Landeskunde Baden-Württemberg

 

Literatur und Sprache

Wilfried Setzler: Mit Hesse von Ort zu Ort. Lebensstationen des Dichters in Baden-Württemberg. Silberburg Verlag, Tübingen 2012. 216 Seiten. ISBN 978-3-8425-1165-1. EUR 19,90.

In seinem neuen Buch nimmt der Tübinger Wilfried Setzler den Leser mit auf eine literarisch-biografische Reise zu den Lebensstationen Hermann Hesses in Südwestdeutschland. Hermann Hesse (1877–1962) zählt immer noch zu den meistgelesenen Autoren weltweit. Doch er selbst blieb lebenslang der überschaubaren Welt seiner Heimat, seiner geographischen und geistigen Herkunft verbunden und setzte sich in vielen seiner Bücher mit ihr auseinander. Obwohl Hesse weit mehr als die Hälfte seines Lebens – von 1919 bis zu seinem Tod – in Montagnola im Tessin zubrachte, durchziehen die davor in Calw, Basel, Göppingen, Maulbronn, Cannstatt, Tübingen und am Bodensee gewonnenen Erfahrungen sein gesamtes dichterisches Werk. Eine literarisch-biografische Spurensuche durch die »Heimatorte« Hesses ist insofern auch ein spannender Weg, sich aufs Neue der Literatur des Nobelpreisträgers zu nähern.

 

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Irene Ferchl (Hrsg.): Geschichten aus Stuttgart. Verlag Klöpfer und Meyer, Tübingen 2011. 352 Seiten. ISBN 978-3-940086-97-6. EUR 22.-

Stuttgart ist eine Stadt, die polarisiert – seit jeher und bis heute. Die einen preisen die herrliche Lage mit Weinbergen an den Hängen, den Gärten und Parks, andere schimpfen auf das unerträgliche Klima im Kessel; Lob auf die Welt-offenheit wechselt mit Spott über die angebliche Borniertheit oder mangelnde Geselligkeit der Stuttgarter.

Einheimische, Zugezogene und Durchgereiste, Lokalpatrioten und Nestflüchter kommen in dieser Sammlung zu Wort, vor allem sind es Dichter und Schrift¬steller aus den letzten Jahrhunderten bis heute, von denen mehr als meistens an-genommen in und über Stuttgart geschrieben haben.

Gedichte und Prosa, Romanpassagen und Essayistisches geben ein facetten¬reiches Bild dieser Großstadt, die sich – und da sind Schwärmer und Skeptiker ausnahmsweise einer Meinung – mit keiner anderen wirklich vergleichen lässt. Denn ihre Spezialitäten reichen von der besonderen Topographie (mit mehreren hundert »Stäffele«) über die reichhaltige Kulturszene und eine mindestens diskussionswürdige Architekturlandschaft bis hin zu einer unvermuteten Politisierung der Bevölkerung in letzter Zeit.


 

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Hermann Kinder: Berthold Auerbach. »Einst fast eine Weltberühmtheit«. Eine Collage. Verlag Klöpfer und Meyer, Tübingen 2011. 296 Seiten. ISBN 978-3-86351-005-3. EUR 22.-

Berthold Auerbach, eigentlich Moses Baruch Auerbacher, 1812 in Horb-Nordstetten im Schwarzwald geboren und 1882 in Cannes gestorben, wurde wie Goethe, Herder, Hölderlin, Kleist, Jean Paul und Schiller vom »großen« Cotta, also vom »König der Verleger« verlegt und war wohl der international bekannteste deutsche Erzähler des 19. Jahrhunderts. Auerbach propagierte einen neuen europäischen Realismus und verdankte seinen Ruhm insbesondere seinen »Schwarzwälder Dorfgeschichten«, sie wurden gelesen und übersetzt in England, Frankreich, Holland, Schweden, in Polen und in den USA. Tolstoi besuchte ihn, mit Turgenjew war er befreundet – und Mark Twain schaute mit seinem Blick auf Deutschland.

Berthold Auerbachs Briefe an seinen Namensvetter Jakob sind ein einmaliges Zeugnis für die politischen, ideologischen und psychischen Probleme des deutschen 19. Jahrhunderts. Auerbach, der »jüdisch geborene Deutsche«, musste am Ende seines Lebens das Scheitern aller humanistischen Hoffnungen und die Wiederkehr eines unversöhnlichen Antisemitismus miterleben.

In unserer Zeit ist Berhold Auerbach nahezu vergessen. Hermann Kinder, von Auerbach fasziniert, hat die ursprünglich annähernd 900 Seiten füllenden Briefe collagiert, pointiert nacherzählt und mit einem Kommentar ergänzt, der als kleine Einführung ins deutsche 19. Jahrhundert zu lesen ist.


