Landeskunde Baden-Württemberg

 

"Männerschule für Demokratie"

Friedrich Payer (1847–1931) war langjähriges Mitglied der Württembergischen Abgeordnetenkammer und des Reichstags sowie Fraktionsführer der Fortschrittlichen Volkspartei im Reichstag. Als Vizekanzler unter Prinz Max von Baden gestaltete er in den letzten Monaten des Ersten Weltkriegs maßgeblich den Übergang von der Monarchie zur ersten deutschen Demokratie mit. Als Vorsitzender führte er 1919 die Fraktion der linksliberalen DDP in der Weimarer Nationalversammlung. Foto: Landtag von Baden-Württemberg

Wer hier sprach, gehörte zur informellen Parteiführung: die Demokratendynastie der Haußmanns – zunächst Julius, demokratisches Urgestein, dann seine Söhne Conrad und, bis zu seinem frühen Tod 1889, Friedrich; Karl Mayer, der nach der 48er-Revolution Schutz vor politischer Verfolgung in der Schweiz gefunden hatte, ein überzeugter Antipreuße, den Bismarck als Vaterlandsverräter diffamierte; Friedrich Payer, langjähriger Abgeordneter in Württemberg und im Reich, dessen Vizekanzler er 1917 wurde; auch der junge Theodor Heuss bewährte sich noch im Kaiserreich als Redner auf Dreikönigstreffen.

Was das Land und sie politisch bewegte, erörterten die Demokraten auf ihrer Landesversammlung. Besprochen wurden nicht nur die großen Fragen der Politik wie die Flottenrüstung oder der deutsche Kampf um einen kolonialen „Platz an der Sonne“, auch Details von Steuerregelungen oder des neuen Militärstrafrechts, Gewerbe- und Schulreformen, die Lage der Landwirtschaft, die Finanzierung der Kommunen oder die Gründe, warum die Weigerung, den Reichstagsabgeordneten Diäten zu zahlen, die demokratischen Mitwirkungschancen beeinträchtige.

An die Vorträge schlossen sich Debatten an, Widerspruch war üblich – eine Schule der Demokratie und ein Ort politischer Bildung im „lebendigen Wechselverkehr“ zwischen der Parteiführung und den Mitgliedern. Gelegentlich wurden die Reden zusätzlich als Flugblatt gedruckt, um auch diejenigen zu erreichen, die nicht nach Stuttgart kamen oder den Beobachter lasen. In einem solchen Umfeld wirkte Kritik an den großsprecherischen Auftritten Kaiser Wilhelms II., an dem „Opernhaften der Politik“ oder an einer Kolonialpolitik des „mit Kanonenläufen gepredigten Evangeliums“ glaubhaft.