Deutscher Kontext:

Baden-Württemberg im Geflecht regionaler Disparitäten in Deutschland

Die Nachkriegsentwicklung in Deutschland hat frühere wirtschaftsräumliche Gewichte teilweise umgekehrt. Altindustrialisierte Regionen im Westen (Ruhrgebiet) und Norden (Werftindustrie in den Hafenstandorten) gerieten in die strukturelle Krise, der Süden hingegen holte nicht nur in den wirtschaftlichen Basisdaten immer mehr auf, sondern gehörte auch zu den "Imagegewinnern" des Wandels.

In diesem Kontext wird von einem zunehmenden "Sympathievorsprung" des Südens gesprochen, der sich besonders in Untersuchungen zu regionalen Images in Deutschland niederschlägt. Wohn- und Arbeitsplatzpräferenzen von Führungskräften liegen seit mehreren Jahrzehnten in den Großstädten des Südens, insbesondere in München, aber auch in Städten wie Freiburg oder Heidelberg, während sich "Aversionsnennungen" stärker auf Westdeutschland und den Rhein-Main-Raum konzentrieren.

Seit der Wiedervereinigung 1990 wird in der Öffentlichkeit vor allem ein zunehmender Ost-West-Gegensatz in Deutschland wahrgenommen. Eine hochrangige Expertenkommission unter Leitung des ehemaligen Hamburger Bürgermeisters Klaus von Dohnanyi kam jüngst zu einer sehr ernüchternden Bilanz der Erfolge von über zehn Jahren Infrastrukturausbau, Wirtschaftsförderung und sonstigen Nettotransfers in die Neuen Bundesländer. Dabei verstellt uns dieser vereinfachende "Raumdiskurs" eines "2Raum-Deutschland" den Blick darauf, dass sich regionale Disparitäten differenzierter aufbauen. Nach wie vor sind Unterschiede zwischen Stadt und Land bzw. zwischen regionalen Gebietskategorien größer als die zwischen Nord und Süd, Ost und West.

Perspektiven

Wollen wir schon bei großräumigen Gegensätzen in Deutschland bleiben, so lässt sich aktuell eher ein Südwest-Nordost-Gegensatz erkennen. In der vom Berlin-Institut für Weltbevölkerung und globale Entwicklung erstellten Studie "Deutschland anno 2020" liegen Kreise mit weit überdurchschnittlichen Rankings außer in Bayern (München, Erlangen) vor allem in Baden-Württemberg (Stuttgart und Heilbronn), die fünf Schlusslichter hingegen im Norden (Schiffbau), im Westen (Kohle und Stahl) und im Osten.

Ein ähnliches Bild zeichnet der "Zukunftsatlas 2004" des Basler Prognos-Instituts. Während er bei den "Zukunftsrisiken" ein überwiegendes Ost-West-Gefälle feststellt, bestehen bei den "Zukunftschancen" vor allem Unterschiede zwischen dem Süden und dem "Rest" der Republik. Alle sechs Regionen der "Top-Liga" liegen in Süddeutschland, neben München und seinem Umland die Regionen Darmstadt und Heidelberg. Unter den folgenden dreißig Regionen mit hohen Zukunftschancen befinden sich nur vier nicht in Süddeutschland.

Natürlich sind die Kriterien solcher Rankings – in der Regel werden Faktoren wie Demografie, Arbeitsmarkt, soziale Lage und Wettbewerbsfähigkeit herangezogen – höchst diskussionswürdig, aber letztlich spiegeln solche Studien auch die Erwartungen und Images von Öffentlichkeit und Politik wider; es sind "Raumkonstrukte", mit deren Hilfe wir uns ein Gesamtbild von Räumen und ihrer Gesellschaft zu machen versuchen.

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Der Bürger im Staat: Die Bundesländer

 
Der Bürger im Staat: Die Bundesländer

50 Jahre Bundesrepublik
Heft 1/2 99 PDF (2,5 MB)

 
 
 
 

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