 

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Hermann Bausinger: Seelsorger und Leibsorger. Essays über Hebel, Hauff, Mörike, Vischer, Auerbach und Hansjakob. 2., überarbeitete und erweiterte Neuauflage, Verlag Klöpfer und Meyer, Tübingen 2011. 160 Seiten. ISBN 978-3-940086-95-2. EUR 17,90.-

»Seelsorger und Leibsorger«? Die Kombination beider Begriffe findet sich bei dem badisch-katholischen Pfarrer und Dichter Heinrich Hansjakob. Sie besagt eigentlich etwas Selbstverständliches: Wer sich um die seelische Verfassung der Menschen müht, kann an den materiellen Voraussetzungen und physischen Bedingungen nicht vorbeischauen. Das gilt nicht nur für Geistliche; aber bei ihnen fällt das praktische Wirken stärker auf, weil sie von frommen Gemütern leicht in eine Sphäre gehoben werden, in der Lust und Leid des Leibes wenig verloren haben.

Hermann Bausinger stellt in diesem schönen, sehr gelobten (und jetzt erweiterten) Bändchen sechs Literaten vor, deren Weg auf ein geistliches Amt zuführte, die aber früher oder später (meist früher!) eine andere Richtung einschlugen. Bei Hansjakob wurde das schnell korrigiert, er war fast ein halbes Jahrhundert im kirchlichen Dienst, und Johann Peter Hebel brachte es nach über 30-jähriger Schultätigkeit noch zum evangelischen Prälaten. Für die andern – Hauff, Mörike, Vischer, Auerbach – stand nach ihrem Abschied von der Theologie die Poesie im Zentrum; und doch blieben sie Seelsorger und Leibsorger.

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Thomas Knubben: Hölderlin. Eine Winterreise. Verlag Klöpfer und Meyer, Tübingen 2011. 256 Seiten. ISBN 978-3-86351-012-1. EUR 19,90

Anfang Dezember 1801 machte sich Friedrich Hölderlin von Nürtingen auf nach Bordeaux. Ihn trieb „die Herzens- und die Nahrungsnot“. In Frankreich hoffte er endlich die Existenz aufbauen zu können, die ihm zu Hause versagt geblieben war. Die Winterreise sollte zum Wendepunkt in seinem Leben und Schreiben werden: Das Vorhaben lässt sich gut an. Er wird freundlich empfangen und wohnt „fast zu herrlich“. Doch schon nach wenigen Wochen lässt er sich wieder einen Pass ausstellen und kehrt zurück. Sein Zustand ist trostlos. Die Freunde in Stuttgart erkennen ihn schier nicht wieder. Er ist vollkommen erschöpft und erregt zugleich, „leichenblaß, abgemagert, von hohlem wildem Auge, langem Haar und Bart, und gekleidet wie ein Bettler“. Was bloß war geschehen?

Anfang Dezember 2007 folgt Thomas Knubben der Route Hölderlins. Von Nürtingen aus wandert er über die Alb, über den Schwarzwald, über Straßburg, Lyon, die Auvergne nach Bordeaux. Er unternimmt eine poetische Wanderung. Er will wissen, ob auf diese Weise Neues zu erfahren ist über Hölderlins „fatale Reise“. Und ob es gelingen kann, den in den Dichterolymp Entschwundenen, zu seinen Lebzeiten durchaus politischen Poeten wieder ein Stück weit zurückzuholen in den Erfahrungshorizont der Gegenwart, ihn begreifbar zu machen in seiner alltäglichen poetischen Potenz.

„Erwandert“, entstanden ist so ein Buch, das zwischen der Winterreise Hölderlins und der eigenen Winterwanderung oszilliert, dabei auch die Kulturgeschichte der vielen anderen Winterreisen von Wilhelm Müller und Franz Schubert über Johann Georg Seume bis hin zu Werner Herzog und Richard Long einbezieht und so ein faszinierendes Panorama der Welterfahrung im Gehen schafft.

