Theodor Heuss: Randfiguren der Geschichte

Theodor Heuss: Schattenbeschwörung. Randfiguren der Geschichte.

Eingeleitet und herausgegeben von Friedemann Schmoll.

Verlag Klöpfer und Meyer, Tübingen 2009.

222 Seiten, 14,00 Euro.

Mit der lobenswerten „kleinen Landesbibliothek“, die auf insgesamt 25 Bände angelegt ist, setzt der stets um „kritische Heimatkunde“ bemühte Tübinger Verlag Klöpfer und Meyer neue Akzente zu unvergessenen Klassikern und lädt ein zur Wieder- oder gar Neuentdeckung literarischer Schätze aus dem Südwesten. Der deutsche Südwesten ist reich an Autorinnen und Autoren, die man nicht ignorieren kann, sowie literarischen Werken, von denen eine größere Auswahl in der „kleinen Landesbibliothek“ präsentiert wird: Romane, Erzählungen, Gedichte, Essays und Briefe. Zudem sind Überblicksbände vorgesehen, so zur Reiseliteratur, zum Dialekt, zum Selbstverständnis der Badener und Schwaben, zum Thema Dorf und Stadt. 

Die ersten vier Bände der „kleinen Landesbibliothek“ erschienen im Februar 2009: „Die Räuber“ und „Der Verbrecher aus verlorener Ehre“ von Friedrich Schiller, „Kalendergeschichten“ von Johann Peter Hebel, „Erzählungen“ von Hermann Kurz und schließlich „Schattenbeschwörung. Randfiguren der Geschichte“ von Theodor Heuss.

Der vierte Band erinnert an eine Schaffensperiode des Politikers und Publizisten Theodor Heuss als „unfreiwillig freier Journalist“ in „finsteren Zeiten“ – so Friedemann Schmoll in der konzisen und kompetenten Einleitung. Im kollektiven Gedächtnis der Deutschen ist der Name des ersten Präsidenten ein Synonym für Toleranz und liberales Denken. Seine Weisheit, sein ausgleichendes Wesen und seine Menschlichkeit brachten ihm die liebevolle Bezeichnung „Papa Heuss“.

Als Schwabe bekannte er sich zu einer Heimat, zu deren Geschichte und Kultur. Nie verwunden hat Heuss freilich, dass er 1933 als Reichstagsabgeordneter der Deutschen Demokratischen Partei (DDP) – wenngleich widerwillig und nur aus Gründen der Parteiräson – dem Ermächtigungsgesetz zustimmte, das den Weg in die Nazi-Diktatur ebnete. Auch Heuss wurde ein Opfer der Gleichschaltungspolitik. Er verlor zunächst seine Dozentur an der Berliner Hochschule für Politik. Sodann wurde ihm im Juli 1933 sein Reichstagsmandat entzogen. Verbannt von der politischen Bühne blieb Heuss als Überlebensmittel nur noch sein journalistisches und publizistisches Handwerk.

Heuss verlegte sich in diesen Jahren auf historische und kulturelle Themen und veröffentlichte, nachdem die öffentliche Nennung seines Namens von den Nazis untersagt wurde, unter dem Pseudonym „Thomas Brackenheim“ – eine freundliche Hommage an das schwäbische Oberamtsstädtchen, in dem Heuss geboren wurde. Von Politik und öffentlichen Ämtern ausgeschlossen und als Journalist mit einem Schreibverbot belegt, konzentrierte sich Heuss auf das Metier des Biographischen. Aus jener Zeit stammen u. a. die Friedrich Naumann-Biographie und die 1946 erschienene Robert Bosch-Biographie. 

Mit der „Frankfurter Zeitung“ entwickelte sich – nicht zuletzt durch die Fürsprache und Unterstützung durch seinen früheren Studienfreund Wilhelm Hauenstein – ein beständiges Mitarbeiterverhältnis. Heuss schrieb für die Zeitungsbeilage „Bilder und Zeiten“ historische Gedenkaufsätze und biographische Skizzen, in denen er Individuen und deren Lebensläufe mit historischen Zusammenhänge und Strukturen verwob. Heuss rückte in zahlreichen Aufsätzen „manch prominente, oft auch vergessene Figuren aus dem Halbdunkel, leuchtete sie mit wenigen Andeutungen aus und machte über das Individuum hinaus die wichtigen Prozesse in Geschichte und Gesellschaft plausibel“ (Friedemann Schmoll).

