Landeskunde Baden-Württemberg

 

Eine oftmals verlorene Kindheit – Geschichte von Heimkindern im Südwesten

Seit 2012 bemühen sich Sozialministerium und Landesarchiv um Aufarbeitung

Foto Landesarchiv Ba-Wue. LABW-Nr. 13 - Mistlau 2, U 180, ca. 1950

Von Stefan Jehle

Einmal Heimkind - immer Heimkind? Diese Frage stellen sich Schätzungen zufolge bundesweit etwa 800.000 Menschen, die in den 1950er, 1960er und 1970er Jahren in so genannten Erziehungsanstalten und Heimen aufgewachsen sind. Auch In Baden-Württemberg existierten in der Zeit zwischen 1949 und 1975 über 600 Säuglings-, Kinder- und Jugendheime. Neben Institutionen in staatlicher, kommunaler und kirchlicher Trägerschaft zählten hierzu zahlreiche privat betriebene Heime. Seit 2012 bemühen sich Sozialministerium und Landesarchiv um Aufarbeitung.

Allein die Begriffe, mit denen diese "Verwahrungsanstalten" einst benannt wurden, lösen heutzutage oft schon Befremden aus. Ging es dabei um "Fürsorge" oder gar mehr um Unterwerfung? Vieles ist nur aus dem Zeitgeschehen heraus zu verstehen. Von Landeserziehungsheim bis zum (streng pietistisch geprägten) "Fürsorgeheim", von traditionellem "Rettungsgedanken" der christlichen Rettungshausbewegung in "Erziehungsanstalten", gerichtlich angeordneter "Fürsorgeerziehung" (FE) bis hin zur "freiwilligen Erziehungshilfe" (FEH) reichten einst die Kategorien.

Die Heime wurden in Mehrzahl als "totale Institutionen" beschrieben, und damit als "allumfassend": ohne Trennung von Wohn-, Aufenthalts - oder Arbeitsbereich. Meist unterworfen einer "zentralen Autorität", mit straff reglementiertem Alltag. Die Kinder wurden, nach strengem Normenkorsett, zu Arbeit, Ordnung, Disziplin, Reinlichkeit, Bescheidenheit - und: meist bedingungslosem Gehorsam, angehalten. Überwacht von einer permanenten Aufsicht, und mit Erziehungspraktiken eines konsequenten Systems von Bestrafung und Zuchtmitteln. Noch bis weit in das 20. Jahrhundert hinein waren körperliche Züchtigungen als selbstverständliche Erziehungsmethoden gesellschaftlich weithin anerkannt und ihre Anwendung zudem gesetzlich verankert.

Der Runde Tisch Heimerziehung tagte 2009 bis 2010

Foto Landesarchiv Ba-Wue. Kleinglattbach

Bundesweit diskutierte Vorgänge um die Odenwaldschule (ein 1910 gegründetes Landerziehungsheim im hessischen Heppenheim/Bergstraße, das ab den 1970ern von "Reformpädagogen" geführt wurde) oder die Missbrauchsvorwürfe am Berliner Canisius-Kolleg (einer Einrichtung der Jesuiten) führten in den 2000er Jahren vermehrt zu Bemühungen in ganz Deutschland, sich mit Erziehungsmethoden aus früheren Zeiten zu befassen. Runde Tische zu Missbrauchsvorwürfen entstanden. Vorgänge, die auch schon in 1980er oder 1990er Jahren zuweilen "hochkochten", ließen sich ab diesem Zeitpunkt nicht mehr länger unter dem Deckel halten.

Nach den Beschlüssen des Runden Tisches auf Bundesebene (der von 2009 bis 2010 tagte) trieb das Land Baden-Württemberg nach 2012 gleich auf zwei Ebenen die Aufarbeitung im Südwesten voran: mit Einrichtung einer "Anlauf - und Beratungsstelle Heimerziehung" des Sozialministeriums, die bis Ende 2014 auch über finanzielle Entschädigungsleistungen entscheiden konnte, und mit der Einbindung in das "Projekt Heimerziehung" beim Landesarchiv. Letzteres ist bislang bundesweit einzigartig. Zwei Historikerinnen betreuen Betroffene bei der Akteneinsicht, gleichzeitig soll die Aufarbeitung greifbarer Unterlagen Einblicke in Prozesse geben, die zu Gewalt führen.

