Landeskunde Baden-Württemberg

 

Gegen Preußen und seine liberalen Helfer – Württembergs Demokraten - parade unter schwarz-rot-goldener Fahne

Szene aus der kriegsentscheidenden Schlacht von Königgrätz, Gemälde von Georg Bleibtreu

Den Nationalstaat ersehnten Liberale und Demokraten gleichermaßen. Doch welche territoriale Gestalt er erhalten sollte, mit Österreich oder ohne die alte deutsche Kaisermacht, und wie er verfassungspolitisch ausgestaltet werden sollte, über diese Kernfragen spaltete sich das politische Bürgertum und mit ihm seine Parteien. In Württemberg entstand in der Mitte der 1860er-Jahre erneut, wie 1848/49, eine starke demokratische Partei (Volkspartei). Sie lehnte kompromisslos einen deutschen Nationalstaat unter preußischer Hegemonie ab. Sich dem drohenden „Großpreußen“ zu widersetzen, nannte die württembergische Volkspartei die „nationale Pflicht Süddeutschlands“. Darin wusste sie sich mit ihrem König einig. Die Entscheidung fiel 1866 im innerdeutschen Krieg, als das besiegte Österreich aufgrund der kleindeutschen Option aus dem Deutschen Reich ausschied, und dann im Deutsch- Französischen Krieg. Als aus ihm 1871 der deutsche Nationalstaat unter einem preußischen Kaiser hervorging, standen die Demokraten vor einem politischen Scherbenhaufen.

Wie sie darauf reagierten und wie im Laufe des Kaiserreichs Demokraten und Linksliberale zusammenfanden, lässt sich am Stuttgarter Dreikönigstreffen verfolgen. In Württemberg lag die Hochburg der Demokraten und von hier kamen Politiker, die den demokratischen Liberalismus in seiner ganzen Bandbreite bis in die Gegenwart immer wieder prägten. Auf dem Dreikönigstag mussten sie sich bewähren. Wer dort regelmäßig reden durfte, war anerkannt unter den Demokraten Württembergs und fand Resonanz über das Land hinaus.

Gegen „die militärische Verpreußung Württembergs“, diese Parole, unter der sich die Demokraten noch 1870 auf ihrem Parteitag gegen „unsere Bettelpreußen“, wie sie die liberalen Gegner nannten, formiert hatten, trug nicht mehr, nachdem ein Jahr später der deutsche Nationalstaat ins Leben getreten war. An ihrem Dreikönigstag, den sie ab 1876 wieder regelmäßig durchführten, lässt sich ablesen, wie sich Württembergs Demokraten in den jungen Nationalstaat einlebten, warum sie ihn zu schätzen lernten, ohne in ihrer Kritik an seiner unvollendeten Parlamentarisierung und dem Übergewicht Preußens nachzulassen, und welche Reformziele sie in Württemberg verfolgten.

Der Dreikönigstag wurde zu einem Ort, an dem sich Demokraten aus allen Regionen Württembergs trafen und persönlich kennen lernten, sich über die politische Lage in ihren Gemeinden austauschten, die Aktivitäten ihrer Parteigruppen erörterten und über das Geschehen in den Parlamenten Württembergs und des Reichs von ihren Abgeordneten informiert wurden. Sie diskutierten über Erfolge und Misserfolge, besprachen und beschlossen den politischen Kurs der nächsten Jahre. Gesinnungsfreunde aus anderen deutschen Ländern nahmen ebenfalls teil und die politischen Gegner kommentierten in ihren Zeitungen ausführlich die „Demokratenparade unter schwarz-rot-goldener Fahne“ – eine abfällige Charakterisierung der Widersacher, die man zum Ehrentitel ummünzte.