Landeskunde Baden-Württemberg

 

Streik und Tarifkämpfe

Streikende Arbeiter vor den Werkstoren von Daimler-Benz im Jahr 1971. Foto: Stadtarchiv Mannheim

Gewerkschaftlich waren 1971 nicht weniger als 97 Prozent aller „Benzler“ organisiert, als im Herbst einer der längsten Streiks in der bundesdeutschen Nachkriegsgeschichte begann. Fast drei Wochen dauerte der hart geführte Arbeitskampf, der von Arbeitgeberseite – ähnlich wie beim großen Streik im Mai 1963 – mit dem Instrument der Generalaussperrung beantwortet wurde. Bei beiden Arbeitskämpfen legten jeweils zehntausende Beschäftigte im Stadt- und Landkreis Mannheim die Arbeit nieder.

Wann immer es zu großen Arbeitskämpfen in der Metallindustrie nach 1945 kam, war stets Mannheim ein Zentrum der Auseinandersetzung. Denn im Tarifbezirk Nordwürttemberg- Nordbaden wurden durchgängig die Tarifkämpfe für die gesamte deutsche Metallindustrie ausgetragen, weil, so die gewerkschaftsinterne Argumentation, der nordbadische Raum sehr streikerfahren und auch stets streikbereit sei, eine hohe Firmendichte und einen hohen gewerkschaftlichen Organisationsgrad aufweise und die Lahmlegung der Betriebe die gesamte Branche am empfindlichsten treffe. Begleitet von hoher medialer Aufmerksamkeit standen so die großen Mannheimer Fabrikwerke oft im Fokus der Berichterstattung, vor allem bei den hart von Streik und Aussperrung begleiteten Arbeitskämpfen der 1970er- und 1980er- Jahre, als es nicht ausschließlich um Lohnforderungen, sondern auch um die „Humanisierung der Arbeit“ ging, etwa um die Abschaffung stupider Arbeitsprozesse oder den Einstieg in die 35-Stunden-Woche.

Dabei hatten nach 1945 zunächst weniger Lohnforderungen als vielmehr schlichte Mangelerscheinungen zu den ersten Warnstreiks geführt. So im Frühsommer 1947, als infolge der katastrophalen Ernährungslage die Arbeiter mit der Parole „Wir können nicht mehr“ die versprochenen, aber nicht zugeteilten Lebensmittelrationen beklagten. Die später zu „Jahren der schönen Not“ verklärten Zeiten waren politisch in den Betrieben von einem starken, meist kommunistisch oder sozialdemokratisch dominierten Betriebsrat geprägt. Dass bei allen klassenkämpferischen Parolen in der Sache weitgehend pragmatisch verhandelt wurde und Arbeitnehmerinteressen durchgesetzt werden konnten, kennzeichnet jene Jahre in den Industriebetrieben.

„Beim Benz“ ging die Ära der kommunistischen Betriebsratsvorsitzenden erst 1964 mit der Wahl von Herbert Lucy (1929– 1994), dem späteren Gesamtbetriebsratsvorsitzenden von Daimler-Benz, zu Ende. Lucy und sein Betriebsratsnachfolger Karl Feuerstein (1940–1999) engagierten sich für die SPD über Jahrzehnte auch im Kreisverband und im Gemeinderat. Ihrem Einfluss war es auch geschuldet, dass mit dem bei der BBC ausgebildeten Starkstromelektriker und Ingenieur Gerhard Widder 1983 in Mannheim ein Oberbürgermeister gewählt wurde, der seit frühester Kindheit in der Arbeiterbewegung verwurzelt war. Bis 2007 führte er als Oberbürgermeister die Geschicke der Stadt und ging mit der längsten Amtszeit als Rekordhalter unter den Bürgermeistern in die Geschichte Mannheims ein.

Warnstreik vor Tor 1 des Daimler-Benz Werks im Mai 1984. Der Betriebsratsvorsitzende Herbert Lucy informiert per Megafon über die Tarifforderungen. Foto: Stadtarchiv Mannheim