beschrieben wird. Strittmatter stuft Luib aufgrund seiner Aktivitäten - "als kämpferischer Missionar der Bewegung" - denn auch als "großen Nazi" ein, sowie als "einen skrupellosen Karrieristen".

Dass es Hunderttausende von NS-Aktivisten - wie Luib - gab, die das NS-System erst zum Laufen gebracht und am Leben erhalten hatten, wurde nach dem Weltkrieg bald verdrängt und vergessen. Zunehmend wurden die negativen Seiten des "Dritten Reiches" verharmlost, verschwiegen, verleugnet, die scheinbar positiven Seiten verklärt. Dementsprechend wurden die Naziaktivisten, nachdem man sie bei der Entnazifizierung vor den frühen Säuberungsausschüssen noch einigermaßen realistisch eingeschätzt hatte, später vor den Spruchkammern zunehmend mit Hilfe von so genannten "Persilscheinen" zu einfachen "Mitläufern" weißgewaschen.

Strittmatters Bilanz, bezüglich der weiteren Karrieren nach dem Krieg - beispielhaft aufgezeigt für die komplette Buchreihe: nur ein Kriegsverbrecher sei verurteilt und hingerichtet worden. Einen weiteren Kriegsverbrecher habe man zum Tode verurteilt, auf Drängen der evangelischen Kirche aber begnadigt, nach wenigen Jahren Haft entlassen und als Lehrer in Wilhelmsdorf im Kreis Ravensburg angestellt. Ein anderer sei später Landwirt, einer Masseur und Fußpfleger geworden. Auch aus Tätern wurden wieder Bürgermeister. Einer wurde Weinhändler, Landtagsabgeordneter der NPD und Fraktionsvorsitzender im Landtag. Einer habe in der Versicherungsbranche gearbeitet, einer als Kulturreferent und Geschäftsführer des Volksbildungswerks.

Ein Täter sei schließlich wieder angestellt worden an einer Landwirtschaftsschule. Einer als Richter am Ravensburger Landgericht, ein anderer als Landgerichtsdirektor. Einer als baden-württembergischer Staatsminister bei der Vertretung des Landes in Bonn. Einer als Kriminalkommissar und später Leiter der Landeskriminalhauptstelle in Tübingen. Die Liste könnte fast endlos fortgesetzt werden - so als hätte es Verstrickungen zuvor nicht gegeben. Es sei kein Zufall, dass bei den ausgewählten Fällen die Mehrheit dieser Belasteten eher im unteren Bereich der Skala - als Helfer oder Trittbrettfahrer - anzusiedeln wären, wo man eine vergleichsweise geringere Schuld auf sich geladen habe, sagt Strittmatter. Daraus dürfe man aber keine falschen Schlüsse ziehen.

Gerade in der Provinz habe es eben wenige dicke, dafür aber viele kleine Fische gegeben. Diese trugen in ihrer Masse ganz wesentlich zum nationalsozialistischen Alltag und damit auch zu allen Möglichkeiten des staatlichen Terrors bei. Manche haben auch erstaunliche Karrieren hingelegt, z.B. vom Tettnanger Amtsrichter zum Ankläger am Berliner Volksgerichtshof oder vom Bad Waldseer Bäckersohn zum Staatssekretär in Krakau. Der einstige Amtsrichter verstand es nach dem Krieg, sich als Widerständler darzustellen, und war bereits ab November 1945 erneut als Jurist tätig, der Bäckersohn wurde von der neuen polnischen Regierung hingerichtet.

Dass dies überhaupt aufgearbeitet wurde in den vergangenen Jahren, und nicht der Vergessenheit anheimfiel, ist auch dem Autorenteam der Buchreihe Täter, Helfer, Trittbrettfahrer zu verdanken, sowie vielen anderen ehrenamtlich tätigen Mitarbeitern bei lokalgeschichtlichen Publikationen, die sich anderswo mit dem Thema befassen.

Die Fragestellungen, von denen sich die Autoren der Buchreihe des Herausgebers Wolfgang Proske, maßgeblich leiten ließen:

  • Welche Rolle spielten die Naziaktivisten in den südwestdeutschen Regionen für das Funktionieren des NS-Regime insgesamt?
  • Wie konnten sie Karriere machen?
  • Was waren die Motive der Täter, Helfer, Trittbrettfahrer?
  • Welche Handlungsspielräume hatten sie jeweils?
  • Welche schuldhafte Verstrickung in das NS-Regime lässt sich nachweisen?
  • Wie wurden sie zu überzeugten Nationalsozialisten?
  • Und nach 1945: Zeigten sie Schuldbewusstsein, standen sie zu ihrer Verantwortung oder entzogen sich dieser und beschönigten, verzerrten, verfälschten ihre NS-Vergangenheit?