Ein erstes wichtiges Ergebnis des 2013 gestarteten Projektteams im Landesarchiv unter Leitung von Christian Keitel und Clemens Rehm, dem als Ansprechpartnerinnen für ehemalige Heimkinder Nastasja Pilz und Nora Wohlfarth angehören, ist eine Ausstellung zur Geschichte der Heimerziehung in Baden-Württemberg. Diese tourt seit Sommer 2015 durch das Land - und ist derzeit im Generallandesarchiv Karlsruhe zu sehen (noch bis 30.März, ab 3.April dann in Rastatt). 

Interview mit Nora Wohlfarth, 1. Teil

Zu den Erfahrungen mit der Akteneinsicht – die in der Form bundesweit einmalig ermöglicht wird – äußerte sich im Gespräch die Historikerin Nora Wohlfarth, die seit 2014 in dem Projekt dabei ist. Nastasja Pilz und Nora Wohlfarth studierten beide Geschichte und Politik in Heidelberg, und hatten inzwischen teils erschütternde Einblicke in Heimerziehung.

Frage: Wie kommt man als Historikerin in so ein Projekt rein?

Nora Wohlfarth: Wir, meine Kollegin Nastasja Pilz und ich, sind da auch schon gefragt worden, warum das keine Sozialarbeiterinnen machen. Das besondere an unserer Arbeit – im Vergleich zur Anlauf – und Beratungsstelle beim Sozialministerium, dort arbeiteten ja meist Sozialarbeiterinnen – ist die Aktenrecherche. Teilweise die Recherche bei uns im Landesarchiv. Oder in anderen Archiven. Da ist es hilfreich, einen geschulten Blick für solche Unterlagen zu haben.

Frage: Auf der einen Seite machen Sie eine wissenschaftliche Arbeit, andererseits sind Sie Ansprechpartner für Betroffene. Wo ist da der Unterschied?

Man braucht das eine für das andere, das bedingt sich wechselseitig. Wenn ich eine Akte für jemanden aufbereite, der oder die im Heim war, dann ist es ein Teil der Aufgabe, bestimmte Absätze zu schwärzen. Dass ich Datenschutzkriterien beachte und die Akte dann auf eine Art und Weise übergebe, dass Betroffene auch was damit anfangen können. Recht auf eigene Akteneinsicht bezieht sich grundsätzlich nur auf Informationen, die die Betroffenen selbst angehen. Da ist ein Element der Betreuung mit dabei, dass man erklärt, wie die Akte zu verstehen ist. Da wird nicht einfach nur ein Bündel Papier überreicht.

Frage: Wie viele Anfragen kamen da im Lauf der Zeit?

In der ersten Zeit waren das etwa 40 Anfragen im Jahr. Mit der Fristsetzung des Fonds Heimerziehung , wonach bis Ende 2014 Anträge auf Entschädigung gestellt werden konnten, hat das dann sehr schnell stark zugenommen. Aus dem Fond Heimerziehung konnte man bis zu 10.000 Euro in Sachleistungen beantragen. Alle Recherchen, wo die Betroffenen Unterlagen nicht selbst mitbringen konnten in die Anlauf – und Beratungsstelle im Sozialministerium, haben wir im Landesarchiv gemacht. Wir hatten Zeiten wo klar war: in zwei Monaten kommen 50 Betroffene in die Anlaufstelle, da mussten wir die Recherchen sofort anfangen um diese pünktlich zu dem gesetzten Termin abschließen zu können.

Frage: Wie sprach sich das denn herum, dass da Akten eingesehen werden können?

Die Anlauf – und Beratungsstelle ist da eine Schnittstelle. Es sind aber gar nicht wenige ehemalige Heimkinder, die sich zu Multiplikatoren entwickelt haben. Nach dem Motto: mir war das persönlich wichtig, ich bin jetzt aktiv, und informiere andere ehemalige Betroffene. Es gibt zudem den Beirat der Anlauf – und Beratungsstelle, wo Ehemalige mit drin sitzen.

