Landeskunde Baden-Württemberg

 

War der badische Erzbischof ein "brauner Conrad"?

Neuester Band der Reihe „Täter, Helfer, Trittbrettfahrer“ entfacht historische Debatten um den Freiburger Erzbischof Conrad Gröber, der förderndes Mitglied der SS war

Erzbischof Gröber im Juni 1934 - vor dem Freiburger Münster, Erzbischöfliches Archiv Freiburg

Stefan Jehle

Die Buchreihe „Täter, Helfer, Trittbrettfahrer“ beleuchtet mit Band 6 den südbadischen Raum.

Er war Sohn eines Schreinermeisters und erhielt bereits mit 26 Jahren einen Doktortitel der Päpstlichen Universität Gregoriana in Rom: doch heute sind es meist Diskussionen zu seiner Rolle in der Zeit des Nationalsozialismus, die  über den früheren Freiburger Erzbischof Conrad Gröber immer wieder aufflammen. Seit dem Erscheinen des Band 6 der Reihe "Täter, Helfer, Trittbrettfahrer" hat seine Person neue historische Debatten entfacht.

Der neue Band der Reihe, der jetzt erstmals den  südbadischen Landesteil in den Fokus nimmt, porträtiert auf 422 Seiten insgesamt 25 Menschen: darunter auch den einstigen Daimler-Manager Hanns-Martin Schleyer, der in Offenburg geboren wurde - und den aus dem südbadischen Waldkirch stammenden und maßgeblich an Massenerschießungen in Litauen beteiligten SS-Standartenführer Karl Jäger.

Besagter Karl Jäger beging Morde, die - so schreibt Herausgeber Wolfgang Proske - "das menschliche Vorstellungsvermögen übersteigen". In der zweiten Hälfte des Jahres 1941 wurde unter seiner Leitung Litauen "judenfrei" gemacht. Und doch sei er "ein ganz normaler", auf einigen Feldern sogar "überdurchschnittlich begabter Mensch" gewesen. Als Biograf des Täters Karl Jäger erörtert der Historiker Wolfram Wette auf rund 20 Buchseiten die Lebensgeschichte und die Mordtaten von Jäger. Erst jüngst zum Ende des Jahres 2016 hatte Wette mit dazu beigetragen, dass in Jägers Heimatort Waldkirch, der 20.000 Einwohnerstadt wenige Kilometer nördlich von Freiburg, ein Mahnmal für die Schandtaten Jägers aufgestellt wurde. Dabei  mussten auch vor Ort - mehr als 70 Jahre nach dem Krieg - noch zahlreiche bestehende Widerstände beseitigt werden.

Mahnmal Waldkirch, links OB Roman Götzmann, rechts Initiator Wolfram Wette, Foto Stadt Waldkirch

Karl Jäger beging nach der Festnahme 1959 Selbstmord

Die Massenerschießungen in Litauen begannen nach dem Überfall auf die Sowjetunion am 22.Juni 1941. Bis Ende 1941 waren nach Jägers eigener "Rechnung" 137.346 jüdische Männer, Frauen und Kinder ermordet worden, der mordlüstige SS-Offizier war Führer des EK 3 - genannt auch "Einsatzkommando 3". Autor Wette, der bis 2005 Neueste Geschichte an der Uni Freiburg lehrte, beschreibt Jäger als einen "Exzesstäter", der Lust am Töten hatte oder den "das Miterleben der Massenexekutionen faszinierte".

Karl Jäger war nach dem Krieg untergetaucht, und führte - obwohl von amerikanischen Fahndungsbehörden 1948 zur Festnahme wegen Mordes ausgeschrieben - viele Jahre lang in der Nähe von Heidelberg ein ruhiges Leben als Landarbeiter. Erst ein Haftbefehl führte zu dessen Festnahme am 10.April 1959 - am 22.Juni 1959 nahm sich der inzwischen 70-jährige Karl Jäger in seiner Gefängniszelle in Ludwigsburg das Leben, ohne dass er je zur Rechenschaft gezogen worden wäre. Geboren worden war Jäger 1888 im schweizerischen Schaffhausen.

Karl Jäger, Erschiessungsstaette Hoelle IX Fort Kaunas, Quelle Proske

Der einstige Freiburger Erzbischof Conrad Gröber war im Vergleich dazu kein Mörder, aber doch auch Helfershelfer - und in der Diktion der Buchreihe "ein Trittbrettfahrer", der auf seine Weise die Ideologie des Nationalsozialismus unterstützte und beförderte.  Unmittelbar nach der Machtergreifung sagte Gröber 1933, die Katholiken dürften "den neuen Staat nicht ablehnen, sondern müssen ihn bejahen". Neu entdeckte Quellen um den "Braunen Conrad", wie er im Volksmund genannt wurde, führten im Frühjahr des Jahres 2017 auch an seinem Geburtsort Meßkirch (Kreis Sigmaringen) zu anhaltenden emotionalen Diskussionen.

