Räumliche Kontraste

Prof. Dr. Hans Gebhardt

Baden-Württemberg ist mit einer Fläche von 35.752 km2 und rund 10,7 Millionen Einwohnern nach Fläche und Bevölkerung das drittgrößte Bundesland Deutschlands. Dabei hat das Land, ausgehend vom Stand 1950, eine deutlich positivere Bevölkerungsentwicklung zu verzeichnen als Deutschland insgesamt. Auf einer Fläche von etwa zehn Prozent des Bundesgebiets leben heute knapp 13 Prozent der Bevölkerung, d. h. das Land gehört zu den relativ hoch verdichteten und verstädterten Bundesländern. In knapp achtzig Prozent der Gemeinden hat sich die Bevölkerungszahl im letzten Jahrzehnt erhöht.

Insgesamt ist das Land bei der Bevölkerungszunahme Spitzenreiter unter allen Bundesländern. Allerdings wird auch Baden-Württemberg zunehmend vom demografischen Wandel erfasst. 1970 lag das Durchschnittsalter noch bei 34,9 Jahren, Ende 1997 bereits bei 39,6 Jahren. Im Jahr 2040 werden nur noch etwa zwölf Prozent der Bevölkerung jünger als 15 Jahre alt sein, 29 Prozent aber 65 Jahre oder älter.

Industriestandort Baden-Württemberg

Baden-Württemberg ist noch in stärkerem Maße ein Industrieland als andere Bundesländer. Die Industrie ist aber verhältnismäßig dezentralisiert und keineswegs nur auf den Verdichtungsraum Stuttgart konzentriert. Auch auf der Schwäbischen Alb oder im Raum Tuttlingen produzieren innovative Branchen. Die beschäftigungsstärkste Branche ist der Maschinenbau, gefolgt von Fahrzeugbau, Elektrotechnik und Metallverarbeitung. Doch ist auch hier der Trend zur Tertiärisierung der Wirtschaft unverkennbar. Bereits 1997 hatte der Dienstleistungssektor die Industrie überflügelt. Hinzu kommt, dass in großen Industriebetrieben bis zu dreißig Prozent der Beschäftigten mit Dienstleistungen beschäftigt sind, welche in der Statistik nicht auftauchen.

Zu den Spezifika der alten Realteilungsgebiete gehört eine traditionell höhere Frauenerwerbsquote als in andern Regionen Deutschlands. Der Anteil der 2,21 Millionen erwerbstätigen Frauen an den Beschäftigten insgesamt liegt landesweit bei knapp 45 Prozent (2004). Mit zu den Positiva, allerdings nur im Vergleich zum bundesdeutschen Durchschnitt, gehört bis heute die relativ niedrige Arbeitslosenquote von 6,2 Prozent (2004), allerdings mit deutlichen Unterschieden zwischen Kreisen mit nur fünf Prozent und dem Spitzenreiter Mannheim mit über 13 Prozent.

Generell interessiert den Geografen in diesem Kontext weniger der Landesdurchschnitt als die regionale Vielfalt. Fast alle geografischen Darstellungen Baden-Württembergs betonen die Kleinkammerung und Vielschichtigkeit des Landes, ein Leitmotiv, das bereits Robert Gradmann in seiner bekannten Landeskunde von 1931 vorgegeben hatte: "Der einheitlichste Charakterzug ist vielleicht gerade die Uneinheitlichkeit, die große Mannigfaltigkeit auf engem Raum. Kein anderer Teil des Deutschen Reichs umfasst solche Höhenunterschiede, und damit so reiche Abstufungen des Klimas, der Pflanzenbedeckung und der Bewirtschaftung. (...) Nicht minder bunt sind die Bodenverhältnisse und die großenteils dadurch bedingten Geländeformen. (...) Sanfte Keuperhügel mit schön geschwungenen Umrisslinien, schroff eingesenkte Muschelkalktäler in prächtigen Schlangenwindungen, über und über bewaldete Buntsandsteinhöhen, jähe Granit- und Jurafelsen, von Seen und Mooren durchsetzte Gletscheraufschüttungen und alte Vulkankegel wechseln in bunter Folge."