Frage: Wie viele Anfragen kommen da, wie viele waren das vergangenes Jahr 2016?

Derzeit sind es immer noch ein bis zwei Anfragen pro Woche. Wir hatten bislang insgesamt rund 1650 Recherchen. Ich schätze die Zahl für 2016 jetzt mal auf rund 200, sowohl in der Anlauf – und Beratungsstelle, als auch bei uns im Landesarchiv. Aktuell liegen gerade 40 Anfragen auf dem Tisch von mir und meiner Kollegin. Von den 1650 Fällen haben mehr als die Hälfte Interesse an Akteneinsicht gehabt. Und in der überwiegenden Mehrheit auch bekommen. Die zahlenmäßige Auswertung ist noch am Laufen.

Frage: Gibt es bei den Anfragen zur Akteneinsicht Schwerpunkte bei einzelnen Heimen?

Die Anfragen beziehen sich auf sehr viele unterschiedliche Einrichtungen. Es gibt einige, die uns sehr unkompliziert Akten zu Verfügung stellen. Korntal im Kreis Ludwigsburg beispielsweise spielt zahlenmäßig eine große Rolle, das ist ein großes Heim. Wir haben auch viele Anfragen zum St. Konradihaus in Schelklingen, Kreis Biberach oder der Marienpflege in Ellwangen. Gehäuft kommen auch Anfragen zu den ehemaligen Landeserziehungsheimen in Esslingen, Flehingen, Schönbühl und Oberurbach. Wenn unsere Ausstellung an einen neuen Standort wandert, dann kriegen wir auch Anfragen von dort.

Ein erstes Ergebnis: die seit 2015 durch das Land tourende Wanderausstellung

Nastasja Pilz bei der Ausstellungseröffnung
Foto: Stefan Jehle

Die vom Land Baden-Württemberg – parallel zur Umsetzung des Fonds Heimerziehung, mit der Arbeit der Anlauf- und Beratungsstelle – angestoßene wissenschaftliche Begleitung beim Landesarchiv Baden-Württemberg, hat den Arbeitstitel: „Archivrecherchen und historische Aufarbeitung der Heimerziehung in Baden-Württemberg zwischen 1949 und 1975“. Das aus Landesmitteln finanzierte Projekt läuft vom 31.05.2012 bis zum 31.12.2018. Die Ansprechpartnerinnen Nastasja Pilz und Nora Wohlfarth bearbeiteten bislang 1650 Anfragen und Recherchen, etwa die Hälfte der Personen, die sich gemeldet hatten, wünschten und bekamen auch Akteneinsicht. Ein erstes Ergebnis: die seit Sommer 2015 durch das Land tourende Wanderausstellung „Verwahrlost und gefährdet? Heimerziehung in Baden-Württemberg 1949-1975“.

Die Ausstellung bietet einen Einblick, wie der Alltag in vielen Kinderheimen aussah — und präsentiert vielseitiges Bildmaterial und Dokumente wie Speisepläne, Aktenauszüge und Briefe, die über den Alltag Aufschluss geben. Zeitzeugenberichte ergänzen die Darstellung um die Perspektive der Betroffenen. Die psychische und körperliche Gewalt, die vielfach auf der Tagesordnung stand, wird ebenso thematisiert wie die oft nur kurzen Momente des Glücks: mit einem ungeschminkten Blick in die Welt der Säuglings–, Kinder und Jugendheime der Nachkriegszeit. In vielen „Erziehungsanstalten“ im Südwesten haben Kinder und Jugendliche bis in die 1970er Jahre traumatisierende Erfahrungen gemacht und dabei oft vielfältige systematische Verletzungen physischer und psychischer Art erleiden müssen.

Die Ausstellung zeigt die Zustände in den rund 600 Kinder – und Jugendheimen, die es im Land gab. Sie ist derzeit – und noch bis zum 30. März zu sehen im Generallandesarchiv Karlsruhe (Nördliche Hildapromenade 3, 76133 Karlsruhe). Ab dem 3. April kommt die Ausstellung für zwei Monate in das Stadtmuseum Rastatt (Herrenstraße 11, 76437 Rastatt), und wechselt dann im Anschluss ab Ende Juni für weitere zwei Monate in das Stadtmuseum Rheinfelden (Baden): alle Orte, in denen die Ausstellung gezeigt wird, werden fortlaufend aktualisiert auf der Webseite des Landesarchivs (https://www.landesarchiv-bw.de/web/61033) . Erstmals gezeigt worden war diese mit Eröffnung im Haus der Abgeordneten, in Stuttgart ab Juli 2015.

