Landeskunde Baden-Württemberg

 

Die Zeit des Nationalsozialismus und ihre Folgen

Nikolaus Wachsmann: KL. Die Geschichte der nationalsozialistischen Konzentrationslager. Siedler Verlag, München 2016, 984 Seiten. ISBN: 978-3-88680-827-4. EUR 39,99.

Ein historisches Werk, das seinesgleichen sucht: Nikolaus Wachsmanns lang erwartete, monumentale Geschichte der Konzentrationslager von den improvisierten Anfängen 1933 bis zu ihrer Auflösung 1945. Diese erste umfassende Darstellung vereint auf eindrückliche Weise sowohl die Perspektive der Täter als auch jene der Opfer. Sie zeigt die monströse Dynamik der Vernichtungspolitik und verleiht zugleich den Gefangenen und Gequälten eine Stimme.

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Sarah Helm: Ohne Haar und ohne Namen. Im Frauen-Konzentrationslager Ravensbrück. Aus dem Engl. von Martin Richter, Annabel Zettel und Michael Sailer. Theiss Verlag, Darmstadt 2016, 840 Seiten. ISBN: 9783806232165. EUR 29,95.

Frauen, die andere Frauen quälen und töten – ebenso einfühlsam wie schonungslos gibt Sarah Helm Einblick in das Leben im einzigen offiziellen Frauen-Konzentrationslager Ravensbrück. In ihrer groß angelegten Reportage erzählt sie gleichermaßen vom bewegenden Kampf der Häftlinge ums Überleben wie von den grausamen Gewalttaten ihrer Peinigerinnen.

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Kristina Meyer: DIE SPD und die NS-Vergangenheit 1945–1990. Wallstein Verlag, Göttingen 2015, 549 Seiten. ISBN: 978-3-8353-1399-6. EUR 42.-

Aus den Trümmern des „Dritten Reiches“ eine demokratische und sozial gerechte Gesellschaft aufzubauen war das erklärte Ziel der Nachkriegs-SPD. Dafür jedoch waren ihre vielfach aus Haft und Emigration zurückgekehrten Funktionäre auf die Unterstützung von Millionen ehemaliger „Volksgenossen“ angewiesen. Kristina Meyer zeichnet den Umgang der deutschen Sozialdemokratie mit der NS-Diktatur von der Wiedergründung der SPD an bis 1990 nach. Sie fragt nach der Bedeutung von Widerstands- und Verfolgungserfahrungen für das Selbstverständnis und die Außenwahrnehmung der Partei, nach ihrem Beitrag zur politischen, juristischen und gesellschaftlichen Aufarbeitung der nationalsozialistischen Massenverbrechen, aber auch nach ihrer Auseinandersetzung mit Rechtsradikalismus, Neonazismus und Antisemitismus. Der vergangenheitspolitische Weg der SPD in der alten Bundesrepublik erweist sich dabei als eine permanente Gratwanderung: zwischen dem Streben nach gerechter Aufarbeitung der NS-Geschichte und den Bedürfnissen nach „innerer Versöhnung“.

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Jan Taubitz: Holocaust Oral History und das lange Ende der Zeitzeugenschaft. Wallstein Verlag, Göttingen 2016, 332 Seiten. ISBN: 978-3-8353-1843-4. EUR 29,90.

Mehr als 70 Jahre nach Kriegsende wird eindringlicher denn je das Ende der Zeitzeugenschaft beschworen. Die Erinnerung an Krieg und Holocaust, so die Sorge, werde ohne die direkten Augenzeugen verblassen, sich in den endlosen Lauf der „kalten Geschichte“ einreihen. Jan Taubitz zeigt, wie bereits vor mehr als 35 Jahren etliche Oral History Archive dieser Entwicklung mit der systematischen Aufnahme, Konservierung und Verbreitung zehntausender audiovisueller Interviews mit Überlebenden des Holocaust entgegentraten. Die Initiative ging von US-amerikanischen Museen, Archiven, Bibliotheken, Stiftungen und Graswurzelbewegungen aus. Somit drängen sich folgende Fragen auf: In welchem Verhältnis stehen die Zeugnisse zur amerikanischen Kultur sowie zu der von ihr hervorgebrachten Oral History? Wer waren die Hauptakteure? Welche Beziehungen lassen sich zu anderen, vor allem populären Darstellungen des Holocaust nachweisen? Wie wirkt sich der digitale Wandel auf die Zeugnisse aus? Und schließlich: Können die Holocaust Oral Histories das Ende der Zeitzeugenschaft tatsächlich überwinden?

