Landeskunde Baden-Württemberg

 

Der Freiherr von Drais

Ein Mannheimer? Oder doch eher ein Karlsruher?

Karl Drais, Bildnis um 1820

Karl Drais - spät gewürdigter Erfinder des Fahrrads

Carl Drais, Beiertheimer Allee, Foto Stefan Jehle

Manche nennen Drais heute ganz bewusst "den Erfinder des Fahrrads". Doch erst lange nach seinem Tod, nahmen die Würdigungen Dais deutlich zu - insbesondere in der Endphase der Bismarckzeit, zu der Umbettung von Drais' Grabstätte im Jahr 1891 auf den Karlsruher Hauptfriedhof.

Besonders bei Fahrradclubs und Fahrradvereinen wie etwa dem ADFC, dem Allgemeinen Deutschen Fahrradclub, wird Karl Drais heute besonders in Ehren gehalten. "Entdeckt" haben den Erfinder - nicht zuletzt aus Gründen des Stadtmarketings - inzwischen auch die Städte Mannheim und Karlsruhe, dort also, wo alles begann...

Wer war Karl Drais?
Karl Freiherr von Drais, wie er sich die meiste Zeit seines Lebens selbst nannte, war ein umtriebiger Mann, dem man aufgrund der häufigen Umzüge ohne Zweifel "ein unstetes Leben" konstatieren konnte. Nach dem Studium der Mathematik, Physik und Baukunst an der Universität Heidelberg, nach dem Jahr 1807, und seiner Prüfung als Forstinspektor mit Lehrzeiten in Schwetzingen und Gernsbach, widmete er sich viele Jahre lang verschiedenen Erfindungen. Schon im Jahr 1811 war er vom badischen Großherzog, bei vollen Beamtenbezügen, beurlaubt worden. Mit gerade mal 26 Jahren war er sozusagen "Privatier" geworden. Bis heute halten sich Vermutungen, dies sei erfolgt, weil Drais schon damals "viel aneckte". Ab 1818 durfte er sich zudem Professor der Mechanik nennen.

Seit dem Jahr 1813 widmete er sich einem Gefährt, das damals großes Aufsehen erregte. Anlass war die erste von fünf schlechten Ernten im Jahre 1812 gewesen, die die Haferpreise ansteigen ließ. Drais baute eine vierrädrige "Fahrmaschine ohne Pferde", die durch den "insitzenden Menschen, vermöge des einfachen und desto dauerhaften Maschinenwerks" angetrieben wurde. Diese Erfindung stellte er zunächst dem Großherzog und im Dezember 1813 auch dem Zaren Alexander von Russland vor, der zu der Zeit bei seiner Schwiegermutter, der Markgräfin Amalie, in Karlsruhe wohnte. Die verbesserte "Fahrmaschine 2" führte er 1814 dem Wiener Kongress vor. 

 

 

Freiherr von Drais – ein Mannheimer? Oder doch eher ein Karlsruher?

In den Stolz um Erfinder Karl Drais mischen sich gelegentlich auch kleine Hakeleien

Karlsruhe: Grabstätte Karl Drais, Hauptfriedhof, Foto: Stefan Jehle
Mannheim: Drais Denkmal im Stadtteil Rheinau, Foto: Stefan Jehle

Den Erfinder Karl Drais haben - nicht zuletzt aus Gründen des Stadtmarketings -inzwischen auch die beiden Städte Mannheim und Karlsruhe für sich "entdeckt", dort also, wo einst alles begann...

Tatsächlich lebte Drais nur einen kleineren Teil seines 66 Jahre währenden Lebens - bei dem er sich vom Adeligen aus privilegiertem Haus zum Demokraten und Republikaner wandelte - in seiner Geburtsstadt Karlsruhe. Zwar war Erbprinz Carl Friedrich, der spätere Großherzog, sein Taufpate. Doch später entfremdete sich der Zögling, befördert durch Intrigen der badischen Beamtenschar, zusehends vom Hofstaat. Schon fünf Jahre nach seiner Geburt erkrankte sein Vater an Epilepsie, und wurde deshalb nach Kirchberg, auf einen ruhigeren Posten im Hunsrück, versetzt. 

Teile der Kindheit und Schulzeit verbrachte der junge Karl Drais in Gernsbach und Durlach. Schon früh, ab 1800, kam er nach Pforzheim, und verbrachte die Zeit zwischen 1803 und 1808 mit dem Studium an der Universität Heidelberg und am Forstlehrinstitut seines Onkels in Schwetzingen. 1809 war er, nach bestandener Prüfung als Forstinspektor, kurzzeitig beurlaubt nach Karlsruhe. Doch schon 1811 zog es ihn zurück ins Haus seines Vaters nach Mannheim.