Erzbischof war ab März 1934 SS-Fördermitglied

SS-Mitgliedsbuch von Erzbischof Conrad Gröber vom 6.3.1934, Quelle Erzbischöfliches Archiv Freiburg

Am Leben und Wirken des Theologen scheiden sich bis heute die Geister. Aus seiner "deutschnational" geprägten Gesinnung hatte der langjährige Stadtpfarrer von Konstanz selbst nie einen großen Hehl gemacht. Gröber wirkte als Erzbischof aktiv am Zustandekommen des Konkordats des deutschen Reiches mit der römischen Kurie mit, das kurz nach Machtergreifung der Nazis im Juli 1933 unterzeichnet wurde. Seine öffentliche Unterstützung der NS-Regierung und seine zeitweilige Fördermitgliedschaft im Freundeskreis der SS sind auch Anlass für den neuesten zeitgeschichtlichen Schlagabtausch, den Buchherausgeber Wolfgang Proske, der selbst als Biograf Gröbers auftritt, dabei ausgelöst hat. 

In seiner Geburtsstadt Meßkirch wurde Gröber bereits im Jahr seiner Bischofsweihe, 1932 also, zum Ehrenbürger ernannt. Erst jetzt wurde erstmals die Mitgliedschaft von Gröber als SS-Fördermitglied öffentlich dokumentiert. Das Mitgliedsbuch, das Gröbers Beitritt für den 6. März 1934 festhält, sei 2008 im erzbischöflichen Archiv Freiburg wiederentdeckt worden, bestätigte eine Sprecherin des Ordinariats. Autor Proske thematisiert zudem die Denunziation einer jüdischen Jurastudentin aus Konstanz 1936 bei Gauleiter Robert Wagner - mit dieser habe Gröber als Stadtpfarrer angeblich "eine Liaison" gehabt. Das nutzten die Nazis gegen Gröber in erpresserischer Weise, und wurde auch im Hetzblatt "Stürmer" thematisiert. Das Erzbistum ermöglichte dabei auch Zugang zu den Archiven: mit ausdrückliche Billigung des heutigen Erzbischofs. 

Sichtbar im Stadtbild: Bronzebüste des einstigen Erzbischofs

"Nichts unter den Teppich zu kehren", das ist laut eigener Aussage auch das Anliegen des Meßkircher Bürgermeisters. Das war nicht immer so. Zwei Biographien zu Gröber, eine davon veröffentlicht 1982, verfasst von einem katholischen Geistlichen, hatten wesentliche Aspekte des Lebenslaufs verschwiegen. Dabei war wohl schon damals einiges bekannt. Der Leiter des örtlichen Museumsvereins in Meßkirch warf dem Buchautor im März "fehlende Differenzierung in der Gröber-Debatte" vor. Offenbar wurde ein Nerv getroffen: an der Meßkircher St. Martinkirche befindet sich an der Außenmauer bis heute eine Bronzebüste des einstigen Erzbischofs. Auch ein ehemaliges Firmkind  des Erzbischofs, ein heute 87-Jähriger, verteidigte den damaligen Bistumshirten.

Die Stadt Meßkirch will jetzt, nach einem äußerst knappen Votum des Gemeinderats, eine Fachtagung abhalten zu dem umstrittenen Erzbischof. Allerdings erst zu Beginn des Jahres 2018. An den Straßennamen "Conrad-Gröber-Straße" nahe dem Meßkircher Schloss, soll auch "umgehend" ein Zusatzschild mit Erläuterungen angebracht werden. Der örtliche Caritasverband will zudem den Neubau eines Altenpflegeheims nun nicht mehr, wie geplant, Conrad-Gröber-Heim nennen.

Bronze-Büste Conrad Gröber, Kirchplatz, fünf Meter gegenüber Außenwand Stadtpfarrkirche St. Martin, Meßkirch
Tafel am einstigen Wohnhaus Martin Heideggers am Kirchplatz in Meßkirch

Das Freiburger "Dreigestirn": Kerber - Heidegger - Gröber

Zuletzt wurde auch in Freiburg wieder über Gröber debattiert. Nach einem Gutachten wurde jedoch von einer Umbenennung eines kleinen Gässchens hinter dem Freiburger Münster abgesehen. Bis heute wird Gröber auch in Freiburg als Ehrenbürger geführt, im Oktober 1947 verliehen von der Stadt "in Anerkennung als Mahner und Tröster in schwerster Zeit". Heute wirkt dieser Satz fast unwirklich. Auch in Konstanz steht Gröber bis heute in der Liste der Ehrenbürger, der Leiter der städtischen Museen hatte jüngst in einem Interview heftig bestritten "dass so jemand Vorbild sein kann".

