Deutsche Geschichte
Nikolaus Buschmann/Ute Planert (Hrsg.): Vom Wandel eines Ideals. Bildung, Universität und Gesellschaft in Deutschland. Verlag J.H.W. Dietz Nachf., Bonn 2010. 168 Seiten. ISBN 978-3-8012-4197-1. 29,80 EUR.
Die Probleme des heutigen Bildungssystems wurzeln in den Klassengegensätzen des Kaiserreichs. So lautet die provokante These dieses Buchs, das dem derzeit kontrovers diskutierten Thema Bildung historische Tiefenschärfe verleiht. Dabei wird deutlich, wie wichtig die weiteren Themenfelder des Sammelbandes für die Bildungsfrage sind: die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen universitärer Wissenschaft und die Rolle der Medien für den Bildungstransfer. Neun renommierte Hochschullehrer räumen dabei mit gängigen Bildungsklischees auf und hinterfragen kritisch ihre eigene Rolle im Prozess der Wissensproduktion.
Mit Beiträgen von Hermann Bausinger, Niels Birbaumer, Ute Daniel, Ute Frevert, Konrad H. Jarausch, Kaspar Maase, Klaus Schönhoven, Sylvia Schraut und Heinz-Elmar Tenorth.
Andreas Rödder: Deutschland einig Vaterland. Die Geschichte der Wiedervereinigung. Verlag C.H. Beck, München 2009. 495 Seiten. ISBN 978-3-406-56281-5. 24,90 EUR.
Schon den Zeitgenossen war klar: 1989/90 erlebten sie Weltgeschichte. Der Zusammenbruch des Ostblocks, der Fall der Mauer, das Ende der DDR, die Wiedervereinigung Deutschlands beendeten eine Epoche, die im Zeichen der Weltkriege und des Ost-West-Konflikts gestanden hatte. Ein neues Zeitalter begann. Dieses Buch erzählt, wie alles geschah. Andreas Rödder, Professor an der Universität Mainz und ehemals an der Universität Stuttgart habilitiert, legt auf der Grundlage intensiver Quellenforschungen und zahlreicher Gespräche mit Zeitzeugen die erste historisch fundierte Geschichte der deutschen Wiedervereinigung vor. Schließlich resümiert er die nationalen und internationalen Folgen der Wiedervereinigung. Andreas Rödders Buch ist eine mit großer Sensibilität für die unterschiedlichen Perspektiven von West- und Ostdeutschen geschriebene Gesamtdarstellung der deutschen Einheit.
Mark Mazower: Hitlers Imperium. Europa unter der Herrschaft des Nationalsozialismus. Verlag C.H. Beck, München 2009. 661 Seiten. ISBN 978-3-406-59271-3. EUR 34.-
In wenigen Jahren erreichte Hitler durch Annexion und Eroberung eine koloniale Expansion, die Europa von Brest bis nahezu Moskau, vom Nordkap bis zur Sahara umfasste. Mark Mazower schildert, welches europäische Großreich unter deutscher Führung Hitler anstrebte, wie er es aufbaute und welche oft falschen und abwegigen Annahmen in die Vision einer deutschen Weltmacht einflossen.
Nach Ausdehnung und Bevölkerung übertraf Hitlers Imperium die USA und sollte Basis für die deutsche Weltherrschaft werden. Mazower entwirft ein bestürzendes Bild von der Welt, wie sie nach Vorstellung Hitlers und seiner Anhänger hätte aussehen sollen: Juden, Russen, Polen ausgelöscht oder als Arbeitssklaven eingesetzt; die germanische Rasse herrschend und allein zu Reichtum und Wohlstand berechtigt in einem Großreich vom Atlantik bis zum Schwarzen Meer. Dass diese Vision schließlich nach den ersten großen militärischen Erfolgen nicht Realität wurde, ist zu einem gewissen Teil auch der totalen deutschen Verkennung der ökonomischen und politischen Notwendigkeiten eines solchen Großreichs zuzuschreiben. Mazower zeigt, wie sich die Nazis mit ihrer Ideologie den eigenen kolonialen Träumen – die nicht genuin faschistisch, sondern geradewegs dem 19. Jahrhundert und dem britischen Weltreich entlehnt waren – selbst im Wege standen. Ein viel gelobtes Werk, das nicht nur auf Deutschland, sondern auch auf Europa ein neues Licht wirft.
