Landeskunde Baden-Württemberg

 

Die Draisine: Eine Revolution

Sonderbriefmarke von 1985

Historiker sind sich einig mit Fachleuten der Technikgeschichte: Die Draisine, das zweirädrige, von Menschenkraft betriebene Fahrzeug, hat die Fortbewegung revolutioniert. Das hölzerne Zweirad, konnte in Bewegung gesetzt werden, in dem sich die Fahrerin oder der Fahrer mit den Füßen vom Boden abstieß. Es wog in den ersten Modellen gerade mal 20 bis 22 Kilogramm und war damit kaum schwerer als ein modernes "Hollandrad",  ein modernes Tourenfahrrad.

Selbst mit den ersten, noch mit Stahl ummantelten Holzrädern, die beim Fahren an die Geräusche einer Kutschenfahrt erinnern, konnten mit einer solchen Laufmaschine Geschwindigkeiten von bis zu 20 Kilometer in der Stunde erreicht werden. Karl Drais selbst hatte bei seiner Jungfernfahrt am 12. Juni 1817 zwischen Mannheim und Schwetzingen eine rund sieben Kilometer lange Fahrtstrecke schneller zurück gelegt als die damals noch gebräuchlichen Postkutschen. 

Die Jungfernfahrt mit der Laufmaschine

12. Juni 1817

Karl Drais gedruckte Beschreibung 1817, Landesarchiv

Karl Drais stellte 1817 ein völlig neues Gefährt vor: das Zweirad. Auf diesen Vorläufer unseres heutigen Fahrrads setzte man sich rittlings und stieß sich mit den Füssen vom Boden ab. Über dem Vorderrad war eine Lenkstange als umgekehrte Deichsel angebracht.

Um die Nützlichkeit der Erfindung zu demonstrieren, fuhr Drais von Mannheim zum Relaishaus bei Schwetzingen in weniger als einer Stunde. Die hölzerne Laufmaschine gilt bis heute als seine wichtigste Erfindung.


Die Idee verbreitete sich schnell

Der Großherzog erteilte Karl dem Freiherrn 1818 das Privileg, für zehn Jahre auch kommerziell seine Erfindung auswerten zu dürfen. Drais hatte sich bereits vorher bemüht, das Zweirad schützen zu lassen und bekannt zu machen, etwa durch Vorführungen in Baden-Baden und Frankfurt sowie in Nancy und Paris. Von zu Erfinderzeiten rund 10.000 gebauten Draisinen ist heute die Rede. Der Durchbruch kam freilich erst viel später. Drais selbst hatte davon kaum je profitiert.

Die Laufmaschine erlebte zunächst ein jahrelanges auf und ab: Durch nicht lizensierte Nachbauten fand seine Laufmaschine rasche Verbreitung, sodass schon 1819 Leute auf zum Teil eisernen Zweirädern in England und Amerika fuhren. Bis nach Kalkutta gab es Kunde von dem neuen Zweirad. Die Idee traf auf europaweites Interesse, wurde aber an vielen Orten - etwa London - mit Verboten belegt. Auch in Mannheim selbst, so ist die Rede. Nachbauten wurden teils ohne Bremsen gebaut und es kam zu Auffahrunfällen, sogar mit tödlichem Ausgang.

Drais - der Vater des Radsports
Die Weiterentwicklung der Laufmaschine zum Fahrrad bewirkte auch die Rehabilitation des Konstrukteurs der Basisinnovation. Die in der Bismarckzeit im damaligen Deutschen Reich gegründeten Radsportvereine feierten Drais "als Vater ihres Sports". Der deutsche Radfahrerbund war es auch, der 1891 die Überführung der sterblichen Überreste des Freiherrn von Drais auf den Karlsruher Hauptfriedhof veranlasste und errichtete ihm aus Spendengeldern ein repräsentatives Grabmal. Zwei Jahre später sammelte man für ein Denkmal, das 1893 eingeweiht wurde, und heute nahe dem Karlsruher Hauptbahnhof an der Beiertheimer Allee steht. In den vierzig Jahren seit Drais' Tod hatte sich das Fahrrad bereits zum Massenverkehrsmittel entwickelt. 