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Torben Fischer/Matthias N. Lorenz (Hrsg.): Lexikon der „Vergangenheitsbewältigung“ in Deutschland. Transcript Verlag, Bielefeld 2015, 398 Seiten. ISBN 978-3-8376-2366-6. EUR 29,80.

In seinem interdisziplinären Zugriff konkurrenzlos, in seiner diskursgeschichtlichen Anlage ein Nachschlagewerk völlig neuen Typs: Das Lexikon der „Vergangenheitsbewältigung“ präsentiert in 170 Einträgen erstmals die politischen und künstlerischen, juristischen und gesellschaftlichen, wissenschaftlichen und medialen Auseinandersetzungen mit der NS-Vergangenheit. Die kritische Aufarbeitung der zentralen Ereignisse und Debatten des bundesrepublikanischen Erinnerungsdiskurses – von „Auschwitzprozess“ bis „Zwangsarbeiterentschädigung“ – mündet so zugleich in eine aufschlussreiche Kulturgeschichte deutscher Befindlichkeiten nach dem Holocaust. Für die 3. Auflage wurde das Lexikon erstmals gründlich überarbeitet. Neue Artikel beschäftigen sich etwa mit der Debatte um Grass' Waffen-SS-Mitgliedschaft, der NSU-Mordserie oder der Erinnerungskultur in den Neuen Medien.

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Rainer Eisfeld (Hrsg.): Mitgemacht. Theodor Eschenburgs Beteiligung an „Arisierungen“ im Nationalsozialismus. Verlag Springer VS, Wiesbaden 2015. 450 Seiten. ISBN 978-3-658-07215-5. EUR 49,99.

2011 brach die „Eschenburg-Kontroverse“ aus, als Theodor Eschenburg – Industrieverbandsfunktionär 1933–1945, Lehrstuhlinhaber seit 1952 – die Beteiligung an einer ersten „Arisierung“ nachgewiesen wurde. Anhänger und Verehrer, die er ausgebildet, promoviert, habilitiert hatte, hielten an ihrem Ideal fest. 2013 schaffte die Deutsche Vereinigung für Politische Wissenschaft den nach ihm benannten Lebenswerk-Preis trotzdem ab. Dieser Band enthält Faksimiles der archivalischen Belege. Er dokumentiert und kommentiert die Kontroverse und ordnet sie ein in die aktuellen Debatten um Zeithistoriker und spätere Politologen im „Dritten Reich“. Gleichzeitig treibt der Kommentar Rainer Eisfelds die Forschung über Eschenburg weiter voran durch Auswertung bislang nicht oder nur teilweise genutzter Archivbestände.

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Stefan Hördler: Ordnung und Inferno. Das KZ-System im letzten Kriegsjahr. Wallstein Verlag, Göttingen 2015. 531 Seiten. ISBN: 978-3-8353-1404-7. 46.- EUR

Dieses Buch ist eine grundlegende Neubewertung der letzten Phase der nationalsozialistischen Konzentrationslager. Stefan Hördler stellt den aktuellen Forschungsstand, die Schlussphase der nationalsozialistischen Konzentrationslager sei durch Desorganisation, Chaos und Willkür geprägt gewesen, in Frage: Er zeigt, dass ab März 1944 eine umfassende Neuordnung des KZ-Systems einsetzte, und dass das letzte Kriegsjahr eine eigenständige Phase in der Genese der Lager darstellte. Ab 1944 verfolgte das NS-Regime zwei Ziele: erstens eine forcierte Ökonomisierung und zweitens eine Stabilisierung des Lagersystems. Zur Analyse beider Dimensionen führt der Autor den Begriff der Rationalisierung ein, unter dem sowohl die Massenmorde als auch eine utilitaristisch ausgerichtete „Auslese“ der arbeitsfähigen Häftlinge als Teile dieser Entwicklung zusammengefasst werden können.