Das jedoch sei unstrittig Voraussetzung für eine Ehrenbürgerschaft.  Der Münchner Kardinal Michael Faulhaber nannte den Freiburger Amtsbruder Conrad Gröber einst "feuergeistig". Zusammen mit dem ebenfalls in Meßkirch geborenen Unirektor Martin Heidegger und Freiburgs Bürgermeister Franz Kerber gehörte Gröber zu Beginn der Diktatur im Jahr 1933 zu einem "Dreigestirn" der wichtigsten Amtsträger, die den Nationalsozialismus beförderten. Der Weltanschauung blieb er treu bis 1945. 

Gröber betete im Münster bis zuletzt für den Endsieg

Noch am Karfreitag 1941 hielt Gröber eine Predigt, dessen Wortwahl stark geprägt war von antisemitischen Vokabular der Nazis: die Juden entpuppten sich in seinen Augen "immer mehr als Christi Erz- und Todfeinde", sagte er im Freiburger Münster. Gröber betete im Gottesdienst, so ist überliefert, bis zuletzt für den Endsieg der Wehrmacht an allen Fronten. Selbst nach dem Krieg war er offenbar unfähig, ehemalige KZ-Häftlinge unter den Priestern des Erzbistums angemessen zu rehabilitieren. 

Eine Gruppe derer verwahrte sich stattdessen gegen Gröbers Vorwürfe noch nach dem Krieg mit einer Resolution im offenen Widerspruch. "Wir können uns des Eindrucks nicht erwehren, als ob ein Priester der Kirchenbehörde umso lieber war, je weniger er mit der Geheimen Staatspolizei in Konflikt kam", zitiert der Historiker Proske aus einem entsprechenden Dokument. Viele Fragezeichen bleiben auch zu dem Verhalten Gröbers im Falle der Verurteilung und Ermordung des Schopfheimer Pfarrers Max Josef Metzger durch den "Volksgerichtshof". Nach dem Krieg habe sich Gröber laut dem Buchbeitrag für seine Rolle im Naziregime im "Konradsblatt"", der Kirchenzeitung des Bistums "selbst Absolution erteilt". 

Auch der - ebenfalls in Meßkirch geborene - einstige Freiburger Unirektor Martin Heidegger, der als Philosoph und Anhänger der Nationalsozialisten zusehends ins Kreuzfeuer kommt, sollte ursprünglich in Band 6 der Buchreihe "Täter, Helfer, Trittbrettfahrer" behandelt werden - die Publikation zu Heidegger soll in Band 9 folgen.

Hanns-Martin Schleyer: "Kontinuum von NS-Zeit und Nachkriegsdeutschland"

Hanns Martin Schleyer, Bundesarchiv ca.1937, Quelle Proske

Neue Facetten bringt auch der, mit rund 11 Seiten allerdings eher knapp gehaltene, Beitrag zum ehemaligen Arbeitgeberpräsident Hanns-Martin Schleyer. Der ehemalige Daimler-Manager ist nach seiner Ermordung durch Mitglieder der "Roten Armee Fraktion" (RAF) einer großen Zahl von Deutschen wohl eher unbekannt. Doch vergessen scheint, so wird in der Buchreihe nun beschrieben, wie er sich in jungen Jahren als "alter Nationalsozialist und SS-Führer" betätigte und dabei offenbar zielgerichtet seine spätere Karriere vorbereitete. Der in Offenburg geborene Schleyer trat bereits 1931, mit 16 Jahren, der Hitlerjugend bei, und war ab 1937 NSDAP-Mitglied. Ab 1937 leitete er zuerst das Studentenwerk der Universität Heidelberg, später der Uni Innsbruck - und ab 1941 der ältesten deutschsprachigen Universität in Prag. Ab 1951 arbeitete Schleyer bei Daimler-Benz, und wurde 1970 CDU-Mitglied.

Der einstige NS-Studentenführer war bereits 1933 auch in die SS eingetreten. Ab August 1938 war Schleyer Oberscharführer im Rasse- und Siedlungshauptamt der SS, und Angehöriger des Sicherheitsdienstes SD. Der Umzug nach Prag 1941 brachte ihn ins Zentrum des NS-Geschehens. November 1941 wurde er in den Offiziersrang eines SS-Untersturmführers befördert und wechselte zum Zentralverband der Industrie für Böhmen und Mähren, und amtierte zuletzt als Leiter des Präsidialbüros. Das war, wenn man so will, eine passende Lehrzeit für die spätere Tätigkeit als Präsident des Bundesverbands der Arbeitgeberverbände in den Jahren 1973-1977.