1811 der neuerliche Umzug nach Mannheim – 1822 Gang ins Exil

Karl Drais, Bild Ende der 1840-er Jahre

Das Jahr 1821 brachte für den Erfinder einen markanten Einschnitt: sein Vater Karl Wilhelm von Drais, Richter am badischen Hofgericht, war an der Hinrichtung des Burschenschaftlers Karl Ludwig Sand beteiligt. Für den Sohn Karl Drais bedeutete das fortan Häme und Mobbing durch Demokraten und Republikaner. Ab 1822 verbrachte Drais auf Anraten seines Vater fünf Jahre seines Lebens als Geometer in Brasilien. Bald nach seiner Rückkehr ließ der neu ins Amt gekommene Großherzog Carl Friedrich Drais' Beamtenpension kürzen: Drais führte Prozesse gegen zunehmenden Komplotte am Hof, sah sich in der Zeit zwischen 1831 und 1851 "fast nur noch von Feinden umringt", wie Biograph Lessing vermerkt. Fortwährendem Rufmord folgte 1837 ein tätlicher Angriff mit einem Feuerspritzenrohr: den er überlebte. Wegen neuer Morddrohungen zog er 1839 zeitweilig nach Waldkatzenbach/Odenwald.

1845 kam er wieder für ganz zurück nach Karlsruhe: "wechselnd wohnend bald in der Zähringer Straße (Anm.: am heutigen Gebäude Haus Nr. 43 hängt eine Gedenktafel zu Ehren Drais'), bald in der Schlachthausstraße", wie sein Biograph vermerkt. Dabei unterstützt von den in Freiburg lebenden Geschwistern. 1849 schloss er sich, durch eigens geschaltete Anzeigen in der "Karlsruher Zeitung" den Aufständischen an, wollte fortan nur noch "Bürger Karl Drais" genannt werden. Am 10. Dezember 1851 verstarb er 66-jährig in Karlsruhe. Es sollte noch rund 15 Jahre andauern, bis das nur wenige Jahre nach seiner Erfindung zunächst verfemte Zweirad eine neue Blütezeit erlebte: neu auf den Sockel gehoben anlässlich der Weltausstellung in Paris 1867.

Doch zu Lebzeiten, nur wenige Jahre nach seiner Erfindung, wurde der 1785 im Beisein des badischen Markgrafen und späteren Großherzog Karl Friedrich am Tag der Geburt in Karlsruhe auf den Namen Karl Friedrich Christian Ludwig, Freiherr Drais von Sauerbronn getaufte Adelige lange verfemt und verleumdet. Bis heute halten sich negative Klischees über Drais, die wohl vor allem daher rühren, dass er sich ab den 1830-er Jahren zusehends von der Monarchie abwandte - zudem 1849 im Jahr der badischen Revolution öffentlich als "Bürger Drais" bekannte, und dabei endgültig alle Adelsprivilegien ablegte. Das hatten ihm wohl einige "Höflinge" nie verziehen, und ihn deshalb der anhaltenden Verfolgung ausgesetzt. Mehr als nur einmal wurde er in der Öffentlichkeit zur bloßen Karikatur, und lächerlich gemacht. Dabei kam es sogar zu einem heute als Mordanschlag bezeichneten Attentat, das ihn - nach den fünf Jahren in Brasilien - um das Jahr 1839 zum zweiten Mal ins Exil weit außerhalb Badens trieb.

Mannheim oder Karlsruhe: als Wiege der Mobilität?

Mannheim feiert: Monnem Bike
Kampagnenschild, Stadtmarketing

Bei den Städten Mannheim und Karlsruhe kann in den letzten Jahren auch ein gewisser, neu aufgekommener Lokalpatriotismus nicht weggeleugnet werden: "Für viele gilt Mannheim als Wiege der modernen Mobilität", sagt der Oberbürgermeister der Quadratestadt, Peter Kurz. Das klingt wie ein Mantra. 60 Kilometer weiter südlich heißt es: "Karlsruhe hat die Welt auf Räder gestellt". Damit wirbt man seit Jahren in der einstigen badischen Residenz. Dieser Satz schaffte es sogar ins Deutsche Museum in München, der wohl wichtigsten Ausstellungsstätte deutscher Technikgeschichte. Tatsächlich aber entwickelte der 1785 in Karlsruhe geboren Karl Drais seine Erfindung - als erste Vision des heutigen Fahrrads - in Mannheim. 
Bis heute gibt es gelegentlich Diskussionen zwischen den beiden "Vaterstädten"  um die mit dem Erfinder verbundenen Meriten- und dabei auch schon mal "kleinere Hakeleien". 2010, als in Karlsruhe zum 225. Mal der Geburtstag des großen Sohnes der Stadt gefeiert wurde, kam es etwa zu Irritationen um eine bundesweite Anzeigenkampagne. Diese war von Karlsruhe, mit dem Slogan "Wir haben das Rad erfunden", zusammen mit dem Landesmarketing im Staatsministerium initiiert worden. 