Für Wolfgang Proske ist eine entscheidende Wegmarke übrigens  die Debatte um die beiden Hamburger Wehrmachtsausstellungen des von dem Publizisten und Mäzen Jan Philipp von Reemtsma finanzierten Hamburger Instituts für Sozialforschung (HIS). Danach habe ab 1995 "die Besinnung auf konkrete Täter" eingesetzt. Unterstützt noch durch eine polarisierende Publikation  des US-amerikanischen Politikwissenschaftlers Daniel Goldhagen, der die Rolle der "ganz gewöhnlichen Deutschen" untersucht hatte. Goldhagen habe die Einsicht gefördert, dass es bedeutend mehr Täter und Mittäter gegeben hatte als bis dahin angenommen wurde. Strittmatter sagt dazu, in diesen Jahren seien erstmals "die Lebenslügen der Tätergeneration in Frage gestellt worden".

Anders als es noch in den 1970-er oder 1980-er Jahren wohl zu erwarten gewesen wäre, haben die Autoren der Buchreihe Täter, Helfer, Trittbrettfahrer vergleichsweise wenig Probleme bei Recherchen und Zeitzeugeninterviews gehabt - mit ganz wenigen Ausnahmen. Die Verfasser der Beiträge hatten es nahe dem eigenen Wohnort oft mit am schwersten. Da sei man ihnen mitunter mit Ressentiments begegnet. Das zu überwinden, auch örtliche Archivare zur Zusammenarbeit zu bewegen - das sei zu Beginn der Arbeiten oft "eine der größten Leistungen gewesen", sagt der Herausgeber.

Ein Pädagoge hatte zudem von seinem Rektor zu hören bekommen, er solle das doch lieber nicht tun, solche Artikel zu schreiben. "Das könne nur Ärger machen". Bei dem parteipolitisch gebundenen Rektor war vorauseilender Gehorsam wohl zu groß - mehr als 70 Jahre nach Ende des Krieges. Und das obwohl dieser Rektor doch selbst aufgewachsen und erzogen worden war in einer von Freiheit geprägten Demokratie!


 

 

Die Homepage der Reihe finden Sie unter
www.ns-belastete.de

 
 
 
 
 

Das Projekt

 

Das Projekt "Täter Helfer Trittbrettfahrer" will über Persönlichkeiten aus dem "Dritten Reich" den Nationalsozialismus mit biografischem Ansatz erforschen und in einer lesbaren Form der Öffentlichkeit präsentieren. Die Lebensgeschichte solcher Personen soll in einer regional orientierten Geschichtschreibung verdichtet werden. Das Projekt entstand als private Initiative ab 2008 in Ostwürttemberg.


Gegenwärtig sind knapp 50 Autorinnen und Autoren aus unterschiedlichen beruflichen Zusammenhängen und Interessengebieten ehrenamtlich mit NS-Belasteten aus den Regionen befasst.


Herausgeber der Reihe ist Dr. Wolfgang Proske, Diplom-Sozialwissenschaftler und Lehrer für Geschichte und Bildende Kunst am Rosenstein-Gymnasium Heubach sowie am Abendgymnasium Ostwürttemberg.

 
 
 
 
 

Motivation

 

Für Herausgeber Proske selbst, der sich früh mit der Judenverfolgung befasste, war Initialzündung für sein Engagement mit der Buchreihe der so genannte „Ofenbauer von Auschwitz“, August Schlachter. Der im Raum Biberach geborene Architekt Schlachter konnte trotz Tätigkeit im KZ-Lager Auschwitz ab 1940 – als Mitglied der Waffen-SS, sowie ab 1942 im KZ Natzweiler-Struthof – schon 1950 wieder als Bauführer und wenig später unbehelligt als Architekt in Biberach arbeiten, ohne je vor Gericht gestanden zu haben. Proske befasste sich auch „mit dem zur Legende verklärten Generalfeldmarschall Erwin Rommel“, den sein Heimatort Heidenheim „wie einen Säulenheiligen“ verehre. Am Beispiel von Hitlers „Lieblingsgeneral“ werde die Zwiespältigkeit der Aufarbeitung von Schuld und Verstrickung überdeutlich, lange habe es Widerstand „gegen eine objektive Rommel-Forschung“ gegeben.

 
 
 
 

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