Landeskunde Baden-Württemberg

 

Erstem Giftgasangriff der Geschichte folgte Ehedrama im Hause Haber

Fritz Haber, Foto: Nobel-Komitee

Clara Immerwahr wählte elf Tage nach der Offensive von Ypern, Belgien, den Freitod

Stefan Jehle

 

"Im Frieden für die Menschheit, im Kriege fürs Vaterland". Das war ein wichtiger Leitspruch für den Forscher Fritz Haber, dem an der Technischen Hochschule Karlsruhe (dem heutigen KIT - Karlsruher Institut für Technologie) im Jahr 1909 der Durchbruch gelang bei der Ammoniaksynthese, für die er später den Nobelpreis bekommen sollte. Mit den gelegten Grundlagen wurde Haber nach 1914 jedoch auch "Vater des Giftgaskrieges". Dem weltweit ersten Giftgasangriff bei Ypern folgte ein Ehedrama im Hause Haber.

An der Westfront in Flandern - die Kleinstadt Ypern liegt etwa auf halber Strecke zwischen dem belgischen Brügge und dem nordfranzösischen Lille, nicht arg weit entfernt von der Atlantikküste - plante das Dritte Armeekorps der Deutschen im Ersten Weltkrieg schon seit Jahreswechsel 1914/1915 den Einsatz von Giftgas. Der erste Einsatz eines Chlorgasgemisches erfolgte dann am 22.April 1915 (diesen April vor 100 Jahren). Die Deutschen setzten damit als erste Nation weltweit Giftgas als moderne Massenvernichtungswaffe ein. Tausende von Gasflaschen waren zuvor in Stellungen bei Ypern eingegraben worden. Eine gelbliche Wolke schwebte in gegnerische Linien.

Dem todbringenden Gemisch, dessen Einsatz vor Ort der seit Herbst 1914 im Kriegseinsatz befindliche Professor für physikalische Chemie und Elektrochemie, Fritz Haber leitete, fielen Tausende französische Kolonialsoldaten wie Senegalesen und Marokkaner zum Opfer. Kanadier waren mutmaßlich in den vorderen Linien. Die Franzosen selbst waren in dem monatelang anhaltenden Stellungskrieg nicht an der Front. Der Angriff, für den wochenlang auf die ideale Windrichtung gewartet werden musste, erfolgte mit 6.000 Gasflaschen und riss die Front auf einer Breite von sechs Kilometern auf. Fritz Haber hatte sich ganz "in den Dienst des Vaterlands" gestellt, und geglaubt, den Verlauf des Weltkriegs entscheidend beeinflussen zu können. 

Nach dem zum "Erfolg" hochgejubelten Einsatz bei Ypern wurde Haber zum Hauptmann befördert - was ihm als konvertierter Jude, der 1893 zum christlichen Glauben wechselte, in der herrschenden antisemitischen Stimmung zuvor lange verwehrt blieb. Tageszeitungen des Reiches schrieben Tage später zynisch von "deutschen Dämpfen" bei Ypern - diese könnten allenfalls "geschwollene Schleimhäute" auslösen. Tatsächlich führten sie bei mehreren Angriffswellen an der belgischen Westfront bei bis zu 20.000 Soldaten zum Tod - ausgelöst durch Erstickung und Lungenödeme. Später wurde an der Front bei Ypern auch Phosgen und Senfgas eingesetzt.

Im Hause Haber entwickelte sich daraus wenige Tage später - nach dem weltweit ersten Giftgaseinsatz am 22. April 1915 - ein Ehedrama. Der 1868 in Breslau geborene Fritz Haber, seit 1894 als Assistent an der TH Karlsruhe tätig, und 1906 dort zum ordentlichen Professor und Direktor des Instituts für physikalische Chemie berufen, hatte im Januar 1901 die, ebenfalls promovierte, Breslauer Chemikerin Clara Immerwahr geheiratet. Die zwei Jahre jüngere Clara - die zum Jahrhundertwechsel die erste Frau in Deutschland mit einem Doktortitel in einem physikalisch-chemischen Fachgebiet gewesen war - steckte mit Geburt des Sohnes Hermann im Jahr 1902 in vielen Dingen zurück, und blieb selbst nicht (mehr) berufstätig. Die Familie lebte in Karlsruhe lange in der dortigen Moltkestraße, später in der benachbarten Weberstraße. 

Clara Haber, geborene Immerwahr, galt als wahrheitsliebend und geradlinig: sie wollte Sachen ausdiskutieren, und fühlte sich als bloßes "Anhängsel" eines ehrgeizigen, vor allem seinem Beruf verschriebenen Wissenschaftler, offenbar zusehends unwohl in ihrer Rolle. Sie entsagte herrschenden Modetrends, erschien bei Empfängen im Haus in der Karlsruher Weststadt zuweilen in der Kochschürze - bewirtete Gäste freilich vorzüglich. Die Spannungen mit dem allein auf die Forschung fixierten Gatten stiegen.