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Tim Schanetzky: „Kanonen statt Butter“. Wirtschaft und Konsum im Dritten Reich. Verlag C.H. Beck, München 2015. 272 Seiten, ISBN 978-3-406-67515-7. EUR 16,95.

„Auch heute gilt die Parole: Kanonen statt Butter“, schärfte Rudolf Hess im Oktober 1936 den Deutschen ein und prägte damit eine Fügung, die sich schon bald verselbständigte. In seinem glänzend geschriebenen Buch bietet Tim Schanetzky eine kompakte Einführung in die Wirtschaftsgeschichte des „Dritten Reiches“ – so leicht zugänglich, wie es sie seit Jahrzehnten nicht gegeben hat. Dabei steht die Erfahrungsgeschichte der Deutschen im Vordergrund. Wie erlebten die „Volksgenossen“ die Zwänge der Aufrüstung? Inwiefern profitierten sie von der rassistischen Politik des Regimes? Wie verhielten sich die deutschen Unternehmer in der Diktatur? Wie stark waren sie eingebunden in die Großraubwirtschaft des Weltkriegs? Und schließlich: Wie stark trugen Konsumversprechen zum Zusammenhalt der „Volksgemeinschaft“ und der Stabilität der Diktatur bei?

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Markus Roth: „Ihr wißt, wollt es aber nicht wissen“. Verfolgung, Terror und Widerstand im Dritten Reich. Verlag C.H. Beck, München 2015. 296 Seiten, ISBN 978-3-406-67517-1. EUR 16,95.

„Ihr wisst, wollt es aber lieber nicht wissen.“ Es war Thomas Mann, der den Deutschen im November 1941 im Auslandssender der BBC angesichts der Massenverbrechen in Polen und Russland schonungslos den Spiegel vorhielt. „Das haben wir nicht gewusst“ wurde dennoch zur Lebenslüge eines ganzen Volkes. Das NS-Regime war beides zugleich: Zustimmungsdiktatur und Terrorherrschaft. Prägnant und anschaulich zeichnet Markus Roth die rassistische Verfolgungs- und Vernichtungspolitik des „Dritten Reiches“ nach. Im Mittelpunkt steht dabei die Frage, wie sie die deutsche Gesellschaft veränderte. Wie gestaltete sich das dynamische Wechselspiel zwischen Führung und Volk? Wie sah der Alltag von Verfolgern und Verfolgten aus? Inwieweit trug die Volksgemeinschaft den Rassismus, lebte ihn im Alltag und trieb ihn gar voran? Welche Widerstände und Hemmnisse gab es? Wo gab es Zeichen von Solidarität und Hilfe? Was wussten die gewöhnlichen Deutschen von den Massenverbrechen und was folgerten sie daraus?

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Ute Baur-Timmerbrink: Wir Besatzungskinder. Töchter und Söhne alliierter Soldaten erzählen. Ch. Links Verlag, Berlin 2015. 240 Seiten, ISBN 978-3-86153-819-6. EUR 22.-

Zwischen 1945 und 1955 wurden in Deutschland und Österreich Hunderttausende Menschen geboren, deren Väter Soldaten der alliierten Besatzungstruppen waren. Viele dieser sogenannten Besatzungskinder haben ihren Vater aus den USA, Großbritannien, Frankreich oder der früheren Sowjetunion nie kennengelernt. Häufig erlebten sie Ausgrenzung in ihrer Familie und durch die Gesellschaft. Ute Baur-Timmerbrink, selbst Besatzungskind, unterstützt Menschen bei der Suche nach ihrem Soldatenvater und hat bisher etwa 200 Familienzusammenführungen begleitet. Im Mittelpunkt ihres Buches stehen Porträts von Besatzungskindern aus Deutschland und Österreich. Zwei Beiträge von Expertinnen geben Auskunft über das Verhältnis zwischen Besatzungssoldaten und Bevölkerung zwischen 1945 und 1955 und stellen die neuesten Forschungsergebnisse zu den psychosozialen Belastungen von Besatzungskindern vor.

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Wolfram Pyta: Hitler. Der Künstler als Politiker und Feldherr. Eine Herrschaftsanalyse. Siedler Verlag, München 2015. 848 Seiten, ISBN 978-3-8275-0058-8. EUR 39,99.