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Wolfgang Alber/Carlheinz Gräter/Andreas Vogt (Hrsg.): Geschichten aus Hohenlohe und Tauber- franken. Klöpfer & Meyer Verlag, Tübingen 2010. 352 Seiten. ISBN 978-3-940086-84-6. EUR 22.- 

Die Anthologie »Geschichten aus Hohenlohe und Tauberfranken« vereint zwei fränkische Kernlande und führt den Leser auch in den anrainenden Hinteren Odenwald und ins Madonnenländle. In Texten, die vom 13. Jahrhundert bis in unsere Tage reichen, kommt die farbige Fülle der Kulturlandschaft Franken zutage, die politisch nur einmal einmütig gehandelt hat – im Bauernkrieg anno 1525. Als gemeinsamer Nenner geblieben ist die vielfältig schattierte fränkische Mundart. Ansonsten hält das lange Zeit abgeschiedene »Genießerland« viele charakteristische Eigenheiten bereit – und eine überdurchschnittliche Industriedichte im Hohenlohekreis, dem am dünnsten besiedelten Sprengel Baden-Württembergs.

Die Herausgeber zeigen das „Sehnsuchtsland der Städter“ mit seinen Schlössern und Flüssen wie auch seinen Menschen und Geschichten in Erzählungen und Betrachtungen von Autoren wie Hermann Lenz, der in Künzelsau seine Kindheit verbrachte, Erich Maria Remarque, der in Rothenburg ein Stück Heimat fand und Gottlob Haag, der als Erneuerer der fränkischen Mundartlyrik gilt. Der Kurgast von Ulrich Rüdenauer erzählt von einem sehr kurzen Aufenthalt Max Frischs in Bad Mergentheim. Auch Beiträge von Rezzo Schlauch, dem Pfarrersohn aus Bächlingen, und Joschka Fischer, Metzgersohn aus Langenbronn, finden sich in der Sammlung, ebenso der Sozialphilosoph Adorno, Minnesänger Albrecht Pilgrim Buchheim, der Theologe Albrecht Goes, Sozialdemokrat Erhard Eppler, Literaten wie Eduard Mörike und Ludwig Uhland. Auch kritische Momente fanden Aufnahme, etwa in den Beiträgen des jüdischen Emigranten Bruno Stern.  

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Daniela M. Ziegler: Wie ma halt so redd! Kurpälzisches Wörterbuch für Einheimische und Zugereiste. G. Braun Verlag, Karlsruhe 2010. 111 Seiten. ISBN 978-3-7650-8551. EUR 10,90.

Wandlungsfähig, klangvoll und originell: So präsentiert sich das volltönende Kurpfälzisch. »Gebb net so doddelisch die Hånd, lang rischdisch hi, dass die Leit disch net fer verdrickt halde!«, hieß es mal als Erziehungsmaxime, denn für die Kurpfälzer gibt es fast nichts Schlimmeres als »verdrickte Leit«! Und lieber ein offenes Wort als »Schmuus«! Daher nimmt man beim »Schenne« und »Zammeheeße« kein Blatt vor den Mund; auch wenn zarte Gefühle sprechen, gibt man sich gerne spröde, fast grob, sprich: »olwer«.

Wie soll sich da ein Zugereister mit dem Kurpfälzer auskennen? Es braucht seine Zeit, zugegeben; wer jedoch mit Geduld und Einfühlung die feinen Nuancen zwischen Ablehnung und Zuneigung zu verstehen beginnt, findet in der Kurpfalz die besten Freunde. »Alder Huudsimbl, bisch aa doo? Geh her, hock disch hi unn hald dei Gosch!«, kann dann eine der tiefstempfundenen Freundschaftserklärungen sein, die ein waschechter Kurpfälzer so von sich gibt.

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Thomas Vogel und Heike Frank-Ostarhild (Hrsg.): Neckargeschichten. Verlag Klöpfer & Meyer, Tübingen 2010. 352 Seiten. ISBN 978-3-940086-46-4. EUR 22.-

„Der Neckar“ ist ein Gedicht. Sicher eines der schönsten, das die deutsche Sprache kennt. Und er ist ein Fluss, als Herzader Baden-Württembergs fließt er durch das Erleben und Empfinden der Menschen, prägt ihren Charakter, setzt Grenzen, öffnet Horizonte, beeinflusst (sic!) Lebensweisen, schreckt mit seinem Hochwasser, und lockt mit seiner Strömung, sich ihm anzuschließen.

In einem Boot oder auf einem Floß, auf schwer beladenen Lastkähnen oder auf einem Fahrgastmotorschiff gleiten wir flussabwärts, vorbei an Idyllen und Industrieanlagen, an Klöstern und Kernkraftwerken, vorbei an Barock-, Renaissance- und Rokokoschlössern. Und fast überall erzählt uns dieser »Fluss der Dichter« seine Geschichten, mal in Versen, mal prosaisch, mal episch breit, mal nur in wenigen Zeilen.

