Landeskunde Baden-Württemberg

 

Frauen in der Revolution

Emma Herwegh
Amalia Struve

In seiner Schrift „ Die Erhebung des Volkes in Baden für die deutsche Republik" im Frühjahr 1848 lobte Friedrich Hecker die badischen Frauen: „ Die Frauen und Mädchen", so schrieb er, „ zeigten sich muthiger und begeisterter als die Männer. Manchen der nachher zu uns stieß, trieben die Frauen und Mädchen mit ihren Vorwürfen, dass es feige seie, uns im Stiche zu lassen und daheim zu sitzen, während wir die Freiheit erstreben wollten, zu den Waffen." Die Revolutionäre könnten getrost, so Hecker, auf das heranwachsende Geschlecht, das sie geboren haben und erziehen, blicken. Einige Jahre später, inzwischen im Exil mit der amerikanischen Frauenbewegung konfrontiert, äußerte sich der ehemalige Revolutionär deutlich distanzierter: Nur dem, der in den Krieg ziehe, seien auch Entscheidungsbefugnisse über die staatliche Politik und die Bürgerrechte zu gewähren. Hecker war nicht der einzige, der die Frauen nicht in den Kampf um Bürgerrechte einbezog. Viele Aussagen der männlichen Revolutionäre machen deutlich, dass in der Zeit des Vormärz und der Revolution 1848/49 den Frauen zwar eine neue öffentliche Rolle bei der Unterstützung der Revolution zugewiesen wurde, dass sie jedoch gleichzeitig mit Nachdruck auf ihre weibliche Bestimmung festgelegt wurden. Ihre Mitarbeit sollte gewisse Grenzen nicht überschreiten.

Eine eigene Stimme und den Willen, Rechte für ihr Geschlecht einzufordern, hatten Frauen noch selten: Eigene Zeitungen waren die Ausnahme, wie etwa Louise Ottos Frauenzeitung mit dem Motto „ Dem Reich der Freiheit werb' ich Bürgerinnen". Doch sie verstanden es durchaus, ihre Anliegen vorzubringen. So protestierten im April 1848 Konstanzer Frauen in den radikalen „Seeblättern" dagegen, dass man sie von der Versammlung, die über die Teilnahme am Heckerzug entscheiden sollte, ausgeschlossen hatte - zusammen mit Fremden und Kindern. Doch es gab auch Frauen, die die Grenzen der für weibliches Verhalten geltenden Normen überschritten.

Beispielsweise Amalie Struve, geb. Düsar (1824-1862), Tochter eines Sprachlehrers, die selber zeitweise als Lehrerin berufstätig war - ein für ihre Zeit ungewöhnlicher Umstand. Sie heiratete 1845 Gustav Struve (1805-1870) und nahm an der Seite ihres Mannes am Heckerzug und am Aufstandsversuch Struves im September 1848 teil. Ihre ungewohnte Erscheinung - sie trug gelegentlich Hosen,- machte sie zur Zielscheibe sexistischen Spotts. Für ihre Versuche, die Frauen vor Ort zur Unterstützung der Revolution zu überreden, musste sie von September 1848 bis April 1849 in Freiburg ins Gefängnis. Nach ihrer Freilassung agitierte sie unter den Soldaten der Rastatter Garnison. Amalie Struve verließ nach dem Ende der badischen Revolution 1849 mit ihrem Mann Europa und ging ins Exil in die USA. Dort war sie als Lehrerin und Romanschriftstellerin tätig. Ihre 1850 in Hamburg erschienenen Revolutionserinnerungen („ Erinnerungen aus den badischen Freiheitskämpfen") widmete Amalie Struve, die 1862 an den Folgen einer Geburt starb, den deutschen Frauen.

Auch Emma Herwegh, geb. Siegmund (1817-1904), Tochter eines reichen Berliner Kaufmanns und Ehefrau von Georg Herwegh (1817-1875), den sie im Jahr 1842 geheiratet hatte, zog mit in die Revolution. Sie war als Vermittlerin zwischen der von Georg Herwegh in Paris aufgestellten Deutschen Legion und den badischen Aufständischen im Frühjahr 1848 aktiv und ging nach dem Scheitern der Mission mit ihrem Ehemann ins Schweizer Exil. Auch Emma Herwegh hat ihre Erlebnisse 1849 schriftlich festgehalten („ Zur Geschichte der deutschen demokratischen Legion aus Paris. Von einer Hochverräterin"). Sie starb 87jährig 1904 in Paris und ist, wie ihr Ehemann, in Liestal im Kanton Baselland begraben.

Abseits dieser Berühmtheiten ist die Suche nach Frauen der Revolution mühsam. Eine Liste der in Baden im Zusammenhang mit der Revolution straffällig gewordenen Personen, zählt unter 40 000 Verurteilten nur 180 Frauen auf. Die revolutionären Ereignisse der Jahre 1848 und 1849 scheinen eine reine Männerangelegenheit gewesen zu sein - trotz Amalie Struve und Emma Herwegh.