Dem Velocipède folgte der Hinterradkettenantrieb

Jahrzehnte nach der Basisinnovation von Drais wurde es unter anderem von Pierre Lallement und Pierre Michaux zum pedalgetriebenen Fahrrad weiter entwickelt. Der erste Schritt zum Fahrrad war 1864 die Anbringung von Pedalen am Vorderrad gewesen. In Frankreich nannte man ein solches Vehikel lange Zeit "Velocipède", was übersetzt in etwa so viel heißt wie "Schneller Fuß". In der Fahrradfabrik des Briten John Kemp Starleys ging schließlich 1885 das erste stilsetzende Niederrad mit Hinterradkettenantrieb in Serie. Die Niederräder wurden durch die industrielle Massenfertigung auch für Arbeiter erschwinglich, die damit in die Fabrik fuhren. Heute sind weltweit mehrere hundert Millionen Menschen auf dem Fahrrad unterwegs.

Ganzheitlich denkende Technikhistoriker gehen davon aus, dass die Erfindung des Automobils durch Carl Benz 1886 ohne die Erfahrungen mit Drais' Laufmaschine, der "Draisine", nicht denkbar gewesen wäre. Mit erstaunlichen Parallelen: auch Carl Benz war in der Fächerstadt Karlsruhe geboren - und tätigte seine Erfindung in Mannheim. Benz allerdings war 1871 komplett in die Quadratestadt Mannheim übersiedelt. 

Der Biograph Hans-Erhard Lessing

In den letzten Jahren hat sich vor allem ein Autor besonders intensiv um die Aufarbeitung der Biographie von Karl Drais und der Umstände seiner Erfindungen bemüht: Hans-Erhard Lessing, einst Professor der Universität Ulm, und später Kurator und Konservator am Museum für Technikgeschichte, dem Technoseum Mannheim und dem ZKM, Zentrum für Kunst- und Medientechnologie in Karlsruhe. Lessing zeigte mit seiner 2010 erstmals aufgelegten Biographie "Karl Drais: Zwei Räder statt vier Hufe" viel neue, bis dahin unbekannte Facetten des Erfinders Drais' auf, und hatte schon zuvor - mit Veröffentlichung im Jahr 2003 - ein Grundlagenwerk zu den Zusammenhänge zwischen der Entwicklung des Fahrrades und der Erfindung des Automobils verfasst ("Automobilität: Karl Drais und die unglaublichen Anfänge"). Die Biographie von 2010 wird im Juni 2017 von dem Karlsruher Verlag "Der Kleine Buchverlag" neu aufgelegt.

Lessing stellte auch einen engen Zusammenhang her zwischen der Forcierung der Erfindung von Drais' Laufmaschine - und den ab 1812 wiederholt aufgetretenen Hungersnöten in Europa.

Hans-Erhard Lessings "Chronologie der Fakten":

    1812 - erste schlechte Ernte von fünfen in Serie
    1813 - vierrädrige Fahrmaschine mit Tretmühle oder Kurbelwelle. Drais schreibt in Mannheimer Sonderdruck: "In Kriegszeiten, wo die Pferde und ihr Futter oft rar werden, mag ein [...] solcher Wagen [...] wichtig sein."
    1814 - Vorführung beim Wiener Kongress erfolglos, daraufhin andere Erfindungen
    1816 - katastrophaler Ernteausfall, Futtermangel, Pferdesterben
    1816/17 - Hungerkatastrophe und diesbezügliche Zensur der Zeitungen und Bücher
    1817 - zweirädrige Laufmaschine, das Urfahrrad
    Ende 1817 - Französische Abgeordnetenkammer berichtet rückblickend über "mortalité des chevaux" (Pferdesterben)
    1818 - Comte de Ségur, Paris: "Die berühmten Draisiennes [...], die den Luxus von Pferden abzuschaffen und den Heu- und Haferpreis zu senken gedacht sind."

Erst mehr als 100 Jahre später konnte die Ursache für die Hungerkatastrophe in Europa 1816/17 erkannt werden: als Folge der Vulkanasche von der Insel Sumbawa vor Bali (Indonesien, April 1815). Diese hatte Auswirkungen rund um den Erdball, mit einem verschneiten Sommer 1816 in der nördlichen Hemisphäre im fernen Europa. Viele Pferde mussten in der Hungersnot notgeschlachtet werden, da das Getreide schon für die Menschen nicht mehr ausreichte. Genau für diese Notlage sei Karl Drais' zweirädrige Laufmaschine gedacht gewesen, ein vom Haferpreis unabhängiger Ersatz für Pferde, wie Lessing in seiner Drais-Biografie erläutert.