Die Kurpfalz
Dr. Reinhold Weber
Unter den südwestdeutschen Territorien nimmt die Kurpfalz eine besondere
Stellung ein. Aufgrund der dynastischen Verfl echtungen – erst mit den Staufern,
dann mit den Wittelsbachern – wurde hier immer auch Reichspolitik gemacht.
Der Pfalzgraf war der einzige Kurfürst im Gebiet des heutigen Baden-Württemberg, der an der Königswahl beteiligt war. Mit Ruprecht I. stellte die Kurpfalz im Jahr 1400 den deutschen König. Seit Beginn des 13. Jahrhunderts war die rheinische Pfalzgrafschaft mit Bayern vereinigt. Mitte des 14. Jahrhunderts erfolgte die Trennung zwischen Oberbayern und Niederbayern einerseits sowie der Pfalz mit der Oberpfalz andererseits. Die kaiserliche Goldene Bulle (1356) schrieb schließlich die Unteilbarkeit der Kernlande fest, die seither Kurpfalz genannt werden.
Durch eine kluge Politik und eine effiziente Verwaltung konnte das wenig geschlossene Territorium der Kurpfalz zusammengehalten und vermehrt werden. So griff die Kurpfalz am Ende des Alten Reiches weit über den Rhein nach Westen (Kaiserslautern, Zweibrücken, Bacharach) und nach Osten (Mosbach, Boxberg) aus. Südlich reichte sie über Germersheim den Rhein entlang und in das Kraichgau hinein. Über ihr gesamtes Bestehen hinweg bildete die Kurpfalz immer die Klammer zwischen dem südwest- deutschen und dem mittelrheinischen Raum. In Heidelberg und seiner 1386 gegründeten Universität lag das politische und auch geistige Zentrum der Kurpfalz.
In der Neuzeit erlebte die Kurpfalz den Frontenwechsel zwischen allen drei großen Konfessionen und damit auch die Verwicklung in dramatisches Kriegsgeschehen. Der Einführung der Reformation (1556) folgte der Calvinismus. Im Jahr 1607 wurde, auch als Zufl uchtsstätte für die calvinistischen Glaubensbrüder, die Stadt Mannheim gegründet. Im Pfälzischen Erbfolgekrieg zwischen Frankreich und der katholischen Linie Pfalz-Neuburg kam es zur Sprengung des Heidelberger Schlosses (1693) und zur fast vollständigen Zerstörung der kurpfälzischen Städte und Dörfer durch französische Truppen. Der Übergang der Herrschaft an eine katholische Linie der Wittelsbacher konnte zwar nichts an der Konfession der Bevölkerung ändern, führte aber zu massiven Spannungen. Dem Ausbau des Schwetzinger Schlosses im barocken Stil folgte 1720 die Verlegung der Residenz von Heidelberg nach Mannheim. Unter Kurfürst Karl Theodor (1742–1799) erlebte die Kurpfalz eine letzte Blüte in Wirtschaft und Kultur, bevor mit der Residenzverlagerung nach München (1778) im Zuge der Übernahme des bayerischen Erbes ihr Bedeutungsverlust einsetzte. Um 1800 verlor die Kurpfalz ihre Eigenstaatlichkeit und wurde aufgeteilt.