Dabei zeigt auch Mannheim seinen ganzen Stolz auf zwei Erfinder mit dem Vornamen Karl: 2007 wurden dort zum Stadtjubiläum - die kurpfälzische Stadt erhielt 1607 erstmals Stadtprivilegien - historische Tafeln zur Bedeutung von Karl Drais aufgestellt. Motto: "Stadtpunkte - Mannheimer Geschichte vor Ort". Und dabei wurde auch noch gleich Carl Benz geehrt: der Erfinder des Automobils, der 1886 als erster das Patent auf eine selbsttätig fahrende "Motorkutsche" einreichte. Auch Benz ist ein gebürtiger Karlsruher, doch ist der Lebensmittelpunkt eindeutig: nach dem Studium war er 1871 übersiedelt nach Mannheim. Die Erfindung des dreirädrigen Motorwagens erfolgte in Mannheims Quadraten T 6, 33. Den Lebensabend verbrachte Benz in Ladenburg. 

Anders bei Karl Drais: der Sohn eines Richters am badischen Oberhofgericht, mit Ausbildung als Forstinspektor, blieb stets ein Pendler. 2010, im Jahr des 225. Geburtstagsjubiläums von Karl Drais hatte Mannheim sich für eine eher symbolische Aktion entschieden: zu Ehren des Zweirad-Erfinders eröffnete Mannheims Beigeordneter Lothar Quast am 12. Juni 2010 entlang der historischen Fahrtstrecke von 1817 - der ersten Erprobung des neuen Laufrades - die so genannte "Drais-Route". Für die Einweihung der neuen Route suchte die Stadt damals 225 Radler, die den Namen "Karl" tragen.  Auch Personen mit Namensvarianten wie "Karl-Heinz" oder "Karla" waren aufgerufen, an der 15 Kilometer langen Eröffnungsfahrt teilzunehmen. Bereits seit 2003 steht am Karlsplatz im Stadtteil Rheinau ein Denkmal für Drais. Der gemeinnützige Verein Rheinau, Bürger und Firmen machten den Bau des Denkmals möglich. Mit dabei: der Allgemeine Deutsche Fahrradclub (ADFC).

Mannheim: Drais-Denkmal im Stadtteil Rheinau, Foto: Stefan Jehle

Mannheim und Karlsruhe: gemeinsame Ziele in der Förderung des Fahrrads

Karlsruhe: Draisinenrennen der OB-Kandidaten im Juni 2012, Foto: Stefan Jehle

Stolz hegen weiterhin auch die Karlsruher. Baudezernent Michael Obert legte im Jahr 2017 erneut Wert auf die Feststellung: "Karl Drais war Karlsruher, wurde hier geboren, hat hier gelebt, ist in Karlsruhe gestorben und liegt hier begraben". Karlsruhe berufe sich deshalb auch "nicht zu Unrecht" darauf, die Welt auf Räder gestellt zu haben. Obert, der sich in den vergangenen Jahren einen Ruf als Förderer des Radverkehrs erarbeitet hat, richtet aber den Blick in die Zukunft: sein Ziel sei es, so ließ er jüngst wissen, "die Menschen davon zu überzeugen, dass das Fahrrad ein modernes Verkehrsmittel ist". Von den Aktivitäten in Karlsruhe lernt offenbar auch Mannheim. 

Grundlage für die Förderung des Radverkehrs in Mannheim ist ein im Herbst 2009 einstimmig beschlossenes 21-Punkte-Handlungsprogramm für mehr Radverkehr. Inhalte sind Ausbau und Verbesserung der Radwege, die Erhöhung der Sicherheit für Radfahrer und mehr Service-Angebote und Werbung rund um das Verkehrsmittel Fahrrad. "Wir haben uns da einiges von Karlsruhe abgeschaut", sagt ohne Zögern Peter Rossteutscher, der bei der Stadt Mannheim für die Förderung des Radverkehrs zuständig ist - und im Jubiläumsjahr einer der beiden Geschäftsführer der "Geschäftsstelle Radjubiläum 2017". Das Jahr 2017 feiert Mannheim richtig groß.

Drais' Geburtsstadt Karlsruhe belegte 2015 in einem Ranking ("Fahrradklima Test") des ADFC in der Kategorie Großstädte über 200000 Einwohner den zweiten Platz, was die Fahrradfreundlichkeit angeht: hinter Münster, und inzwischen noch vor Freiburg. Mannheim hat sich - nicht zuletzt durch das 21-Punkte-Programm - inzwischen auf Rang 19 vorgearbeitet.  Von dem Erfinder mit dem Namen Karl profitieren beide Städte erkennbar bis heute: Karlsruhe und auch Mannheim, mit Anstößen und Motivation bis zum heutigen Tag.

Stadt Mannheim auf den Spuren von Karl Drais, Foto Thomas Tröster
Stadt Mannheim auf den Spuren von Karl Drais, Foto Thomas Tröster