Landeskunde Baden-Württemberg

 

In der Zeit des RAF-Terrors

Der Hohenasperg war aber in seiner Funktion als Justizvollzugskrankenhaus nicht nur unmittelbar in die Geschichte der juristischen Aufarbeitung von NS-Verbrechen verwoben, sondern auch in die größte Herausforderung der alten Bundesrepublik in Form des Terrors der Roten Armee Fraktion (RAF). Auch hier wird man den Tätern ihre politischen Motive nicht absprechen können und das Gefängnis darüber hinaus auch als „politisches Gefängnis“ werten können, weil hier, ähnlich wie in Stammheim und anderen Gefängnissen, in denen RAF-Terroristen inhaftiert waren, besondere Haftbedingungen und Sicherheitsvorkehrungen getroffen wurden.

Neben Irmgard Möller (geb. 1947), die nach der „Todesnacht von Stammheim“ zur Rekonvaleszenz in das im RAF-Jargon „Knastklinik“ genannte Gefängniskrankenhaus auf den Hohenasperg kam, wurde der gebürtige Karlsruher Günter Sonnenberg (geb. 1954), der mutmaßliche Mittäter bei den Morden an Generalbundesanwalt Siegfried Buback und seinen Begleitern, der 1977 bei seiner Festnahme einen Kopfschuss erlitten hatte, mehrmals in das Justizvollzugskrankenhaus gebracht.

Die massiven Sicherheitsvorkehrungen auf dem Hohenasperg – allein acht Beamte, die den Terroristen bewachten, monatelanges ununterbrochenes Licht in der Einzelzelle und die Zwangsernährung bei dem hungerstreikenden Sonnenberg – zeigen, wie sehr sich der Staat im „Deutschen Herbst“ 1977 von der RAF bedroht sah und wie die Repräsentanten des Staates von der mörderischen Militanz der RAF überrascht und teilweise auch überfordert worden waren. Geiselnahmen zur Freipressung von Inhaftierten, die Politisierung der Strafprozesse, Hungerstreiks zur Durchsetzung von Forderungen und andere Formen der Provokation des staatlichen Gewaltmonopols bzw. der staatlichen Fürsorgepflicht waren im Erfahrungshaushalt der Bundesrepublik der 1970er-Jahre schlichtweg nicht vorhanden. Der RAF gelang es, nicht nur den Vorwurf der „Isolationsfolter“ in der Diskussion der bundesdeutschen Öffentlichkeit zu halten, sondern mit Raffinesse auch immer wieder eine Justiz am Rande der Überforderung vorführen zu können.