Vorderösterreich
Dr. Reinhold Weber
Im späten 18. Jahrhundert hatte das Haus Habsburg einen eindrucksvollen Besitz im Südwesten, der aus ihrem ursprünglichen Hausgut in der Schweiz und im Elsass hervorgegangen war. Seit dem 15. Jahrhundert war dafür der Name „vordere Lande“ – vor dem Arlberg – geläufi geworden, später die Bezeichnung Vorderösterreich. Am Ende des Alten Reiches reichte die österreichische Sekundogenitur mit geografischen Schwerpunkten am Oberrhein und im Schwarzwald von der Hauptstadt Freiburg und die Waldstädte am Hochrhein über die fünf Donaustädte Mengen, Riedlingen, Munderkingen, Saulgau und Ehingen bis zur Grafschaft Hohenberg mit Rottenburg und damit bis an die Tore des württembergischen Tübingens. Teile des Allgäus kamen hinzu.
Obwohl die vorderösterreichische Ländermasse eines der größten Territorien im Südwesten war, erinnert heute nur wenig an die Herrschaft der Habsburger in diesem Raum. Monumentale Zeugnisse in Form von Burgen und Residenzen sind kaum zu finden. Auch den meisten der rund vierzig südwestdeutschen Städte, die im 18. Jahrhundert habsburgisch waren, ist dies nur bei genauer Betrachtung anzusehen – am ehesten wohl noch Freiburg mit dem Haus des Ritterstandes am Marktplatz oder Ehingen mit dem dortigen Haus der schwäbisch-österreichischen Landstände. Bisweilen trifft man noch auf Wandgemälde und Wappen an historischen Gebäuden wie in Waldsee, Horb oder Rottenburg.
Die Geschichte dieser österreichischen Erblande ist weitgehend frei von konfessionell bedingten Konflikten, denn durch den Einfluss des Hauses Habsburg konnte die Bevölkerung geschlossen beim „alten Glauben“ gehalten werden. Sie ist auch frei von glanzvoller höfischer Kultur, denn die Residenzen waren immer fern – erst die erzherzogliche in Innsbruck, später der noch fernere kaiserliche Hof in Wien. Zwar erschien vielen Zeitgenossen „SchwäbischÖsterreich“ aufgrund der Vermischung mit zahlreichen anderen Territorien als „zusammengeklaubt“, aber die Vorderösterreicher nahmen sich dennoch als Land von beachtenswertem Rang wahr, auch wenn man weitab vom „wahren Österreich“ war und sich bisweilen als „Schwanzfeder des Kaiseradlers“ fühlte. Zwar war es von Wien bis Freiburg, der Hauptstadt Vorderösterreichs, die mit ihrer Universität auch ein geistiges und kulturelles Zentrum war, weit. Auch wirtschaftlich war man nicht so potent wie andere Teile der habsburgischen Erblande, doch wusste man auch um seine geopolitisch wichtige Lage als „Vorposten der Monarchie“.