Fritz Haber wurde Ende 1911 zum Direktor des neuen Kaiser-Wilhelm-Instituts (KWI) in Berlin-Dahlem berufen, das 1912 seinen Betrieb aufnahm. In dem Institut, seit 1953 zu "Fritz-Haber-Institut" umbenannt, versammelten sich zahlreiche Wissenschaftler. 1914 wurde Haber zum Berater des Kriegsministeriums, der Etat des Instituts ging abrupt nach oben. Das mit der Ammoniaksynthese entwickelte "Haber-Bosch-Verfahren" diente zunächst zur Herstellung von Salpetersäure, ein wichtiger Bestandteil von Munitionssprengstoff. Haber wurde mit Ausbruch des Krieges auch zum Leiter der "Chemischen Abteilung" ernannt - in Dahlem und auf einem Schießplatz bei Köln-Wahn wurden erste Versuche gemacht mit Gasgemischen. Am 17.Dezember 1914 kam dabei im Gasraum des Instituts in Dahlem ein enger Mitarbeiter ums Leben.

Haber führte auch Tierversuche durch: mit Mäusen, später mit Hunden, Katzen und Affen, an denen - wie später bei Soldaten an der Front - immer dieselben Symptome auftraten. Lungenödeme, inneres Verbluten - oder "innerliches Ertrinken", ein alles in allem qualvoller Tod. Erst mit zwei neuen Biographien in den 1990-er Jahren: Gerit von Leitner ("Der Fall Clara Immerwahr", München 1994) und Margit Szöllösi-Janze ("Fritz Haber 1868-1934", München 1998), wurden erstmals Details zur Rolle von Clara Haber, geborene Immerwahr, aufgearbeitet. 

Clara hatte zu Kriegsbeginn engen Freunden von Gewissenskonflikten berichtet. Ihr Zorn richtete sich zunächst gegen die Tierversuche. Fritz wollte von ihren Einwänden, der Kritik "an der Perversion der Wissenschaft" - hin zur Massenvernichtung, nichts wissen. Clara hielt sich wenig an die ihr auferlegte "Geheimhaltungspflicht". Fritz warf ihr vor, nur "aus idealistischen Motiven" gegen den Krieg wirken zu wollen. Er verwehrte ihr zusehends den Zugang "zu seiner Welt", warf ihr seinerseits vor "sie stehe außerhalb der Realität". 

Die Männer von Habers so genannter Truppe "meteorologischer Frontbeobachter" interessierte nur Technik und Taktik, wie sie an der Frontlinie die mit Gas befüllten Stahlflaschen geräuschlos transportieren - und in Schützengräben sicher vor feindlichem Beschuss würden einbauen können. "Nachdenken behindert das patriotische Geschäft", wurde Clara von einem Adjutanten Habers beschieden.

Am 1. Mai 1915 kulminierte die Situation des Ehepaars. Der nach dem Giftgaseinsatz von Ypern zum Hauptmann beförderte Fritz Haber feierte mit Gästen in der Dahlemer Villa seine Ernennung zum Offizier - auf die er noch zu regulärer Militärzeit 1889/90, damals noch von Religion Jude, vergeblich gewartet hatte. Als das Haus leer war, schrieb Clara über Stunden in mehreren Abschiedsbriefen auf, was sie der Nachwelt übermitteln wollte. An der Garderobe des Hauses hing die Dienstwaffe des Mannes Fritz Haber. Mit dieser schoss sie sich im Morgengrauen des 2.Mai 1915 ins Herz - und war nur wenige Stunden später tot. Das Hauspersonal hatte die Abschiedsbriefe gesehen. Sie waren verschwunden - vermutlich bewusst vernichtet, zwei der Biographinnen von Clara Haber, geborene Immerwahr, wiesen nach, dass versucht wurde, wesentliche Fakten "jahrzehntelang zu vertuschen".

Die Grunewald-Zeitung berichtete: "Durch Erschießen ihrem Leben ein Ende gesetzt hat die Gattin des Geheimen Regierungsrats Dr. H. in Dahlem, der zur Zeit im Felde steht. Die Gründe zur Tat der unglücklichen Frau sind unbekannt". Hauptmann Haber war noch am 2.Mai, dem Tag des Todes seiner Frau, an die Ostfront, nach "Galizien" - dem heutigen Südostpolen, abgereist. Er hatte sich nur einmal kurz schriftlich am 12.Juni zum Tod seiner Frau geäußert. Der Brief, gerichtet an einen Chemieprofessor, wurde angeblich aus einer Mülltonne in Karlsruhe gezogen. "Beklemmend soldatisch begegnete er dem Freitod seiner Frau", urteilte später einer seiner Biographen. 