 Autor Alex J. Kay sieht Hanns-Martin Schleyer als Paradebeispiel für ein "Kontinuum der Karriere von NS-Zeit und Nachkriegsdeutschland". Von dieser besonderen Art der Verdrängung zeuge beispielhaft der von der Hanns-Martin Schleyer-Stiftung seit 1984 für hervorragende Verdienste um die Festigung und Förderung der Grundlagen eines freiheitlichen Gemeinwesens jährlich verliehene "Hanns-Martin Schleyer-Preis". Auch die größte Mehrzweckhalle, die 1983 eröffnete Hanns-Martin Schleyer Halle in Stuttgart trägt weiterhin den Namen eines ehemaligen SS-Mannes, der zumindest als NS-Studentenvertreter daran beteiligt gewesen zu scheint Lehrkörper und Studentenschaft der Universität Innsbruck "judenfrei" gemacht zu haben.

Einstiger NS-Bürgermeister wurde 1965 NPD-Vorsitzender

Band 6 behandelt darüber hinaus gleich mehrere einstige Rathauschefs: mit Reinhard Boos den NS-Bürgermeister von Lörrach (in der Zeit 1933-1945), den NS-Bürgermeister von Tiengen (heute Stadtteil von Waldshut-Tiengen), Wilhelm Gutmann, der es 1965 zum Landesvorsitzenden der NPD Baden-Württemberg brachte, und dabei zeitweilig auch im Landtag saß - sowie den NS-Bürgermeister von Freiburg, Franz Kerber, der in seiner Amtszeit eng kooperierte mit den NS-Gesinnungsgenossen im Kirchenamt und an der Universität: Erzbischof Conrad Gröber und Uni-Rektor Martin Heidegger. 

Info zum Buch

Täter, Helfer, Trittbrettfahrer

Band 6 der Buchreihe "Täter, Helfer, Trittbrettfahrer: NS-Belastete in Südbaden" (Kugelberg Verlag) erschien im März 2017. Der 422 Seiten starke Band porträtiert 25 Menschen, die in der NS-Zeit Täter, Helfershelfer oder Trittbrettfahrer waren. Oftmals handelt es sich um "NS-Belastete" aus der zweiten oder dritten Reihe.                                                                                     

Link zum Buchinhalt  

Verzeichnis der Beiträge

 

Das Projekt

 

Das Projekt "Täter Helfer Trittbrettfahrer" will über Persönlichkeiten aus dem "Dritten Reich" den Nationalsozialismus mit biografischem Ansatz erforschen und in einer lesbaren Form der Öffentlichkeit präsentieren. Die Lebensgeschichte solcher Personen soll in einer regional orientierten Geschichtschreibung verdichtet werden. Das Projekt entstand als private Initiative ab 2008 in Ostwürttemberg.


Gegenwärtig sind knapp 50 Autorinnen und Autoren aus unterschiedlichen beruflichen Zusammenhängen und Interessengebieten ehrenamtlich mit NS-Belasteten aus den Regionen befasst.


Herausgeber der Reihe ist Dr. Wolfgang Proske, Diplom-Sozialwissenschaftler und Lehrer für Geschichte und Bildende Kunst am Rosenstein-Gymnasium Heubach sowie am Abendgymnasium Ostwürttemberg.

 
 
 
 
 

 

Die Homepage der Reihe finden Sie unter
www.ns-belastete.de

 
 
 
 
 

 

Die Homepage der Reihe finden Sie unter
www.ns-belastete.de

 
 
 
 
 

Diskussion

 

Viele NS-Belastete kamen nach dem Krieg oft schnell wieder in herausragende Funktion: die jetzt vorgelegten Biographien sorgten mit Veröffentlichung in mehreren Fällen für intensive Diskussionen vor Ort. Etwa im vergangenen Jahr um den Allgäuer Agrarlobbyisten und Bierbrauer Oskar Farny, der während zwölf Jahren NS-Zeit Mitglied der NSDAP-Fraktion im Reichstag blieb, und 1958 beinahe Ministerpräsident von Baden-Württemberg geworden wäre. 2012 gab es Streit um Verstrickungen des langjährigen Ulmer Nachkriegs-OB Theodor Pfizer. In Folgebänden sollen unter anderem die Rolle von Bundeskanzler Kurt-Georg Kiesinger und des Freiburger Erzbischofs Konrad Gröber in der Nazi-Zeit beleuchtet werden. Auch der umstrittene Philosoph Martin Heidegger steht auf der Liste der zu Porträtierenden.