Zahlreichen Autoren ist der Fluss zum Assoziationsraum geworden, den sie mal in Versen, mal prosaisch, mal episch breit, mal in nur wenigen Zeilen erkunden. Diese Annäherungen sind in dem Band versammelt. Er zeigt auf vielfältige Weise, welche Bedeutung der Neckar für die Region und die Menschen, für ihr Empfinden und Erleben hat.

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Manfred Bosch (Hrsg.): Oberrheingeschichten. Verlag Klöpfer & Meyer, Tübingen 2010. 384 Seiten. ISBN 978-3-940086-47-1. EUR 22.-

Mit Erasmus von Rotterdam wurde der Oberrhein zur Wiege des deutschen Humanismus, hier schrieb Wickram seine Schwänke, Grimmelshausen seinen „Simplicissimus“, Pfeffel seine Fabeln. In Straßburg begründeten Goethe, Herder und Lenz den Sturm und Drang. Johann Peter Hebels Dichtung, in der das Alemannische klassisch wurde, verklammerte Baden,
das Elsass und die deutschsprachige Schweiz. Romanciers wie René Schickele, Annette Kolb und Otto Flake haben hier ihre Hoffnungen auf Europa formuliert – von hier bis in die unmittelbare Gegenwart der Bogen der Moderne.

In den Kapiteln „Landschaften, Städte“, „Lebenswelten“, „Auf Durchreise“, „Querelles alemanniques“ und „Identität und Wandel“
werden Querschnitte durch fünf Jahrhunderte gelegt, in denen die Geistes- und Literaturlandschaft zwischen Basel und Karlsruhe in Romanauszügen und Erzählungen, Essays und Gedichten plastisch wird: als fruchtbare Literaturlandschaft und als ehemalige »Katastrophenzone Europas«, als Landschaft des Protestes (Whyl!) und als europäische Modellregion.

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Reingeschmeckt. Essen und Trinken in Baden und Württemberg – ein Lesebuch. Hrsg. v. Friedemann Schmoll. Eine kleine Landesbibliothek Bd. 11. Verlag Klöpfer & Meyer, Tübingen 2010. 286 Seiten. ISBN 978-3-940086-60-0. EUR 14.-

Wenn Menschen essen und trinken, dann geht es nicht nur um Magensäfte und biologische Lebenserhaltung. Ernährung ist immer auch eine Aneignung der Welt, in der Moral, Kultur, Schönheit und die Beziehungen zu Mitmenschen „mitgegessen“ werden. Für die Anthologie wurde südwestdeutsche Literatur nach – mal bekömmlichen, mal schwerer verdaulichen – kulinarischen Texten durchforstet. Serviert werden Geschmackserinnerungen aus der Kindheit, deftige Geschichten aus der regionalen Küche und hiesigen Wirtshäusern, Skizzen zum deutschen Durst sowie Habhaftes vom Speisezettel der bäuerlichen Alltagsküche.

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Helmut Binder: Ein schwäbisches Wörterbuch. Abdackla bis Zwetschgaxälz. Konrad Theiss Verlag, Stuttgart 2009. 144 Seiten. ISBN 978 3 8062 1808 4. EUR 12

Im Zeitalter der Globalisierung ist das Hochdeutsche auf dem Vormarsch und der weit propagierte Spruch: „Wir können alles, außer Hochdeutsch!“ längst keine Selbstverständlichkeit mehr. Höchste Zeit also, so fand der Überzeugungsschwabe Helmut Binder, den aktuellen Wortschatz des Schwäbischen festzuhalten und ein Wörterbuch für Schwaben und „Reigschmeckte“ zu schreiben.

Viel Wissenswertes hat der Autor in seinem „Duden“ zusammengetragen. Kenntnisreich, aber stets mit einem schwäbischen Augenzwinkern erläutert er Bedeutung und Gebrauch schwäbischer Wörter und Redewendungen. Er erklärt, was a „Onaitigle“ oder a „Bubbaberle“ ist und zeigt auf, warum „Brezga“ und „Brestling“ keine gewöhnlichen Nahrungsmittel sind. „Reigschmeckte“ wissen nach der Lektüre bestimmt, warum a „Gschäft“ noch lange „koi Arbet“ ist und warum sich der Schwabe freut, wenn die „Bagage“ es „aestimiera tät“.

Fast em „Anegang“ vermittelt der Band unterhaltsam und kurzweilig Grundlagen über Geschichte, Aussprache und grammatische Besonderheiten des Schwäbischen. Eingestreute Anekdoten über charakteristische Irrungen und Wirrungen mit und um den Dialekt regen dabei immer wieder „a bissle“ zum Schmunzeln an.

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