Das System der Heimerziehung und die Rolle der Jugendämter beim Prozess der Heimeinweisung werden ebenso wie die Aufsicht und Kontrolle der Träger und Einrichtungen beschrieben. Zudem werden die rechtlichen Aspekte des Themas diskutiert. Wie verlief die Verfolgung von Straftaten, die in Heimen begangen wurden? Welche Möglichkeiten boten sich den Zöglingen zur Beschwerde oder Anzeige? Welche Probleme ergeben sich heute dabei, den Betroffenen „gerecht“ zu werden, die häufig noch in der Gegenwart unter den Folgen der Heimerziehung leiden?

Nora Wohlfarth
Foto: Stefan Jehle

Interview mit Nora Wohlfarth, 2. Teil

Die Historikerin Nora Wohlfarth hat bei der Lektüre der Akten und der Betreuung bei der Akteneinsicht – ebenso wie ihre Kollegin Nastasja Pilz – vielfältige Einblicke in die Welt der Heimerziehung gewinnen können. Auch dazu gibt sie im Gespräch Auskunft.

Frage: Wie viele Akten zu Heimkindern haben Sie denn schon in der Hand gehabt?
Das kann ich jetzt auf Anhieb nicht exakt nennen. Das mögen schon bis zu 300 gewesen sein. Da sind Kleinstakten von wenigen Blättern, bis hin zu Akten mit 500 oder 600 Seiten.

Frage: Sie ermöglichen Akteneinsicht auch für die Betroffenen. Wird die Akte jeweils dem einzelnen zugeschickt?
Es gibt im Einzelfall die Möglichkeit die Akte bei uns einzusehen, oder bei der Anlauf – und Beratungsstelle. In vielen Fällen werden die Akten aber entsprechend vorbereitet, und als Kopie dem oder der Betroffenen zugeschickt. Wir bekommen Unterlagen von Amtsgerichten, aus Jugendämtern, oder aus Heimen.

Frage: Wie bereiten Sie denn die Betroffenen darauf vor?
Bei der Aufbereitung der Akten warnen wir die Betroffenen auch schon mal vor. In dem wir etwa per Post, oder am Telefon sagen, das und das erwartet sie. Wir weisen etwa darauf hin, da stehen Beschreibungen über sie drin, die sind sehr, sehr abwertend. Da bekommen wir dann schon mal Rückmeldung, dass sie beispielsweise schon im Heim als dumm oder aber als „debil“/“primitiv“/“verwahrlost“/“triebhaft“ bezeichnet wurden.

Frage: Gibt es dann Leute, die sagen, ich will das jetzt doch nicht lesen?
Das gibt es auch. Wir haben grundsätzlich die Vorgehensweise, die sagt: wer die Akte von uns haben möchte, bekommt die Akte, egal wie schlimm der Inhalt sich darstellt. Wir empfehlen immer, die Akten nicht allein zu lesen, sondern jemanden dabei zu haben. Und bekommen immer wieder die Rückmeldung, dass die Aktenlektüre sehr bewegend war. Bewegend auch insofern, dass furchtbare Erinnerungen sich mitunter nicht in den Akten wiederfinden. Wie zum Beispiel Strafe aufgrund von Bettnässen, Aufessen des gerade Erbrochenen, Gewalt…

Frage: Sind Sie da auch eine Vertrauensperson?
Es kommt immer wieder vor, dass eine Betroffene oder ein Betroffener sagt, das was sie jetzt mir erzähle, habe sie zuvor noch nie jemandem erzählt. Die gehen davon aus, dass ich die fremde Frau vom Amt bin, der man das dann erzählen kann. Freunden oder der Frau erzählen die dann halt auch manchmal nicht dass sie im Heim waren.