Doch ein Blick in die vielen Zeitungen, in Erinnerungen oder auf zeitgenössische Bilder ergänzt diesen Befund. Ohne weibliche Beteiligung sind die Brotkrawalle, die im Jahr 1847 in Ulm, Stuttgart, Villingen, Mannheim und Tübingen zur Plünderung von Speichern und Marktständen geführt haben, nicht vorstellbar.Die Frauen, die sich an Katzenmusiken  und Krawallen beteiligten und lautstark ihre Forderungen vorbrachten, wurden wegen dieser Aktionen häufig mit Gefängnis oder Ausweisung bestraft.


Die Mehrzahl der bürgerlichen Frauen hielt sich zwar an die ihnen gezogenen Grenzen. Doch viele von ihnen organisierten sich, trotz doppelter Behinderung aufgrund staatlicher Repression und ihres Geschlechts, in Frauenvereinen. Frauen entdeckten zunehmend diese Form der bürgerlichen Geselligkeit und Interessenvertretung und schufen sich, da sie in den männlich dominierten Volksvereinen keinen Platz hatten, ihre eigenen Organisationen. Dort machten sie Politik mit karitativer Tätigkeit. Sie sammelten Geld, Kleider und Verbandszeug für Verwundete und übernahmen „ öffentliche Verantwortung". Rechte für sich selbst oder gar Emanzipation forderten sie allerdings so gut wie nie.

Im badischen Ettenheim gründeten unmittelbar vor der Offenburger Versammlung vom 13. Mai 1849 einige Frauen unter dem Vorsitz von Antonie Stehlin, Ehefrau eines Ettenheimer Advokaten,  einen Frauen- und Jungfrauenverein. Ziel war es, den dortigen Volksverein in Freiheitsbestrebungen zu unterstützen. Der Ettenheimer Frauenverein war einer der ersten politischen Frauenvereine im Land. (Die meisten anderen Vereine entstanden erst nach der Mairevolution.) Er hatte etwa 30 Mitgliedsfrauen, deren erste Aktion die Herstellung einer roten Fahne für den Demokratenverein mit der Aufschrift „ Freiheit, Bildung, Wohlstand für alle" war. Außerdem wollten die Ettenheimerinnen Verwundete pflegen und flüchtige oder gefangene Revolutionäre unterstützen.

Marie Antonie Stehlin wurde wegen ihres Engagements für die revolutionäre Sache 1850/51 „ wegen Teilnahme am Hochverrat" angeklagt und entging der Verurteilung des Freiburger Hofgerichts zu einem Jahr Zuchthaus nur durch Flucht nach Frankreich und Auswanderung in die USA.

Im revolutionären Mannheim gab es gleich zwei demokratische Frauenvereine: „ Concordia" und „ Germania". Die Frauen sammelten Geld für eingekerkerte und flüchtige Republikaner, und beide Vereine bemühten sich um eine überregionale Organisation von Frauenvereinen. Der Verein Germania beklagte jedoch, was die Vereins-Statuten anging: Man habe keine, damit nicht die hochlöbliche Polizei ihre Nase hineinstecken könne.

In der eher konservativen Residenzstadt Karlsruhe entstand 1848 ein Frauenverein, der das Einkaufen zum Politikum machte. Am 24. März 1848 hatte unter dem Titel „ Patriotischer Vorschlag" das Tageblatt alle Bürger dazu aufgerufen, nur noch deutsche Erzeugnisse zu kaufen, und am 30. April wurde offiziell der „ Frauenverein zur Unterstützung deutschen Gewerbefleißes" gegründet. Seine Mitglieder verpflichteten sich, für ihre häuslichen und persönlichen Bedürfnisse vorzugsweise deutsche Erzeugnisse anzuschaffen und den deutschen Arbeitern den Verdienst zuzuwenden. Man polemisierte vor allem gegen den Kauf von Waren aus Frankreich.

Ob radikal oder gemäßigt gesinnt, Frauen machten während der Jahre 1848/49 Politik. Und sie waren nicht wegzudenken aus den Inszenierungen der Revolution, den Fahnenweihen und Bürgerwehraufmärschen, die regelmäßig von weiß gekleideten Ehrenjungfrauen gesäumt wurden. Junge Frauen schworen, nie einen Mann zu heiraten, der sich nicht der revolutionären Sache zu opfern bereit sei, und die revolutionäre Handarbeit, das Fahnensticken, finden wir an allen Orten. Das Beispiel der Bürgerin Henriette Obermüller aus Durlach, die für ihr Engagement für die rote Fahne der Durlacher Turner nach dem Ende der Revolution fast eineinhalb Jahre im Gefängnis saß, zeigt, dass die Botschaft, die sie hineingestickt hatte - „ Siegen oder Tod" - ernstgenommen wurde, von den Revolutionären und von den Gegnern der Revolution.

Der Mann, der in den Krieg ziehen sollte, wusste die revolutionär gesinnte Frau bei Heim und Herd derselben Sache verschrieben, für die auch er zu kämpfen entschlossen war. Beide, Männer und Frauen, wollten sich in ihrem Einsatz für die Revolution ergänzen, jeweils an ihrem vermeintlich natürlichen Platz.

Ute Grau