Heinrich August Winkler: Geschichte des Westens, Band 1: Von den Anfängen in der Antike bis zum 20. Jahrhundert, Verlag C.H. Beck, München 2009. 1.343 Seiten. ISBN 978-3-406-59235-5. 38,- EUR
Der Westen – seit dem Zeitalter der Entdeckungen ist er gleichsam das welthistorische Maß aller Dinge. Er hat fremde Reiche erobert und ganze Kontinente unterworfen, die Erde bis in ihre entlegensten Winkel erschlossen, die Naturwissenschaften und die moderne Technik hervorgebracht, die Menschen- und Bürgerrechte, die Herrschaft des Rechts und die Demokratie erfunden. Aber er hat auch oft genug seine Werte verraten, Freiheit gepredigt und Habgier gemeint und mit dem Kapitalismus eine Ökonomisierung aller Lebensverhältnisse entfesselt, die bis heute die Menschheit in Atem hält.
Der Berliner Historiker Heinrich August Winkler, der von 1972 bis 1991 Professor an der Universität Freiburg i. Br. war, erzählt zum ersten Mal überhaupt die Geschichte des Westens – und damit auch die Geschichte unserer eigenen Identität. Wir leben im Westen. Aber was eigentlich ist das: der Westen? Wie ist er entstanden? Wo liegen seine Wurzeln? Und wofür steht er? Auf der Suche nach einer Antwort auf diese Fragen hat der Historiker Heinrich August Winkler eine Geschichte des Westens geschrieben. Von den Anfängen in der Antike bis in das frühe 20. Jahrhundert zieht seine Darstellung einen welthistorischen Bogen, der die Geschichte der großen Ereignisse und Entwicklungen ebenso umspannt wie die Geschichte der politischen Ideen.
Reinhard Mehring: Carl Schmitt. Aufstieg und Fall. Eine Biographie. Verlag C.H. Beck, München 2009. 747 Seiten. ISBN 978-3-406-59224-9. 29,90 EUR
Carl Schmitt gehört neben Martin Heidegger und Max Weber zu den weltweit am meisten gelesenen deutschen Denkern des 20. Jahrhunderts. Während seine radikalen Theorien über Freund und Feind, Legalität und Legitimität, den Begriff des Politischen bis heute das politische Denken stimulieren, ist er selbst durch seinen abgründigen Charakter und seine Rolle als „Kronjurist“ des „Dritten Reiches“ für immer kompromittiert. Der Heidelberger Politikwissenschaftler Reinhard Mehring legt nun, ganz aus den Quellen gearbeitet, die grundlegende Biographie Carl Schmitts vor. Mit geradezu atemberaubender Intensität schildert er das Leben einer Shakespeare‘schen Gestalt im Zentrum der deutschen Katastrophe.
Svenja Goltermann: Die Gesellschaft der Überlebenden. Deutsche Kriegsheimkehrer und ihre Gewalterfahrungen im Zweiten Weltkrieg. Deutsche Verlags-Anstalt, München 2009. 592 Seiten. ISBN: 978-3-421-04375-7. 29,95 EUR.
Die Freiburger Historikern Svenja Goltermann erschließt in einem packenden Buch einen blinden Fleck der deutschen Zeitgeschichte: Sie geht der Frage nach, was die Gewalterfahrungen des Zweiten Weltkriegs für deutsche Soldaten und ihre Familien nach dem Krieg bedeuteten. Ein brisanter Beitrag zur Debatte um das Selbstverständnis der Deutschen und ihre Rolle als Täter und Opfer im Zweiten Weltkrieg. In den letzten Jahren hat sich die zeitgeschichtliche Forschung verstärkt der Frage zugewandt, welche Opfer die Deutschen im Zweiten Weltkrieg hinnehmen mussten.
