Regionaler Kontext:
Baden-Württemberg in seinen äußeren ...
Baden-Württemberg ist nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges durch den in mehreren Etappen vollzogenen Zusammenschluss der Länder Baden, Württemberg und des ehemals preußischen Hohenzollern gebildet worden. Dabei beträgt die Länge der Grenzen des Bundeslandes 1.495 km, von denen rund ein Drittel auf die Staatsgrenze mit Frankreich und der Schweiz entfällt. Die übrigen Grenzen sind Binnengrenzen gegenüber den benachbarten Bundesländern Bayern (829 km), Hessen (171 km) und Rheinland-Pfalz (93 km).
Die Außengrenzen Baden-Württembergs stammen fast durchweg vom Anfang des 19. Jahrhunderts, als die napoleonische Neuordnung die territoriale Zersplitterung Südwestdeutschlands beendete. Dem Zug der Zeit folgend wurden häufig "natürliche" Grenzen gesucht: Bodensee, Hoch- und Oberrhein oder Iller. Unnatürlich waren diese Grenzen allerdings insofern, als sie häufig Menschen trennten, welche dieselbe Sprache sprachen, dem gleichen regionalen Kulturkreis angehörten und ähnlich wirtschafteten.
Dies gilt für den Nordosten mit seinen fränkischen Gebieten diesseits und jenseits der Grenze und für den Nordwesten, wo bei Mannheim/Ludwigshafen die ehemalige Kurpfalz durchschnitten wird. Auch im bayerischen Regierungsbezirk Schwaben wohnen natürlich Schwaben und im Südwesten greift das alemannische Stammesgebiet in die Nordwestschweiz und das Elsass aus.
Baden-Württemberg als Teil von Süddeutschland
Die Außengrenzen des Landes sind seit dem Zweiten Weltkrieg stabil, aber sie wurden zunehmend durchlässig. Hierzu tragen eine Reihe von Institutionen bei, welche mal mit mehr, mal mit weniger Erfolg grenzüberschreitende Beziehungen moderieren: Planungsgemeinschaften wie Donau-Iller, Rhein-Neckar-Odenwald oder die "Regio TriRhena" als trinationaler Lebens- und Wirtschaftsraum, der Südbaden, die Nordwestschweiz und das Oberelsass umfasst, blicken über das Bundesland bzw. das Staatsgebiet hinaus. Politische Grenzen im südwestdeutschen Raum sind auch keine Kommunikationsgrenzen mehr.
Expansive Zeitungsverlage bemühen sich um die Ausdehnung ihrer Einzugsbereiche. Die Süddeutsche Zeitung aus München wird immer mehr zu einer echten "Süddeutschen", in Baden-Württemberg gibt es kein vergleichbares Pendant. Rundfunkprogramme und Fernsehsender schaffen neue "Medienräume".
Der 1998 aus SDR und SWF fusionierte Südwestrundfunk (SWR) bedient Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz und sendet seine Staumeldungen bis auf die Höhe von Düsseldorf. Bayern 3 oder der Schweizer Sender DRS 3 haben ihr Publikum auch in Baden-Württemberg. Hinzu kommen zunehmend private Hörfunk- und Fernsehprogramme, welche mitunter quer zu Landesgrenzen liegen (Radio Regenbogen, Rhein-Neckar-Fernsehen usw.).
... und inneren Grenzen
Die alten Binnengrenzen des Südweststaats hatten schon aufgrund der Eingriffe der Besatzungsmächte nach dem Zweiten Weltkrieg an Bedeutung verloren. Im Zuge der Gemeinde- und Kreisreform zu Beginn der 1970er-Jahre wurden sie dann nicht einmal mehr durch die Grenzen der Regionen oder Regierungsbezirke nachgezeichnet. Die Region Schwarzwald-Baar-Heuberg umfasst ehemals württembergische wie badische Kreise. Im Alltag sind die Grenzen und territorialen Eigenarten der noch älteren Kleinterritorien aus dem 18. Jahrhundert nur noch bei genauem Hinsehen und Hinhören zu erkennen. Beim Dialektgebrauch wirkten insbesondere die Flüchtlingsströme nach dem Zweiten Weltkrieg nivellierend.
Tradition und Marketing
Allerdings werden ältere kulturräumliche Spezifika zunehmend im Regional- und Stadtmarketing wiederentdeckt und instrumentalisiert. Im Konkurrenzkampf um Investoren besinnen sich Städte und Regionen mitunter geradezu händeringend ihrer historischen und regionalen Besonderheiten und suchen diese entsprechend zu vermarkten. Hierzu gehören besonders städtische Feste, vor allem in den vielen ehemals reichsunmittelbaren Städten des deutschen Südwestens: das Biberacher Schützenfest, das Ravensburger Rutenfest, der Maientag in Göppingen, der an die reichsstädtische Vereidigung des Rats erinnernde Ulmer Schwörmontag, die Schwedenprozession in Überlingen, die Waldshuter Kirchweih und andere.
Aber auch in Kleinstädten und im ländlichen Raum existiert eine große Zahl regionalspezifischer Festtage: "Kalter Markt" in Ellwangen, "Blutritt" in Weingarten, "Schäferläufe" in Markgröningen, Wildberg und Urach, berufsbezogene Feste wie das Siederfest in Schwäbisch Hall oder Feste, die mit den örtlichen Heiligen zu tun haben wie das Fridolinsfest in Säckingen oder das Peter-und-Pauls-Fest in Bretten.
Neue Feste kamen in den letzten Jahrzehnten aus Marketinggründen hinzu: neugeschaffene Faschingsmasken und -umzüge in Gebieten, die früher mit Fasnet nichts am Hut hatten, Weinfeste selbst in Regionen, in denen kaum ein genießbarer Tropfen wächst, dazu die unzähligen City-Feste des Einzelhandels, Beachvolleyball-Aktionen des Stadtmarketing usw. Regionalmarketing macht auch vor der Küche nicht Halt. Ehemalige Armeleuteessen wie Maultaschen, Schupfnudeln, Leberspätzle und Gaisburger Marsch mutieren zu Spezialitäten teurer Lifestyle-Restaurants.