Haber wurde 1919 vom norwegischen Nobelkomitee für das Modell der Ammoniaksynthese mit dem Nobelpreis für Chemie ausgezeichnet. Neben der Herstellung von Salpetersäure wurde damit - in Friedenszeiten - auch die Produktion von Stickstoffdünger möglich. Die Verleihung des Nobelpreises fand im Juni 1920 statt. Zuvor hatte Haber noch gefürchtet, als Kriegsverbrecher verhaftet zu werden und war zeitweilig auf der Flucht. Der Nobelpreis wirkte, nach außen hin, wie eine Art Rehabilitation. 1933 musste er - als Jude von Herkunft - von seinem Posten als Institutsleiter in Dahlem zurücktreten und bereitete die Emigration vor. Doch überraschend verstarb er am 29. Januar 1934 bei einer Durchreise im schweizerischen Basel - an einem Lungenödem. 

Für Peter Exner, Historiker am Generallandesarchiv Karlsruhe ist die Art des Todes eine "Ironie" der Geschichte: auch die Giftgasopfer waren daran gestorben. Exner hatte das Drama des Ehepaars Anfang 2014 für die grenzüberschreitende deutsch-französische Ausstellung "Menschen im Krieg 1914-1918" eigens aufgearbeitet.  

Hintergründe:

Kriegsverbrechen:

Die Haager Landkriegsordnung von 1899 und 1907, als völkerrechtliche Abmachung über "zivilisierte Kriegsführung", verbot den Einsatz von Gift. In späteren Fassungen wurden auch "überwiegend giftige oder erstickende Geschossfüllungen" geächtet. Danach war und ist der Einsatz von Giftgas ein Kriegs- und Völkerrechtsverbrechen. Findige deutsche Rechtsgutachten, die eigens erstellt wurden im Weltkrieg, glaubten dennoch an die Unbedenklichkeit von Habers kriegstechnischer Erfindung. Beim Einsatz von Gasflaschen, aus denen Gas mit dem Windzug in gegnerische Linien abdriften sollten, sah die deutsche Heeresleitung "kein Vergehen gegen die Haager Verordnung". 

Mörderische Statistik:

Insgesamt 90.000 Giftgas-Tote, so wird geschätzt, gab es im Ersten Weltkrieg. Die Zahl der Toten beim ersten Angriff mit modernen Chemiewaffen, am 22.April 1915, lag bei etwa 1.200-1.500, nicht mitgezählt die späteren Toten infolge Langzeitfolgen. Frühere Zahlen, die jahrzehntelang publiziert wurden, sprachen von ca. 5.000 Toten an diesem Tag. Bei sämtlichen Ypern-Schlachten gab es insgesamt cirka 20.000 Giftgastote. Ypern war für die Deutschen während der Zeit des Ersten Weltkrieges "eine Art Gaslabor" - das später dort eingesetzte Senfgas wurde auch zuweilen "Yperit" genannt. Ypern zählt mit 500.000 Toten insgesamt, bei allen Gefechtsarten, zu den grausamsten Schlachtfeldern zwischen 1914 und 1918. In Verdun, westlich von Metz in Elsass-Lothringen, gab es etwa 800.000 Gefallene.

Gedenken Immerwahr:

 

Die Technische Universität Berlin vergab 2012 erstmals einen "Clara Immerwahr Award". Mit dem Award würdigt die Exzellienz-Initiative "UniCat" an der TU auch Frau Dr. Clara Immerwahr, die im Jahr 1900 als erste deutsche Frau in Deutschland mit einer physikalisch-chemischen Arbeit promoviert hat. Darüber hinaus besteht durch ihre Ehe mit Fritz Haber ein direkter Bezug zum Fritz-Haber-Institut, einer Mitgliedsinstitution von "UniCat".  


An der Hochschule in Karlsruhe (dem heutigen KIT) gab es in den vergangenen Jahren mehrfach Versuche, den "Fritz-Haber-Weg" auf dem Campus der Fakultät für Chemie und Biowissenschaften in "Clara-Immerwahr-Straße" umzubenennen. Es gibt Hochschulgruppen in Karlsruhe, die Fritz Haber bis heute als einen Kriegsverbrecher ansehen - und ihn als Beleg dafür heranziehen, dass für die seit 1825 bestehende Hochschule eine Zivilklausel in der Satzung verankert werden, und Militärforschung verboten werden müsse.

Links zu aktuellen und einschlägigen Artikeln:

Bei Ypern brachen die Deutschen das Giftgas-Tabu (DIE WELT, 29.08.13). Gas wurde erstmals von deutschen Truppen 1915 an der Westfront eingesetzt. Später fand es in Abessinien, China, Jemen oder dem Irak Verwendung. Hitler war im 1. Weltkrieg selbst Giftgas-Opfer.

http://www.welt.de/geschichte/article119507162/Bei-Ypern-brachen-die-Deutschen-das-Giftgas-Tabu.html