Frage: Was für Effekte hat die Akteneinsicht auf die Betroffenen selbst?
Da ist oft Überraschung dabei, wenn diese das lesen. Oft auch Erleichterung. Für viele ist es ganz wichtig diesen Papierstapel aus der Akte zu haben. Sozusagen darüber verfügen zu können. Nach dem Motto: ich nehme diesen raus aus der Schublade, wenn ich will. Ich zeige die Akte, wem ich will. Diese Akte zu bekommen, scheint viele positiv zu bestärken. Über die eigene Biographie verfügen zu können. Es gibt auch Betroffene, die sagen, sie würden gerne als Teil ihrer Therapie die Akte einsehen. Es ist klar dabei: Therapie ist kein schmerzfreier Prozess. Wir im Landesarchiv sind dann in gewisser Weise Zuarbeiterinnen für die Therapie und Aufarbeitung.

Frage: Kann man mit der Akteneinsicht seine eigene Biographie neu entdecken?
Es gibt immer wieder Schicksale, an denen die Komplexität deutlich wird: in der Ausstellung lernte ich eine Frau kennen, die unehelich schwanger wurde, das Kind weggeben musste ins Heim. Der Vater wollte es nicht anerkennen, die Mutter musste arbeiten. Es gab keinerlei Kinderbetreuung. Ganz praktische, aber im Endeffekt gnadenlose Gründe, wo sie keine Chance sah. Die Mutter hatte das belastet, und das Kind glaubte dann womöglich es sei im Stich gelassen worden.

Frage: Können Sie andere Beispiele nennen?
Da war der Fall der heute älteren Dame, die sich vernachlässigt fühlte von den eigenen Eltern. Erst durch die Akte hatte sie dann erfahren, dass die eigene Mutter eigentlich zu ihr Kontakt halten wollte und die Zensur des Heimes das verhindert hatte. Alle die Briefe, die die Mutter im nahezu monatlichen Rhythmus an das Heimkind geschrieben hatte, wurden von der Heimleitung zurückgehalten. Ich hatte selbst mal ein besonderes Erlebnis, nachdem ich eine Akte verschickte: die Betroffene hatte mich unter Tränen angerufen. Diese Akte hatte das einzige Foto von ihr in ihrer Kindheit enthalten, das überhaupt existierte. Die war vollkommen aufgelöst, weil es sonst von ihr kein einziges weiteres Bild aus der Kindheit gibt.

Frage: Was hat Sie in der bisherigen Arbeit am meisten erschüttert?
Als ich noch relativ neu war in dem Projekt, hatte eine Frau angerufen, die erzählte, dass sie einerseits selber die Damen-Binden bezahlen musste. Das war bei dem bescheidenen Taschengeld tatsächlich nicht so ohne. Das war der Einstieg ins Gespräch. Sie erzählte dann von dem beschämenden Umgang der Nonnen im Heim. Und dann unvermittelt der Satz: das mit dem Prügeln das übernimmt heute mein Mann. Sie sei ja auch im Heim schon geschlagen worden. Und sagte dann noch, das sei halt nun so. Das war ihr nicht einfach so rausgerutscht. Das klang nach Resignation, sie kam von der einen in die andere missbräuchliche Beziehung.

Frage: Ist das ein typisches Beispiel bei Ihren Kontakten?
Es gab da auch einen Betroffenen, der auch im Film zur Ausstellung auftritt, und erst kürzlich verstorben ist. Der war nach einem Unfall im Heim (Anm. d. Red.: bei der Arbeit an einem Bahngleis) körperlich behindert, der hatte ein Bein verloren. Dem war dann vorgeworfen worden, dass er mit dieser Verletzung kokettiere und versuche Vorteile für sich herauszuschlagen. Das wirkt unglaublich, und geradezu grotesk. Jemandem, der so etwas Furchtbares erlebt hat, das zum Vorwurf zu machen. Der Mann saß längere Zeit im Beirat der Anlauf – und Beratungsstelle unseres Projektes, und war deshalb persönlich gut mit uns bekannt.