Vielfalt ist nicht gleich Disparität

Der Kleinräumigkeit und Buntheit steht umgekehrt eine zunehmende Annäherung der Lebens- und Arbeitsmöglichkeiten in verschiedenen Landesteilen gegenüber. Anders als in anderen Bundesländern mit großen regionalen Gegensätzen hat sich in Baden-Württemberg das in den Nachkriegsjahrzehnten noch sehr krasse Standort- und Entwicklungsgefälle zwischen städtisch-verdichteten Räumen und ländlichen Räumen wenigstens ansatzweise nivelliert, will man hier den etwas euphemistischen Aussagen des Landesentwicklungsplans (LEP) 2002 Glauben schenken.

Die Wohn- und Arbeitsplatzattraktivität außerhalb der Verdichtungsräume ist deutlich gestiegen und die Infrastrukturausstattung hat sich verbessert. Im Zuge des demografischen Wandels, d. h. der zunehmenden Überalterung der Bevölkerung, wird sich der Trend weg von den großen Städten wahrscheinlich noch verstärken.

Eine räumliche Ordnung in die Vielfalt des Landes zu bringen, ist nicht ganz einfach, denn sie baut sich sowohl aus naturräumlichen Unterschieden wie verschiedenen historisch-geografischen Entwicklungspfaden auf, aus wirtschaftsgeografischen Gegensätzen zwischen Industrie- und Fremdenverkehrsräumen sowie siedlungsgeografischen Unterschieden zwischen Verdichtungsräumen und ländlichem Raum.



Räumliche Gegensätze als "Leitmotiv" zum Verständnis des Landes Baden-Württemberg

1. Naturräumliche Gegensätze


Stromtäler und weitflächige Ebenen

Rheintal, Donautal, Neckartal, Kraichgau, Gäue

Wald- und Bergländer

Schwarzwald, Odenwald, Schwäbische Alb, Keuperwaldgebiete

Glaziallandschaften

Oberschwaben mit jung- und altglazialen sowie durch eiszeitliche Schotter geprägten Gebieten

2. Historisch-geografische Gegensätze


Altsiedellandvor ungefähr 900 n. Chr. besiedelt; hohe Bevölkerungsdichte, Haufendörfer, zersplitterte Flur; hoher Grad aktueller Zersiedlung: Stromtäler, Gäue, Schwäbische Alb
Jungsiedellandnach ungefähr 900 n. Chr. besiedelt; geringere Bevölkerungsdichte, Einzelhöfe/Weiler/ Planformen; Blockfluren/Streifenfluren, geringere Zersplitterung; weniger hoher Grad aktueller Zersiedlung: Schwarzwald/ Odenwald, Keuperwaldgebiete, südliches Oberschwaben


3. Wirtschaftsgeografische Gegensätze


Industrieräume; Räume hoher Konzentration an Groß- und EinzelhandelMittlerer Neckarraum, Rhein-Neckar-Gebiet; altindustrialisierte Gebiete auf der Schwäbischen Alb und am Hochrhein
Handwerklich/kleingewerblich bestimmte Räume; Fremdenverkehrs- und FreizeitregionenSchwarzwald, Schwäbische Alb, Bodenseegebiet und Oberschwaben

4. Siedlungsgeografische Gegensätze


VerdichtungsräumeGroße Städte und ihnen funktional zugeordnetes Umland: Stuttgart, Mannheim/Heidelberg, Karlsruhe/Pforzheim, Freiburg, Ulm (Neu-Ulm), Lörrach/Weil (Basel), Bodenseeraum als Sonderfall
Ländlicher Raumder „große Rest“, aber hierin:
VerdichtungsbereicheStädte im ländlichen Raum: Schwäbisch Hall/Crailsheim, Aalen/Heidenheim/ Ellwangen, Offenburg/Lahr/Kehl, Villingen-Schwenningen/ Tuttlingen/Rottweil, Albstadt/Balingen/ Hechingen





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