Dieses Buch des Stuttgarter Historikers Wolfram Pyta gewährt einen völlig neuen Blick auf Herrschaft und Persönlichkeit Adolf Hitlers. Sein Aufstieg und sein mörderisches Regime, so zeigt der Autor, beruhten vor allem auf der radikalen Anwendung ästhetischer Prinzipien, die sich der selbsternannte Künstler Hitler vor seinem Eintritt in die Politik im Jahre 1919 zu eigen gemacht hatte. Wolfram Pyta, renommierter Neuzeithistoriker und Direktor der Forschungsstelle Ludwigsburg zur NS-Verbrechensgeschichte, untersucht aus ebenso erhellender wie ungewöhnlicher Perspektive den Aufstieg des brotlosen Künstlers Hitler zum allmächtigen Politiker und Feldherrn. Der Historiker zeigt, wie Hitler durch raffinierte Ästhetisierung der Politik seine Massengefolgschaft fand – dem verhinderten Theaterarchitekt und passionierten Wagnerianer half dabei vor allem die konsequente Inszenierung seiner politischen Auftritte. In dem von ihm entfesselten Weltkrieg erlangte Hitler zudem die totale militärische Herrschaft, weil ihm der Geniekult die nötige Legitimation verlieh. So wird auf überraschende Weise deutlich, dass der Diktator und militärische Führer Hitler ohne sein reklamiertes Künstlertum nicht zu verstehen sind.

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Werner Jung (Hrsg.): Wände, die sprechen / Walls that Talk. Die Wandinschriften im Kölner Gestapo-Gefängnis im EL-DE-Haus / The Wall Inscriptions in the Cologne Gestapo Prison in the EL-DE House. Emons-Verlag, Köln 2014. 420 Seiten, ISBN 978-3-95451-239-3. EUR 68.-

„Ich bitte diejenigen, die uns kennen, unseren Kameraden auszurichten, dass auch wir in diesen Folterkammern umgekommen sind.“ So lautet eine von 1800 Inschriften, die Häftlinge auf den Wänden im Gefängnis der Kölner Gestapozentrale, heutiges NS-Dokumentationszentrum der Stadt Köln, hinterlassen haben. Zeichen an der Wand – es sind Worte des Abschieds, des Protestes, der Verzweiflung, der Hoffnung, der Sehnsucht, der Liebe. Eine einzigartige Erinnerung an einen Gedenkort von nationalem und europäischem Rang.

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Alwin Meyer: Vergiss deinen Namen nicht. Die Kinder von Auschwitz, Steidl Verlag, Göttingen 2015. 760 S., ISBN 978-3-86930-949-1. EUR 38,80

Kinder in Auschwitz: Das ist der dunkelste Fleck einer dunklen Geschichte. Sie wurden mit ihren Familien nach Auschwitz verschleppt oder kamen dort unter unvorstellbaren Bedingungen zur Welt. Nur wenige haben überlebt. Zeit ihres Lebens tragen sie die Spuren des Erlittenen auf dem Körper und in ihren Seelen. Am Unterarm oder Schenkel eintätowiert, wächst sie mit, die Häftlingsnummer. Auschwitz ist immer da. Am Tag, am Abend, in der Nacht: die Trennung von den Eltern und Geschwistern, die sogenannten „Kinderblocks“ im Lager, die an ihnen vollzogenen Experimente, der ständige Hunger, die Sehnsucht nach der Familie, einem warmen Federbett, nach Geborgenheit. Nach ihrer Befreiung kannten manche weder ihren Namen, ihr Alter noch ihre Herkunft. Fast alle waren Waisen. Sie trauten lange Zeit keinem Menschen mehr, mussten mit ihren Kräften haushalten, waren voller Angst. Wie leben nach Auschwitz? Geduldig hat Alwin Meyer über Jahrzehnte hinweg die Kinder von Auschwitz gesucht, einfühlsam mit ihnen gesprochen und ihr Vertrauen gewonnen. Viele erzählen zum ersten Mal vom Lagerleben, von einer Kindheit, in der Tod immer präsent und nie natürlich war.

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