Landeskunde Baden-Württemberg

 

Von Goethe bis Marie Antoinette

Eine Reisegesellschaft überquert die Brücke zur Zeit des Dreißigjährigen Krieges in Richtung Straßburg. Zeichnung von Wenzel Hollar 1630, Stich 1665. Foto: Stadtarchiv Kehl

Die blutigen Kriege, die gepressten Söldner und die enthusiasmierten Kriegsfreiwilligen waren freilich nur die eine Perspektive der Brücke. Daneben ging der Handel weiter ebenso wie die Bildungsmigration von Studenten in die Universitätsstadt Straßburg. So kamen auch Johann Gottfried Herder, Johann Wolfgang Goethe und Jakob Michael Reinhold Lenz in den Jahren 1770/71 in die französische Stadt mit ihrer protestantischen städtischen Hochschule, die nach wie vor dem Bildungswesen im Heiligen Römischen Reich zugewandt war. Die Anfänge des literarischen Sturm und Drang und Goethes Entdeckung der gotischen Architektur des Münsters markieren die Bedeutung des durch die Brücke zusammengehaltenen Kulturraumes.

Ein Höhepunkt besonderer Art war ebenfalls im Jahr 1770 die Brautfahrt der Erzherzogin Marie Antoinette von Österreich zur Hochzeit mit dem Dauphin von Frankreich, dem späteren Ludwig XVI. Am 7. Mai 1770 fand die „Übergabe“ der Braut auf neutralem Gebiet, einer unbewohnten Rheininsel an der Brücke vor Straßburg, statt. Im Rahmen dieser Zeremonie musste sich Marie Antoinette von ihrem Wiener Gefolge trennen und sich vollständig entkleiden. Anschließend wurde sie mit französischen Gewändern bekleidet. Damit wurde in dieser Stunde aus der österreichischen Erzherzogin Maria Antonia die französische Dauphine Marie Antoinette.

Die Hochzeit stellte einen Höhepunkt in den seit der diplomatischen Revolution von 1756 guten Beziehungen zwischen den Höfen in Wien und Versailles dar. Diese Konstellation wurde freilich durch die Revolution abrupt beendet, die seit dem Ausbruch des Revolutionskrieges im Jahr 1792 in eineinhalb Jahrhunderte der Feindschaft am Rhein mündete. Nicht mehr die Monarchen, sondern die sich formierenden Nationen standen nunmehr bei Straßburg und Kehl unversöhnlich als vermeintliche „Erbfeinde“ einander gegenüber.