In dem 1947 erstmals erschienen und nunmehr neu vorliegenden Band „Schattenbeschwörung. Randfiguren der Geschichte“ geht es mithin um gewiefte Quertreiber, Phantasten, Einzelgänger, Sonderlinge und Charakterköpfe. Die 17 Einzelporträts sind – so Heuss in seinem Vorwort aus dem Jahre 1947 vornehm und zurückhaltend – „Kinder der publizistischen Laune, und sie wollen auch nicht wissenschaftlich genommen und gewertet werden“.

In feinsinniger Manier wird beispielsweise der Lebensweg von Philipp Matthäus Hahn – dem „Pfarrer und Mechanikus“ (S. 48ff.) – als eine „württembergische Sehenswürdigkeit des 18. Jahrhunderts“ geschildert. Hahn erlangte weniger durch seine Theologie und Frömmigkeit Berühmtheit. Vielmehr waren es die von ihm erfundenen und in akribischer handwerklicher Kleinstarbeit erstellten Uhren und Maschinen. Hahn entwickelte „wunderbare Räderwerke mit Sekunden, Minuten, Tagen, Monden, Jahren, mit dem Weg der Planeten, mit der Ordnung der Fixsterne“ (S. 49) und diverse, genau arbeitende und auf Exaktheit bedachte Rechenmaschinen. In der Person von Philipp Matthäus Hahn verbinden sich Pietismus und der Glaube an einen praktischen Rationalismus. 

Weitaus absonderlicher ist die biographische Skizze über das Leben des Hofrats Wolfgang von Kempelen (S. 78ff.) , welcher 1770 den „künstlichen Menschen“ in Form eines Schach spielenden Türken, der auf einen Kastentisch montiert war, an verschiedenen Höfen vorführte und damit „halb Europa und später auch die Neue Welt in eine neugierige Unruhe“ (S. 79) versetzte. Der „mechanische Türke“, der regelkonform spielte und regelwidrige Züge mit einem Kopfschütteln quittierte, mit der „Präzision eines Automaten die Figuren in eckigen Bewegungen auf das richtige Feld brachte, pflegte ziemlich regelmäßig zu siegen“ (a. a. O.). Kempelen erlebte das Ende seines Täuschungsversuchs nicht mehr: Das höfische Vergnügen hat seine banale Erklärung allein in einem, im „Eingeweide“ der Maschine kauernden Mensch. 

Schillernd ist auch das Porträt über den Weber Georg Rapp, der mit seinen philanthropischen Experimenten und dem Versuch, einen christlichen Gemeindekommunismus zu etablieren, in der Frühgeschichte des amerikanischen Sozialismus von sich reden machte. Rapp, der sich im württembergischen Unterland gegen die lockere Kirchenzucht wandte und chiliastische Endzeitbilder predigte, wanderte mit einer Gefolgschaft von etwa 50 Familien nach Amerika aus und gründete die Gemeinde „Harmony“. Dort angekommen wechselte der schwäbische Sektierer ins Lager des Unternehmertums. Der unverdrossene und sprichwörtlich bekannte schwäbische Arbeitseifer manifestierte sich in einer Sägemühle sowie einer Weberei, die – so der Glaube Rapps – der Wirtschaftsverfassung der christlichen Urgemeinde gleichkam. 

Heuss gelang es, in diesen literarischen Schmuckstücken „Anmerkungen der Weltgeschichte“ (S. 130) – wie die Geliebte des Fürsten Metternich Dorothea Lieven – genau so filigran zu schildern, wie auch tragische Lebensläufe – so die „Schicksalsfigur“ (S. 211ff.) des Mehemed Ali (vormals Karl Detroit), welcher als loyaler Diener und Delegierter der Hohen Pforte am Berliner Kongress teilnahm – in das historische Zeitgeschehen einzubetten. Gerade der stete Brückenschlag zwischen Biographie und „großer Geschichte“ macht den Reiz der einzelnen Porträts aus. In den insgesamt 17 Essays, die wahres Lesevergnügen bieten, spiegelt sich das humanistische Verständnis von Bildung, Kultur und letztlich auch Politik wider, dem sich Theodor Heuss stets verpflichtet fühlte. 

Siegfried Frech



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