Frage: Gab es auch Fälle von permanentem Missbrauch?
Eine sehr umfangreiche Akte zu einem anderen Fall gab Auskunft über massenhaften Missbrauch in einer Familie. Da hatte ein Mädchen später ihren Stiefvater geheiratet, den ehemals neuen Mann der eigenen Mutter. In der Familie kam es über viele Jahre zum Missbrauch der Frau und all ihrer Kinder. Zumindest aus der Akte gibt es keine Hinweise darauf, dass es dabei jemals zu einer Anzeige kam. In der Familie kam wirklich alles zusammen. Die Probleme in dieser Familie wurden sozusagen von Generation zu Generation weitergetragen. Das hat mich dann schon nachhaltig erschüttert. Dabei handelt es sich allerdings um einen in diesem Umfang seltenen Fall. Wenn auch Missbrauch immer wieder eine Rolle spielt, die Regel ist er nicht. Es gibt sicherlich auch positiv gelagerte Fälle – im Sinne von weniger Negativ.

Frage: Gibt es auch positive Beispiele zum Alltag ehemaliger Heimkinder?
Es gibt sicherlich eher positiv gelagerte Fälle – im Sinne von weniger Negativ. Ich hatte mal einen Betroffenen am Telefon, der ganz klar sagte: wäre ich nicht im Heim gewesen, hätten mich meine Eltern tot geprügelt. Er zeigte auch eher wenig Interesse über das Heim zu sprechen. Es habe Gewalt gegeben, aber es war für ihn immer klar: das Heim hat mich gerettet. Da war auch mal der Fall eines Mädchens, wo aus der Akte hervorgeht, dass die Großmutter immer wieder Briefe schrieb. Mit dem Tenor: das Kind möge doch nach Hause gelassen werden. Im fünften oder sechsten Brief war dann die Rede davon, dass der Großvater ja inzwischen nicht mehr lebe, der könne sie also auch nicht mehr anfassen, es sei also alles gut. Und dann ist klar, warum das Kind im Heim war. Das ist eines der Beispiele wo das Jugendamt eingegriffen hat.

Frage: Melden sich auch Betroffene, denen es gut ging im Heim?
Es gibt schon auch Schönes. Wenn Betroffene etwa erzählt haben, wie sie Freundschaften schlossen im Heim, die bis heute halten. Oder einzelne Berichte über Erzieherinnen, an die man sich gerne erinnerte. Solche Personen, die eine durchweg schöne Zeit hatte im Heim hatten, melden sich nicht bei uns. Und auch nicht bei der Anlauf – und Beratungsstelle. Grundsätzlich gilt: viele sagen, es gehe ihnen nicht ums Geld aus dem Entschädigungsfond, sondern um die Anerkennung. Dass sich mal jemand die Geschichte der Kindheit anhört. Und diejenigen, die nur gute Erfahrungen gemacht haben, melden sich in aller Regel weder bei uns, noch bei der Anlaufstelle.

Frage: Wie wichtig ist die Betreuung der Betroffenen?
Im ersten Jahr des Projekts, das 2013 startete, haben wir zu bis zu 75 Prozent der Zeit fast ausschließlich Betroffene betreut. Nastasja Pilz hatte damit angefangen, ich bin dann später dazu gestoßen. Die Projektidee geht von drei Säulen aus: Betreuung der Betroffenen, mit Akteneinsicht – die historische Aufarbeitung, und schließlich die Bereitstellung von Hilfsmitteln zum gesamten Themenkomplex.

Frage: Was machte dieses Thema, mit dem Sie sich lange befassen, mit Ihnen selbst?
Es hat natürlich schon auch den Effekt, dass es Geschichten gibt, die mir nahe gehen. Es gibt Vorgänge die ich manchmal mit nach Hause nehme. Wir sind im Team da zu zweit, meine Kollegin Nastasja Pilz, und ich. Wir reden auch über die Inhalte der Akten. Es ist natürlich ganz wichtig, da auch innere Distanz halten zu können. Es gibt Betroffene, die rufen immer wieder an, und erzählen aus ihrem Alltag. Wir können natürlich diesen Kontaktwunsch nicht befriedigen. Aber auf der anderen Seite können wir für die Betroffenen durchaus was tun. Da sind immer wieder sehr schöne und motivierende Begegnungen. Wir werden manchmal auch zu Ansprechpartnerinnen. Dabei ist Zuhören auch wichtig, und Teil dessen was wir Betroffenen geben können.