Svenja Goltermann greift in diesem Zusammenhang ein besonders brisantes und bislang nicht behandeltes Thema auf: die Nachwirkungen der Gewalterfahrungen im Krieg bei den heimkehrenden Soldaten. Durch bislang ungenutztes Quellenmaterial – die Krankenakten psychiatrisch behandelter Soldaten – wird deutlich, wie schwierig es für die Betroffenen und ihre Angehörigen war, wieder in den Alltag zurückzufinden. Svenja Goltermann legt ein wichtiges Buch zur deutschen Zeitgeschichtsschreibung vor, das die Erinnerung an den Krieg und seine Verbrechen in ein neues Licht rückt. Im Jahr 2008 hat sie für dieses Werk den Historikerpreis bekommen.
Eckart Conze: Die Suche nach Sicherheit. Eine Geschichte der Bundesrepublik Deutschland von 1949 bis in die Gegenwart. Siedler Verlag, Berlin 2009. 1072 Seiten. ISBN 978-3-88680-919-6. 39,95 EUR.
Historisch erklärbare, kollektive Erwartungen an ein friedliches, sozial gesichertes Gemeinwesen haben seit 1949 sowohl innen- als auch außenpolitisch die Entwicklung Westdeutschlands entscheidend geprägt. Der in Tübingen habilitierte und nun in Marburg lehrende Historiker Eckart Conze spürt in seiner umfassenden Geschichte der Bundesrepublik Deutschland dem prägenden Konzept von Sicherheit nach und erhellt in einer spannenden Erzählung den Hintergrund gegenwärtiger Reformdiskussionen und Reformblockaden.
Im Kern erzählt das Buch dabei von der Suche der Deutschen nach Sicherheit angesichts ihrer katastrophalen Geschichte in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, aber auch angesichts sozialer, ökonomischer und außenpolitischer Herausforderungen, die sich immer wieder neu stellten. Mittlerweile stehen die grundgesetzlich verankerten Sicherungssysteme in vielen Bereichen einer dringend notwendigen Modernisierung entgegen. Eine reine Erfolgsgeschichte ergibt sich daraus nicht, vielmehr eine differenzierte Bilanz. Conze trägt mit seiner historisch fundierten Analyse entscheidend zum Verständnis derjenigen Probleme und Schwierigkeiten bei, mit denen die Bundesrepublik heute zu kämpfen hat.
Jürgen Osterhammel: Die Verwandlung der Welt. Eine Geschichte des 19. Jahrhunderts. Verlag C. H. Beck, 4. Aufl., München 2009. 1568 Seiten. ISBN 978-3-406-58283-7. 49,90 EUR.
In dieser grandiosen Weltgeschichte des 19. Jahrhunderts erzählt der Konstanzer Historiker Jürgen Osterhammel kundig, schwungvoll und facettenreich die Geschichte einer Welt im Umbruch. Aus einer Fülle an Material und einer Vielzahl unterschiedlicher Blickwinkel entsteht dabei das tiefgründige Porträt einer faszinierenden Epoche. Osterhammel fragt nach Strukturen und Mustern, markiert Zäsuren und Kontinuitäten, Gemeinsamkeiten und Unterschiede. Seine kulturübergreifenden, thematisch aufgefächerten Darstellungen und Analysen verbinden sich dabei zu einem kühnen Geschichtspanorama, das nicht nur traditionelle eurozentrische Ansätze weit hinter sich lässt, sondern auch erheblich mehr bietet als die gängigen historiographischen Paradigmen wie Industrialisierung oder Kolonialismus. Die Herausbildung unterschiedlicher Wissensgesellschaften, das Verhältnis Mensch-Natur oder der Umgang mit Krankheit und Andersartigkeit kommen darin ebenso zur Sprache wie Besonderheiten der Urbanisierung, verschiedene Formen von Bürgerlichkeit oder die Gegensätze von Migration und Sesshaftigkeit, Anpassung und Revolte, Säkularisierung und Religiosität. Zugleich stellt Osterhammel immer wieder Bezüge zur Gegenwart her. Das Buch wurde von der Fachwelt vielfach gepriesen, unter anderem als bestes historisches Werk des ersten Jahrzehnts des 21. Jahrhunderts.








