
Baden-Württemberg: Raum, Grenzen, regionale Kontraste
Prof. Dr. Hans Gebhardt
Baden-Württemberg – im Herzen Europas und im Südwesten Deutschlands gelegen – hat im Laufe der letzten zweihundert Jahre seine Rolle und Bedeutung grundlegend verändert. Aus einer wirtschaftlichen Krisenregion um die Mitte des 19. Jahrhunderts mit mehreren Auswanderungswellen nach Übersee wurde eine prosperierende Zuwanderregion mit Binnenwanderungs- gewinnen innerhalb Deutschlands ebenso wie mit Arbeitsimmigration aus dem europäischen Ausland. Aus einem im Vergleich zu den frühindustrialisierten Gebieten Deutschlands (Sachsen, Ruhrgebiet) zurückgebliebenen Agrar- und Handwerkerland entwickelte sich ein Zentrum des Fahrzeug- und Maschinenbaus, der Elektrotechnik und der unternehmensnahen Dienstleistungen.
Auch innerhalb des Landes selbst änderten sich Lagewerte und Stellung einzelner Räume. Noch im 19. Jahrhundert waren die Anerbengebiete im Nordosten und in Oberschwaben, in denen die Bauernhöfe geschlossen an einen Erben weitergegeben wurden, relativ wohlhabende Landschaften mit einem selbstbewussten Bauerntum. Nach dem Zweiten Weltkrieg hingegen wurden sie zu wirtschaftlichen Peripherregionen mit zurückgebliebener Dynamik. Umgekehrt entwickelten sich früher kaum nutzbare Buntsandstein- und Keuper-Mittelgebirge wie der (nördliche) Schwarzwald, der Odenwald, der Schwäbische Wald oder der Schönbuch zu Ferien- und Wochenenderholungsgebieten für Millionen von Reisenden und Ausflüglern.
Im 20. Jahrhundert hat sich sukzessive auch das Bild, die „geographical imagination“ des Landes, in der Außenwahrnehmung geändert. Aus einem Land, dessen wesentlicher Reichtum einst darin bestand, dass sein Herrscher – in diesem Falle der württembergische Graf Eberhard „mit dem Barte“ – im Schoße jedes seiner Untertanen ruhig schlafen konnte, so Justinus Kerner in seiner Ballade „Der reichste Fürst“ von 1818, wurde eine stolze europäische Wachstumsregion, die einen etwas rüden Werbeslogan – „Wir können alles. Außer Hochdeutsch“ – in die Welt schicken kann, ohne sich als reiner Hochstapler zu entlarven.
All dies macht deutlich, dass die „Geografie“ eines Landes kein statisches, beispielsweise durch die „Landesnatur“ determiniertes Phänomen ist, sondern dass sich sowohl Lagewerte und räumliche Beziehungen wie auch räumliche Images kontinuierlich wandeln. Freilich ist diese Entwicklung „pfadabhängig“, d. h. frühere Entscheidungen und Entwicklungen bestimmen schon in gewissem Maße, was heute und in Zukunft möglich ist.