Entschädigung

Etwas über 300 Millionen Euro haben Bund, Länder und Kirchen bundesweit für Menschen bereitgestellt, die von 1949 bis 1975 als Heimkinder Leid und Unrecht erlebt haben. Die Sachleistungen sollen den Alltag der Betroffenen erleichtern. Bezahlt werden zum Beispiel Therapien oder ein altersgerechter Umbau der Wohnung, damit die Betroffenen nicht wieder in einem Heim leben müssen. Zur Umsetzung des Fonds „Heimerziehung“, der auf Grundlage der Beschlüsse des Runden Tisches „Heimerziehung in den 50er und 60er Jahren“ errichtet wurde, wurde in Baden-Württemberg eine Anlauf – und Beratungsstelle Heimerziehung (ABH) eingerichtet. Träger der Fonds-Beratungsstelle in Baden-Württemberg ist der Kommunalverband für Jugend und Soziales (KVJS). Die Antragsfrist für Fondsleistungen endete 2014.

Registrierte Betroffene können noch innerhalb der Fondslaufzeit bis zum 31. Dezember 2018 die Beratungsleistungen der ABH in Anspruch nehmen und Vereinbarungen über Fondsleistungen abschließen. Die Ergebnisse des Abschlussberichts der Fonds Heimerziehung (Ost und West) werden zu gegebener Zeit ausgewertet. Bis zum Ablauf der Meldefrist am 31.12.2014 haben sich nach Angaben des Sozialministeriums insgesamt 2.191 Betroffene an die Anlauf – und Beratungsstelle Baden-Württemberg gewandt, 230 Betroffene haben sich nach Ablauf der Meldefrist gemeldet. Wie viele Betroffene in Baden-Württemberg letztendlich tatsächlich Leistungen aus dem Fonds Heimerziehung erhalten werden, wird allerdings erst nach Ende der Fondslaufzeit am 31. Dezember 2018 feststehen.

Ausstellung

Daneben hat das Land Baden-Württemberg zur Umsetzung des Fonds Heimerziehung die wissenschaftliche Begleitung beim Landesarchiv Baden-Württemberg angestoßen, die aus Landesmitteln finanziert wird. Das die Arbeit der Anlauf – und Beratungsstelle flankierende Projekt „Archivrecherchen und historische Aufarbeitung der Heimerziehung in Baden-Württemberg zwischen 1949 und 1975“, läuft vom 31.05.2012 bis zum 31.12.2018. Die Ansprechpartnerinnen Nastasja Pilz und Nora Wohlfarth bearbeiteten bislang 1650 Anfragen und Recherchen.

Ein erstes Ergebnis: die seit Sommer 2015 durch das Land tourende Wanderausstellung „Verwahrlost und gefährdet? Heimerziehung in Baden-Württemberg 1949-1975“. Die bislang stark nachgefragte Wanderausstellung beinhaltet auch einen Film (mit cirka 30 Minuten Laufzeit, in dem Betroffene zu Wort kommen) und eine Publikation zur Information der allgemeinen und der Fachöffentlichkeit (die jeweils bei den Ausstellungen zum Verkauf steht: Landesarchiv Baden-Württemberg, „Verwahrlost und gefährdet? Heimerziehung in Baden-Württemberg 1949-1975“, Stuttgart 2015, Verlag W.Kohlhammer, 158 Seiten, 15 Euro). Die Wanderausstellung, die seit Sommer 2015 an verschiedenen Standorten im Land zu sehen war, trägt erheblich zur nachhaltigen Wirkung des Projekts bei.

 

Die Ausstellung

 

Die Ausstellung ist derzeit – und noch bis zum 30. März im Generallandesarchiv Karlsruhe (Nördliche Hildapromenade 3, 76133 Karlsruhe) zu sehen. Ab dem 3. April kommt die Ausstellung für zwei Monate in das Stadtmuseum Rastatt (Herrenstraße 11, 76437 Rastatt), und wechselt dann im Anschluss ab Ende Juni für weitere zwei Monate in das Stadtmuseum Rheinfelden (Baden).

Website der Ausstellung